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Willkommen beim Internet Angebot der interdisziplinären deutschsprachigen Liste "Menschliches Verhalten in evolutionärer Perspektive".Sie finden auf diesen Seiten eine Liste mit Adressen von Forschern und Personen verschiedener Teildisziplinen, die im Bereich des menschlichen Verhaltens im Kontext der Evolutionstheorie arbeiten. Desweiteren bieten wir aktuelle Informationen, Termine, Buecher und Texte zum Thema.

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Aktuelle Nachrichten / News:

Nachruf: Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Begründer der Humanethologie und des humanethologischen Filmarchivs ist gestorben*

Zwei schwergewichtige, aus einer beeindruckenden Menge an Publikationen und eigener Forschung klug synthetisierte, in viele Sprachen übersetzte Lehrbücher, einige Bestseller, viele ebenfalls international bedeutsame Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften, wissenschaftliche Filme, Fernsehsendungen und das größte Filmarchiv der Welt mit ungestellten Szenen alltäglichen Sozialverhaltens sowie eine umfassende Sammlung der materiellen Kultur verschiedener traditionaler Gesellschaften bilden die eindrucksvolle Hinterlassenschaft von Irenäus Eibl-Eibesfeldt (EE), der am 2. Juni in seinem Haus in Starnberg-Söcking verstorben ist, zwei Wochen vor seinem 90. Geburtstag.

Sein Vater, der früh begann, ihn als Botaniker in die Geheimnisse des Lebendigen einzuführen, starb, als er 11 Jahre alt war. Mutter oder Vater zu verlieren, belastet die Seele von Kindern schwer, evolutionsbiologisch ist das leicht verständlich. Für den noch jungen Irenäus war der Verlust besonders traumatisch. In der Schule fehlte er nun oft, statt dem ihn langweilenden Frontalunterricht zu folgen, hielt er sich an Teichen, in Wiesen und Wäldern auf und schärfte seinen Blick für die kleinen Wunder der Natur. Sein Leben lang hat ihn das, neben anderen Fähigkeiten ausgezeichnet: er war ein begnadeter „Seher“, dazu einer, der das Geschaute in biologische, funktionale Sinnzusammenhänge bringen konnte, ein Titan der Synthese. Diese Kraft hat ihn befähigt, Strukturen und Details aus vielen Wissenschaftszweigen zusammenzuführen und eine interdisziplinäre, evolutionsbiologisch inspirierte Sicht der conditio humana zu entwickeln. Einige der Lehrpersonen müssen seine große Begabung erkannt haben, denn trotz seiner gerügten Abwesenheiten ermöglichten sie die weitere gymnasiale Ausbildung; er wurde an ein Internat versetzt. Als 15-Jähriger wurde er Flakhelfer, als 18-Jähriger begann er das Studium der Zoologie an der Universität Wien.

Konrad Lorenz, dem EE und seine spätere Frau Eleonore Siegel sich schon vor dem Krieg angeschlossen hatten, kam als einer der Spätheimkehrer 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück, in der er auf zurecht geschnittenem Zementsackpapier ein Lehrbuch der Tierethologie verfaßt hatte, gänzlich aus dem Gedächtnis ohne Zugang zu Literatur. In einer aufgelassenen Militärbaracke auf dem Wilhelminenberg bei Wien, wo Otto Koenig eine Gruppe ethologisch interessierter Studierender unterrichtete, hielt Lorenz verhaltensbiologische Vorlesungen und zog die jungen Leute in seinen Bann. Wolfgang Schleidt, Flakhelferkamerad und lebenslanger Freund von Irenäus und andere aus der Gruppe um Koenig hatten den Platz einfach besetzt, indem sie ein Schild „Wissenschaftliches Versuchsgelände“ aufstellten. Im Nachkriegschaos wurden damit Fakten geschaffen, die Station gibt es immer noch.

Im Jahre 1951 wurde Lorenz zum Leiter der Forschungsstelle für vergleichende Verhaltensforschung des Max-Planck-Instituts für Meeresforschung berufen, die übergangsweise im Wasserschloß  Buldern untergebracht wurde. Lorle und Renki, wie er von seinem Freunden genannt wurde, inzwischen verheiratet, Wolfgang Schleidt. Margaret Zimmer (später Schleidt), Beatrice Öhler (später Lorenz) waren im damaligen ersten Team, lebten und arbeiteten in der Kegelbahn und anderen Räumen des Schlosses, dessen Besitzer der körperlich und gesellschaftlich mächtige Graf Romberg war, ein trinkgewaltiger Westfale. 1957 erging der Ruf an Erich von Holst, zusammen mit Konrad Lorenz das Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen zu gründen. EE und die anderen blieben bei Lorenz. Es war die große Zeit des Siegeszugs der sich entwickelnden Ethologie, deren evolutionsbiologische Basis den vor allem in den USA von Skinner und anderen entwickelten Behaviorismus als primäres Erklärungsmodell für die Steuerung tierischen Verhaltens in Frage stellte und partiell ablöste. Konrad Lorenz erhielt 1973 den Nobelpreis für seine Arbeiten zur Prägung.

Hans Hass, einer der Begründer der marinen Biologie und Pionier des Apparatetauchens, lud EE ein, als Mitglied des wissenschaftlichen Teams die ausgedehnten Forschungsreisen auf der „Xarifa“ mitzumachen. Die Landratte Irenäus entwickelte sich zum perfekten Taucher und zum Entdecker wichtiger Lebensvorgänge unter Wasser. So beschrieb er die Symbiose zwischen Putzerfischen und den Geputzten, die sich gern Parasiten und abgeschilferte Schuppen entfernen lassen, sowie viele andere biologisch interessante Anpassungen der Tiere an ihre Umwelt. Mit ihm zu schnorcheln, etwa im Riff des Trobriand Dorfes Tauwema, in dem wir 1979 ein Forschungsprojekt begannen, war ein Erlebnis. Er kannte alle Lebewesen in diesem bunten Gewimmel und konnte ihr Mit- und Gegeneinander packend erklären. Ohne Zweifel hätte er sich an einer der führenden Universitäten des In- und Auslandes als Ordinarius für marine Biologie bestens etabliert.

EE erarbeitete sich schnell einen Platz in der vorderen Reihe der Ethologie. Seine scharfen, unvoreingenommenen Beobachtungen belegten z.B., daß unerfahrene Ratten instinktiv gesteuerte Verhaltensweisen des Nestbaus an den Tag legten, daß Spielverhalten bei Säugetieren, mittels dessen neue Verhaltensweisen ausprobiert werden können, nur durch die evolutionär bedeutende Möglichkeit der Abkopplung von biologischen Primärantrieben zustande kommen kann, er erklärte, auch in einer Art Ergänzungsthese der Lorenzschen Sicht der Aggression, die typisch menschliche Liebe zwischen erwachsenen Individuen als eine Weiterentwicklung der individuellen Bindung, die im Laufe der Brutpflege zwischen Eltern und Jungen entstanden war - eine „Sternstunde der Evolution“, wie er richtig schrieb. Schon 1967 erschien bei Piper in München das Lehrbuch der Tierethologie, über 500 Seiten stark, der „Grundriß der vergleichenden Verhaltensforschung“, es erlebte viele Auflagen, die zumeist, typisch für sein rastloses Streben nach Erkenntnis, die neuen Entwicklungen aufnahmen. Wir nennen es das „Alte Testament“, denn 1984 erschien das zweite große Werk, „Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriß der Humanethologie“, knapp 1.000 Seiten, wieder bei Piper, das „Neue Testament“. In Fachkreisen begründeten diese Werke seinen Ruf als einer der weltweit führenden Evolutionsbiologen. Eine seiner meistbeachteten Studien war die Dokumentation des non-verbalen Verhaltens bei Kindern, die infolge von Röteln-Infektionen der Mütter während der Schwangerschaft blind und taub geboren worden waren. Bereits Darwin hatte vom Leiter eines Heims für blinde Kinder Informationen darüber eingeholt, ob diese Kinder eine sehenden Kindern ähnliche oder identische Mimik aufwiesen. Die von EE gefilmten Kinder lebten in ständiger Nacht und Stille, konnten also keine visuellen und keine akustischen Informationen über die mimischen Signale der Menschen um sie herum empfangen. Die Filmdokumente belegten eindrucksvoll, daß die Kinder genau so lächelten, Verzweiflung und Trauer ausdrückten wie sehende Kinder. Die Folgerung war evident: Diese basalen Emotionen aus dem limbischen System des Gehirns werden über Nervenbahnen an die feine mimische Muskulatur des Gesichts gemeldet und führen dort zu den weltweit typischen Mustern der Freude, der Trauer, der Verzweiflung, des Ekels, der Wut etc. Es handelt sich um ein angeborenes System, das ohne „input“ von außen funktioniert, das heißt es ist lern- und kulturunabhängig.

Beraten und begleitet von seinem väterlichen Freund Hans Hass begann EEs neue Karriere als Humanethologe. Die beiden Biologen erkannten, daß das Verhalten der Menschen in ganz unterschiedlichen Gegenden der Welt erstaunlich ähnlich war. Ein ökologisch orientierter Forschungszugang konnte diese Universalien nicht erklären. Charles Darwin hatte schon versucht, seinen Ausführungen in dem bahnbrechenden Werk von 1872 „The Expression of  the Emotions in Man and Animals“ kulturenvergleichende Daten zu Grunde zu legen, indem er Regierungsbeamte im damals globalen English Empire, Missionare und andere Ortskundige per Fragebogen über die in den jeweiligen Kulturen übliche Verhaltensweisen Auskunft geben ließ. Interkontinentalflüge und eine von Hass und EE entwickelte Spiegeloptik, die zunächst unbemerktes filmisches Dokumentieren erlaubte, gaben der sich nun entwickelnden humanethologischen Feldforschung neue Impulse. Es entstand die Idee, ein Archiv ungestellten Verhaltens unserer Spezies aufzubauen. Filme vom Hausbau, vom Herstellen und Gebrauch von Werkzeugen etc. gab es genügend in den wissenschaftlichen Instituten. Aber wie Menschen im Alltag kommunizieren, wie Kinder miteinander, wie Ältere mit Kindern umgehen, welche subtilen Zeichen vom evolutionär entstandenen Signalapparat der Mimik gesendet und wie sie beantwortet werden, war weitgehend unbekannt. Fünf Modellkulturen wurden strategisch ausgesucht: die Yanomami (Jäger, Sammlerinnen, Gartenbauer) am Oberlauf des Orinoko in Venezuela, die San der Kalahari (Jäger,  Sammlerinnen) in Botswana und Namibia, die Himba (Rinderzüchter) in Namibia, die Eipo (Gartenbauer, Jäger, Sammlerinnen) im Hochland von West-Neuguinea, Indonesien und die Trobriander (Gartenbauer, Fischer und Nutzer mariner Ressourcen) auf der Insel Kaileuna in Papua Neuguinea.

EE wußte, daß er sich in das Terrain anderer Wissenschaften begab: die Ethnographie, die empirische Soziologie waren Disziplinen, die das Leben in Gesellschaften und Gruppen zum Thema hatten und Verhalten kulturabhängig begründeten. Nun kam ein Biologe mit der Arriflex in der Hand, Darwin, Lorenz und die anderen Väter der Ethologie im Kopf und begann, in ihren Vorgärten zu wildern, noch dazu Dinge zu Tage zu fördern, die bis dahin nicht beschrieben waren; z.B. den „Augengruß“, ein schnelles Heben der Augenbrauen als Zeichen eines „Ja“ zur sozialen Interaktion, die Juxtaposition von aggressiven (kriegerischen Gesten) und beschwichtigenden (Blumen streuende, tanzende Kinder) Elementen in der potentiell gefährlichen Begegnungssituationen zwischen Gruppen und vieles andere mehr. Alle Szenen wurden sehr sorgfältig protokolliert. Für die Modellkulturen bzw. Regionen suchte sich EE jüngere Kolleginnen und Kollegen, die der lokalen Sprache mächtig waren und die Gesellschaften aus eigener längerer Feldforschung gut kannten. So verbanden sich distanzierte Dokumentation mittels Filmkamera und ethnographische und linguistische Expertise. Eine gute Kombination.

Über Jahrzehnte wurden unwiederbringliche Dokumente des Lebens in verschiedenen Gesellschaften erarbeitet – sie haben allesamt einen zum Teil dramatischen Prozeß der Akkulturation durchgemacht. Oft unter schwierigen Bedingungen, wie sie typisch sind für die Feldforschung in den Tropen, Bedrohung durch Klima, Parasiten, Unfälle, ausfallende Flugzeugmotoren und Bruchlandung. EE nahm alle diese Strapazen mit nie nachlassendem Enthusiasmus auf sich, stundenlang an der Kamera, alles beobachtend und präzise protokollierend. Er wußte sehr wohl, daß er gemessen werden würde an der Methodik seiner Daten-basierend arbeitenden Kollegenschaft in der Tierethologie und von jener in den Geisteswissenachaften, deren Primat für die Erklärung des Menschen er störte. Der Mensch als eines der Tiere, „Vorprogrammierung“ durch evolutionär entstandene „Blaupausen“ im Gehirn, Kulturinvarianzen, nur bedingte Kulturspezifität... waren veritable Schreckgespenste in den 60-er und 70-er Jahren. Mittlerweile hat sich das Rad der Wissenschaftsgeschichte gedreht. Abgesehen vom postmodernen Dekonstruktivismus ganz in EE’s Richtung. Vieles was er und sein Team in der Forschungsstelle für Humanethologie der Max-Planck-Gesellschaft zunächst in Percha bei Starnberg, dann in Seewiesen, lange Jahre im Erlinger Schlößchen und dann wieder in Seewiesen erarbeitet und publiziert haben, auch über psychische und kognitive Eigenschaften des Homo sapiens kommt in diesen Tagen in neuem Gewande in wissenschaftlichen Journalen und der Presse zu Tage. Unsere Zeit ist kurzlebig. Moden wechseln, auch die Paradigmen für die Erklärung der Welt und des Menschen. Vieles, was von den frühen und den späteren Protagonisten der Evolutionsbiologie erkannt wurde, wird bleiben. Dazu gehören auch die vielen Entdeckungen, die EE gemacht und von denen er mit Enthusiasmus und Entdeckerfreude berichtet hat. Mit „Weltsprache Kunst“ hat er 2007 (zweite Auflage 2008) zusammen mit seiner kongenialen Kollegin Christa Sütterlin ein wegweisendes Werk über die evolutionären Grundlagen der visuellen Kommunikation publiziert. Es ist sein letztes opus magnum.

Der von E.O. Wilson begründeten Soziobiologie begegnete er mit Interesse, er erkannte die Vorzüge der auf genaue Hypothesenbildung, entsprechende Experimente und mathematische Analyse gegründeten Herangehensweise. Wie Kollegen z.B. in den Niederlanden, ebenfalls einer Hochburg der Ethologie, plädierte er für eine Synthese der beiden Herangehensweisen, der europäischen Tradition der reichhaltigen Dokumentation von „real life“-Verhalten und der angelsächsisch geprägten, weltweit rezipierten Soziobiologie und evolutionären Psychologie. Gruppenselektion konnte es nach dezidierter, auch in Seewiesen vertretener  soziobiologischer Meinung nicht geben. EE hielt daran fest, daß solche Entwicklungslinien in der Evolution vorgesehen und funktional seien. Mittlerweile haben E.O. Wilson und Bert Hölldobler, weltweit führende Soziobiologen, die Existenz von gruppenselektionistischen Prozessen beschrieben; für den Menschen zeigen z.B. die Arbeiten von Boyd und Richerson, daß auch diese Form evolutionär Bedeutung hat. EE’s tiefe Einsicht in die Prozesse des Lebendigen hatten ihm den richtigen Weg gewiesen und seine Rebellennatur hatte dafür gesorgt, daß seine Stimme nicht unterging. Seine Arbeiten werden gerade im Vereinigten Königreich und in den USA geschätzt. Er etablierte die Humanethologie in einem viel beachteten Target Artikel („Human Ethology: Concepts and implications for the sciences of man) in „Behavioral and Brain Sciences“ (1979); viele bedeutende Kolleginnen und Kollegen nahmen dazu Stellung, auch noch im nächsten Jahrgang der Zeitschrift; die meisten mit unterstützenden Ausführungen. Lange Jahre war er der Gründungspräsident der International Society for Human Ethology mit Sitz in den USA. Im eigenen Land erging es ihm ein wenig wie dem Propheten, dessen Stimme man draußen eher wahrnimmt als drinnen. Die Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft ernannte ihn 1992 zum Gründungsdirektor des „Instituts für Stadtforschung“, dessen Leitung vor Ort bis zur Schließung im Jahre 2009 Karl Grammer inne hatte.

Er mischte sich ein in die politischen Debatten. Das haben ihm manche nicht verziehen, die meinten, ein Biologe solle bei der Zoologie bleiben und nicht öffentlich über die Lebensbedingungen in der modernen Gesellschaft nachdenken. Er argumentierte, daß Vertreter anderer Wissenschaften sich ebenfalls zu Wort meldeten. Der intellektuelle Diskurs bedarf natürlich der Stimmen aus den unterschiedlichen Disziplinen. Sein Streitgespräch mit Heiner Geissler, auch ein sympathischer Querkopf wie er selbst, ist unvergessen. EE’s Hypothese, daß die Fremdenfurcht bei Erwachsenen eine Art Fortsetzung des Fremdelns bei Kleinkindern sei, ist bisher nicht verifiziert; möglicherweise wird das (oder eine Falsifikation) bei weiteren Fortschritten der Neurobiologie einmal möglich sein. Seine Warnung jedoch, daß die Aufnahme einer großen Zahl von Menschen aus anderen Kulturen eine Gesellschaft überfordere, daß Gemeinwesen nur auf der Basis von Solidarität funktionieren können, daß eine Mißachtung dieser biopsychischen Grundbedingungen eine Hinwendung der Bevölkerung zu rechtsradikalen Positionen führen werde, wurde damals von etlichen Seiten scharf kritisiert. Die heutige Situation bestätigt ihn mehr, als er es wohl vorausgesehen hat.

Das von EE begründete humanethologische Filmarchiv der Max-Planck-Gesellschaft ist inzwischen in die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung integriert worden. Ein Glücksfall. Es handelt sich um etwa 300 km Film (man muß über 40 Tage permanent schauen, bis man alles gesehen hat) vor allem aus den erwähnten fünf Modellgesellschaften, die über Jahrzehnte von ihm besucht wurden und z.T. auch heute noch, nach mehr als 40 Jahren, mit dem humanethologischen Team zusammenarbeiten – eine zeitliche Tiefe, die in anderen Langfristuntersuchungen nur selten erreicht wird. Die 16 mm Originale sind in hervorragendem Zustand und lagern im Archiv des Frankfurter Film-Instituts. Eine nach derzeitigem Standard suboptimal digitalisierte Version sowie ein digitaler Schlagwortkatalog liegen vor. Dieser wissenschaftliche Schatz wird in Zukunft der Forschung zugänglich gemacht. Die in den Filmdokumenten aufscheinende grundsätzliche Universalität menschlichen Wahrnehmens, Fühlens, Denkens und Verhaltens ist verbindendes Erbe unserer Spezies.

Eine vollständige Kopie der zahlreichen publizierten Filme aus der Kultur der Eipo wurde 2014 in das mit Mitteln des Auswärtigen Amtes und der indonesischen Regierung errichtete Kulturzentrum Eipomek integriert. Die Einheimischen hatten 2008, als wir dort auf einem Laptop zum ersten Mal zu ihrer großen Begeisterung einige der bei ihnen entstandenen Filme zeigten, gesagt: „Wißt Ihr, wir haben keine Geschichte, nichts Geschriebenes und keine Zeichnungen, Photos und Filme. Ihr habt alles gefilmt, photographiert und aufgeschrieben. Könnt Ihr uns Kopien geben?“ In dem Zentrum, das die architektonische Form der früher sakralen Männerhäuser hat, können sie nun die Publikationen, Bilder und Filme aus der Phase vor der Annahme des Christentums um 1980, auch neuere Dokumente, anschauen. Sie sind sehr stolz, daß sie als einzige kulturelle Gruppe der Bergpapua West-Neuguineas eine solche Institution haben: „Ein Baum braucht Wurzeln, sonst stürzt er um; wir wollen unsere Traditionen nicht verlieren. Zeigt auch Euren Leuten die Filme von uns“. Erste Schritte, das humanethologische Filmarchiv als UNESCO Weltdokumentenerbe anerkennen zu lassen, sind getan. Das Lebenswerk des Irenäus Eibl-Eibesfeldt würde so eine neue Dimension bekommen.

Wulf Schiefenhövel
Max-Planck-Institut für Ornithologie
Starnberg-Seewiesen

* Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine überarbeitete und gekürzte Fassung der Version, die in der Naturwissenschaftlichen Rundschau publiziert werden wird
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