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Der fatale Irrtum von Darwin bis zur heutigen Soziobiologie

zur Rolle von Geist und Kultur des Menschen in der Evolution

 Bernd Ehlert

 

Der amerikanische Biologe Edward O. Wilson galt seit seinem 1975 erschienenen Buch „Sociobiology – The New Synthesis“ als „Vater“ der Soziobiologie, die auch das geistig-kulturelle Sein des Menschen direkt von den Genen und ihren Gesetzmäßigkeiten her zu erklären sucht. Doch seitdem Wilson 2010 aufgrund neuer empirischer Erkenntnisse eine Kehrtwende vollzogen hat und nun die Soziobiologie als eine falsche, gescheiterte Lehre kritisiert, tobt die Auseinandersetzung um diese naturalistische Erklärung des Menschen nicht nur zwischen der naturwissenschaftlichen Biologie und den geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, sondern nun auch innerhalb der Biologie.


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Wir leben heute in einem Zeitalter des Materialismus und absoluten Realismus mit einem materiellen (statt geistig-kulturellen) Wachstumsideal und exponentiellen Zuwächsen (in einer begrenzten Biosphäre) nicht nur hinsichtlich der Weltbevölkerung, sondern auch in Bereichen wie Informationstechnologien, Mobilität, Waffentechnologien, Ressourcenverbrauch, Umweltzerstörung usw. Alles scheint möglich, der Mensch ist schon auf dem Mond spazierengegangen, er hat seinen eigenen genetischen Bauplan entschlüsselt und Waffen entwickelt, mit denen er sich mehrfach selbst vernichten kann. Und nun kündigt der als berühmtester Biologe unserer Zeit bezeichnete Amerikaner Edward O. Wilson einen neuen, vielleicht sogar den größten Meilenstein im technisch-materiellen Siegeszug der modernen Naturwissenschaften an: Die Entschlüsselung und Erklärung des Denkens von der materiellen Grundlage her.


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Menschliches Wissen

Weil du liesest in ihr, was du selber in sie geschrieben,

Weil du in Gruppen fürs Aug ihre Erscheinungen reihst,

Deine Schnüre gezogen auf ihrem unendlichen Felde,

Wähnst du, es fasse dein Geist ahnend die große Natur.

So beschreibt mit Figuren der Astronome den Himmel,

Dass in dem ewigen Raum leichter sich finde der Blick,

Knüpft entlegene Sonnen, durch Siriusfernen geschieden,

Aneinander im Schwan und in den Hörnern des Stiers.

Aber versteht er darum der Sphären mystische Tänze,

Weil ihm das Sternengewölb sein Planiglobium zeigt?

(Friedrich Schiller)

Kann die moderne Naturwissenschaft in Form der Biologie das Rätsel des Bewusstseins lösen, in ihrem Weltbild des Realismus das menschliche Wissen so umfassend erweitern, in sich als Realität erklären und bestätigen und damit die bisherigen Geisteswissenschaften überflüssig machen, die mit ihrer zweitausendjährigen Tradition an diesem Rätsel angeblich gescheitert sind? Diese Ansicht und dieser Anspruch wird zumindest von dem Biologen Edward O. Wilson in seinem neuen Buch „Der Sinn des menschlichen Lebens“1 vertreten. Doch bei näherer und kritischer Betrachtung dieser Ansicht zeigt sich, dass genau umgekehrt die Naturwissenschaften bei ihren Problemen die Hilfe der alten Geisteswissenschaften benötigen, um ihren nur noch »hypothetischen Realismus« zu überwinden, der sich darin als ein dogmatischer und quasireligiöser Realismus-Glaube entpuppt.


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Kann die moderne Naturwissenschaft in Form der Biologie das Rätsel des Bewusstseins lösen, und damit die bisherigen Geisteswissenschaften überflüssig machen, die mit ihrer zweitausendjährigen Tradition an diesem Rätsel gescheitert sind? Diese Ansicht und dieser Anspruch wird zumindest von dem Biologen Edward O. Wilson in seinem neuen Buch „Der Sinn des menschlichen Lebens“1 vertreten. Aber bei näherer und kritischer Betrachtung zeigt sich, dass genau umgekehrt die Naturwissenschaften bei ihren Problemen die Hilfe der alten Geisteswissenschaften benötigen.


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Im Jahr 1973 eremitierte Konrad Lorenz mit 70 Jahren als Direktor des Max-Planck-Instituts. Gleichzeitig befand er sich in diesem Jahr mit der Verleihung des Nobelpreises und dem Erscheinen seines als Hauptwerk bezeichneten Buches „Die Rückseite des Spiegels“ auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn. Doch schon kurz danach verlor sein wissenschaftliches Werk rapide an Bedeutung und Ansehen. Denn 1975 veröffentlichte der amerikanische Biologe Edward O. Wilson sein Buch „Sociobiology – The New Synthesis“, mit dem die neue naturwissenschaftliche Disziplin der Soziobiologie begründet wurde. Während für Lorenz besonders die evolutive Entstehung des Geistig-Kulturellen beim Menschen so entscheidend war, dass er das in seinem Hauptwerk mit der Entstehung des Evolutionsprozesses selbst verglich und gleichsetzte, spielte das in der Soziobiologie überhaupt keine Rolle, d.h. die Soziobiologie unterwarf auch das Geistig-Kulturelle und Soziale beim Menschen den genetischen Gesetzmäßigkeiten der sogenannten Verwandtenselektion. Selbst das von Lorenz mit gegründete und lange Zeit geleitete Max-Planck-Institut lief mit den neuen Verantwortlichen nach kurzer Zeit ins Lager der Soziobiologie über. Das wissenschaftliche Interesse an Lorenz war damit schon kurz nach seinem Höhepunkt innerhalb kürzester Zeit erloschen und sein Wirken Geschichte.


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Rezension zu Konrad Lorenz: „Die Rückseite des Spiegels“, München 1987

Viele Erkenntnisse von Konrad Lorenz zur Biologie gelten heute als überholt oder gar falsch. Seine Person wird wegen seiner Tätigkeiten in der von den Nazis gleichgeschalteten Wissenschaft zudem moralisch geächtet, wobei ihm unterstellt wird, dass es ihm auch in allen seinen Arbeiten als Biologe nach dem Krieg stets  nur um die von der Nazi-Ideologie propagierten Rassenpflege ging. Diese Kritik wurde vor allem durch zwei Äußerungen in einem Interview ausgelöst, das Lorenz kurz vor seinem Tod der Zeitschrift „Natur“ gegeben hatte. Er sagte dort, dass man angesichts der Überbevölkerung „eine gewisse Sympathie für Aids bekommen könnte“ und dass es sich zeigt, dass „die ethischen Menschen nicht so viele Kinder haben und die Gangster sich unbegrenzt und sorglos weiterreproduzieren“ (Natur, 11/88). Diese beiden Aussagen reichten, um gegen den 85-jährigen Lorenz, zunächst in den Leserbriefen prominenter Intellektueller als Reaktion auf das Interview (Natur, 12/88), bis heute das auszulösen, worin der „Natur“-Interviewer Bernd Lötsch „Züge einer ideologischen Lynchjustiz“ (Natur, 2/89) erkannte. Den Gipfel erreichte diese Kritik an Lorenz in einem Cartoon (Natur, 2/89), in dem Lorenz als Sodomit dargestellt wurde, der mit seinen Gänsen Monster zeugte, die die heilige göttliche Ordnung störten – so als ob Lorenz oder die Naturwissenschaft das Böse in der Welt geschaffen hätten. Als Beleg und Nachweis für die Beibehaltung des nationalsozialistischen Biologieverständnisses in seinen zahlreichen Nachkriegs-Publikationen wird in der Folge etwa bei Wikipedia jedoch nur eine einzige Stelle angeführt, und zwar in seinem Buch „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ (München 1973, S. 64), die dabei so interpretiert wird, als wolle Lorenz der wachsenden Jugendkriminalität mit den Rassepflegemaßnahmen der Nazis begegnen.

Bei Kenntnis des hier rezensierten Hauptwerkes von Lorenz und einer sachlichen, objektiven und differenzierten Betrachtung seines Wirkens nach der NS-Zeit kommt man dagegen zu einem ganz anderen, ja gegensätzlichen Urteil: Die wichtigste und zentralste Erkenntnis dieses Hauptwerkes ist nicht nur dazu geeignet, die Natur des Menschen von der Biologie her in Übereinstimmung mit den Geistes- und Sozialwissenschaften zu bestimmen. Lorenz hat mit der Erkenntnis der menschlichen Natur des Geistes das Wesentliche von dem Ziel erreicht, das er sich im Vorwort gesetzt hatte, nämlich „die böse Mauer zwischen Natur- und Geisteswissenschaften niederzureißen“ (S. 30-31). Das wird dadurch ermöglicht, weil dieses Buch von Lorenz die physiologische Grundlage des menschlichen Geistes im Blick hat, denn „die Rückseite des Spiegels“ ist „der physiologische Apparat, dessen Leistung im Erkennen der wirklichen Welt besteht“ (S. 33).


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Nach den desaströsen Erfahrungen mit dem Sozialdarwinismus entstand nach dem zweiten Weltkrieg eine neue Theorie der sozialen Evolution einschließlich des menschlichen Seins. Der amerikanische Biologe Edward O. Wilson etablierte sie 1975 unter dem Namen »Soziobiologie« als neue naturwissenschaftliche Disziplin und galt seitdem als ihr »Vater«. Aufgrund neuer, empirisch gewonnener Erkenntnisse verwirft Wilson heute jedoch nach fast 40 Jahren diese zwischenzeitlich überall etablierte Theorie zum Entsetzen und Widerspruch ihrer Anhänger und wissenschaftlichen Vertreter wieder vollständig. Er vertritt heute eine neue Theorie der Entwicklung des Sozialen, bei der er wieder auf die sogenannte Gruppenselektion der alten Verhaltensforschung von Konrad Lorenz zurückgreift. Welche dieser drei sich widersprechenden Theorien der Evolution des Sozialen ist die wahre, welche bestimmt das Verhältnis zwischen unserem genetisch verankerten animalischen Erbe mit seinen Instinkten und dem exklusiv Menschlichen von Sprache, Geist und Kultur zutreffend? Entscheidend sollte auch hier sein, ob und inwieweit eine Theorie die Phänomene der Praxis und Realität, von der sie handelt, richtig beschreiben und dabei Probleme dieser Realität lösen oder zumindest einsichtig erklären kann. Eine Theorie über die evolutionäre Natur des Menschen sollte sich dementsprechend vor allem auf das Problem von Gewalt und Krieg beim Menschen anwenden lassen. Das wird hier als Maßstab und Prüfstein dafür genommen, diese drei Theorien zu vergleichen. Dabei zeigt sich, dass die eigentliche Ursache der bis heute andauernden Widersprüche und Irrwege dieser Theorien schon bei Charles Darwin liegt, und dass der damalige Einwand des Mitentdeckers Alfred Russel Wallace völlig berechtigt war. Darwins Evolutionstheorie lässt sich in der jetzigen Form nicht auf den Menschen anwenden, denn dann entstehen die „dunklen Rätsel“, die Darwin bei den kulturellen Fortschritten der Völker sah, und es endet wie geschehen bei konsequenter Anwendung letztlich im Sozialdarwinismus.

 

 


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Rezension zu Edward O. Wilson: „Die soziale Eroberung der Erde“, München 2013

Der größere Rahmen und Zusammenhang, in dem dieses Buch von Wilson zu betrachten ist, ist dadurch gegeben, dass im Mittelalter die Menschen in Europa ein einheitliches und in sich geschlossenes Weltbild besaßen, das die entscheidenden Fragen des Menschen nach seinem Woher, seinem wahren Sein und seinem Wohin umfassend beantwortete. Dieses Weltbild war ein religiöses und mythisches. Der Mythos bestand in der Idee eines übernatürlichen Schöpfergottes, der den Menschen und seine Kultur aber auch die den Menschen umgebende Natur und Welt geschaffen hat. Sinn, Verhalten und Aufgabe des Menschen waren allein durch diese mythische Idee vorgegeben. Die den Menschen umgebende Natur und Welt mit ihren Gesetzmäßigkeiten war dagegen nur nebensächliche Staffage ohne weitere Bedeutung.

Mit der Renaissance, Neuzeit, Aufklärung und modernen Naturwissenschaft änderte sich das, insbesondere durch die Evolutionstheorie wurde die Welt nicht mehr nur allein von einer einzigen, dogmatisch und emotional gestützten mythischen Idee her erklärt, sondern unter radikalem Ausschluss aller übernatürlicher Erklärungen nun mit einem wesentlich flexibleren Geist rational, empirisch und naturwissenschaftlich allein von der Natur und ihren Gesetzmäßigkeiten her. Der Erfolg dieses neuen Geistes war vor allem in technischer und medizinischer aber auch sozialer Hinsicht überwältigend. Nur in Bezug auf den Menschen selbst scheiterte diese Aufklärung im Desaster des Sozialdarwinismus, hier hält daher bis heute die mythische Erklärung des alten Geistes ihren letzten aber entscheidenden Brückenkopf. Sowohl der von Wilson in diesem Buch so sehr kritisierte Ansatz der Verwandtenselektion als auch der von ihm stattdessen vorgestellte Ansatz zur evolutionären Erklärung des menschlichen Seins sind Versuche dazu, den Mythos um das menschliche Sein umfassend und nachhaltig mit einer rein natürlichen Erklärung zu überwinden. Wilson sieht dabei nicht mehr das egoistische Gen, Verwandtenselektion und genetische Gesamtfitness als zentrale Erklärungsformel der Evolution auch des Menschen, sondern er sieht in der Sprache den „Gral“ und die natürliche „Zauberkraft“ der menschlichen Entwicklung und des menschlichen Seins.


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Michael Blume, „Evolution und Gottesfrage“, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2013

Der Religionswissenschaftler Michael Blume verfolgt in diesem Buch mutig den Weg, die Gottesfrage interdisziplinär von der Evolution her anzugehen. Dabei bringt er allerdings ausführlich den evolutionären Theismus mit einer göttlich begründeten Emergenz von Darwins Zeitgenossen William Graham ins Spiel, von dessen Buch der studierte Theologe Darwin am Ende seines Lebens sehr angetan war. Doch der zwischenzeitlich bekennende Agnostiker Darwin lehnte diesen Theismus als Erklärung dafür, dass das Universum kein Resultat des Zufalls sei, sondern einer Zielgerichtetheit und einem göttlichen Willen unterliegt, die und der insbesondere das Sein des Menschen betrifft, schließlich mit den Worten ab: „Würde jemand den Überzeugungen eines Affengeistes trauen, wenn in einem solchen Geist Überzeugungen wären?“ In der ansonsten sehr guten Argumentation und Darstellung zum Thema Evolution und Religion von Blume zeigen sich auch darüber hinaus an manchen Stellen Widersprüche, die auf Widersprüche und Unvollkommenheiten in Darwins Evolutionstheorie selbst hinweisen. Ist der menschliche Geist nur ein etwas komplexerer Affengeist im Sinne Darwins, oder besitzt er eine Würde, die als neues emergentes geistiges Sein grundsätzlich und weit darüber hinausgeht, wie es schon der Mitbegründer der Evolutionstheorie, Alfred Russel Wallace, mit seinem leider spirtistisch begründeten Emergenzmodell behauptete? Erst mit dem in diesem Buch von Blume leider nicht erwähnten rein natürlich begründeten Schichtenmodell von Nicolai Hartmann lassen sich diese Auseinandersetzungen um die Rolle des menschlichen Geistes in der Evolution und damit auch um die Religion auflösen. Der menschliche Geist ist demnach kein Affengeist mehr, was die Evolutionstheorie von Darwin ohne jeglichen übernatürlichen Bezug auf natürliche, philosophische und naturwissenschaftliche Weise erweitert und fortführt.

 


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Mein Buch "Die egoistische Information" ist mit Datum vom 27.01.2015 in einer 4., erweiterten und völlig überarbeiteten Auflage (jetzt 528 Seiten) erschienen.

Siehe hier: http://www.amazon.de/dp/1507685505/

Prof. Dr. Dr. Gerhard Vollmer (Mitbegründer der Evolutionären Erkenntnistheorie):
"Merschs größte Leistung besteht darin, dass er ein geeignetes Abstraktionsniveau für eine universelle Evolutionstheorie gefunden hat. Es gelingt ihm, seine Theorie so zu formulieren, dass sie sowohl die biologische als auch die soziale Evolution angemessen beschreibt. Insbesondere gelingt es ihm, das für die Ökonomik grundlegende Theorem der komparativen Kostenvorteile aus seinen Grundannahmen abzuleiten. Das ist genau das, was wir von einer universellen Evolutionstheorie erwarten. Mir scheint, dass hier die bisher beste Verallgemeinerung des Evolutionsgedankens vorliegt."


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