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Die Entwicklung des Menschen verläuft seit der Neuzeit nicht nur in evolutionären Maßstäben in geradezu explosiver Weise. Das ist im exponentiellen Anstieg der Weltbevölkerung abzulesen, aber auch Entwicklungsparameter wie Produktivität, Energieausbeute, Waffentechnologie, Mobilität, Informationsgewinnung und -verbreitung, Umweltzerstörung usw. verzeichnen ähnliche exponentielle Anstiege. Welche Bedeutung hat dieses Geschehen, das sich mit immer größerer Beschleunigung abspielt und dabei in vielerlei Hinsicht mit den festen Grenzen und Ressourcen des Lebensraumes dieser Erde kollidiert und welche Rolle spielt der menschliche Geist dabei?

Unter Evolution verstehen wir heute in der Regel nur körperliche Veränderungen und Entwicklungen, so dass wir die rasante kulturbedingte Entwicklung des Menschen gar nicht mit dem Begriff der Evolution in Verbindung bringen können. Um das zu ermöglichen, ist ganz an den Anfang des menschlichen Seins in der Evolution zurückzugehen und dabei das Wesentliche des Evolutionsprozesses in Verbindung mit dem Neuen und Exklusiven des menschlichen Seins darin ins Auge zu fassen. Das setzt vor allem voraus, dass die einzigartige Besonderheit des menschlichen Seins, sein Geist, auf diese Weise nicht übernatürlich, mythisch oder religiös vorausgesetzt wird. Der menschliche Geist wird hier auf vollkommen natürliche Weise von der fundamentalen Grundlage dessen her abgeleitet, was die Evolution eigentlich trägt. Die folgende Erkenntnis des Ethologen Konrad Lorenz bringt eine solche rein natürliche Erklärung des menschlichen Geistes als eine neue Art der Evolution prägnant auf den Punkt:

Während all der gewaltigen Epochen der Erdgeschichte, während deren aus einem tief unter den Bakterien stehenden Vor-Lebewesen unsere vormenschlichen Ahnen entstanden, waren es die Kettenmoleküle der Genome, denen die Leistung anvertraut war, Wissen zu bewahren und es, mit diesem Pfunde wuchernd, zu vermehren. Und nun tritt gegen Ende des Tertiärs urplötzlich ein völlig anders geartetes organisches System auf den Plan, das sich unterfängt, dasselbe zu leisten, nur schneller und besser. [...] Es ist daher keine Übertreibung zu sagen, dass das geistige Leben des Menschen eine neue Art von Leben sei“ (Konrad Lorenz, Die Rückseite des Spiegels, München 1987, S. 217).

 Um das Wesentliche des menschlichen Seins sowie die heutige explosive Entwicklung dieses Seins mit all ihren Problemen und Chancen wahrzunehmen, sind sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede und das gegenseitige Verhältnis dieser beiden von Lorenz genannten, die Evolution tragenden Systeme zu betrachten. Entwicklung und Evolution hat vor dem Menschen ausschließlich durch neue, bewährte Varianten auf der genetischen Ebene stattgefunden, entstanden durch Mutation und Selektion. Damit eine Mutation als genetisch codierte Neuerung zu einem Merkmal der Art oder gar einer neuen Art werden kann, muss diese neue Information oder Codierung weitergegeben werden. Eine genetische Codierung kann sich jedoch nur durch die Fortpflanzung verbreiten. Damit ist die genetische Informationsgewinnung und -verbreitung stets direkt mit der physischen Existenz der Lebewesen verbunden, d.h. die Selektion der Information ist hierbei gleichbedeutend mit der Selektion der Lebewesen selbst. Fortschritt wird hier durch die Selektion oder Eliminierung von Lebewesen erreicht. Das prägende Kennzeichen und der Motor dieser »alten«, genetischen Evolution ist dabei insbesondere durch den direkten Kampf und Krieg der Individuen oder der verschiedenen Gruppen und Stämme untereinander als innerartliche Aggression gegeben.

Das den Menschen erst definierende „völlig anders geartete organische System“ vollbringt dagegen hinsichtlich des Verhaltens dieselbe Leistung der systematischen Informationsgewinnung, -speicherung und -anwendung nicht mehr auf genetische, sondern auf die völlig andere Art der neuronalen Weise. Obwohl Charles Darwin diese Art der Evolution nicht erkannt hat, beschreibt er das Wesentliche dabei doch sehr treffend und gibt darin eine Definition des neuen, menschlichen Geistes. Darwin sieht das Gehirn des Menschen als „wunderbare Maschine, die allen Arten von Dingen und Eigenschaften Zeichen beilegt und Gedankenreihen wachruft, die niemals durch bloße Sinneseindrücke entstehen könnten, oder, wenn dies der Fall wäre, doch nicht weiter verfolgt werden könnten“, wobei in der konsequenten Systematik daraus „die höheren intellektuellen Fähigkeiten, wie das Schließen, Abstrahieren, das Selbstbewußtsein usw., entstanden“ (Charles Darwin, Die Abstammung des Menschen, Stuttgart 2002, S. 268).

Die neuronale Weiterverarbeitung der Sinnesdaten hat schon bei den Tieren eine immer größere Bedeutung erlangt. Beim Menschen hat diese neuronale Informationsverarbeitung dann plötzlich die Funktion eines sich selbst tragenden, die Welt und das Verhalten umfassend abstrahierenden und codierenden Systems erreicht. Dieses System besteht in der neuronalen „Beilegung von Zeichen“ als Begriffsbildung und -handhabung in unserer Sprache und unserem Denken. Im genetischen System werden die makroskopischen Strukturen der Körperteile und Funktionen durch die mikroskopischen der Gene abstrahiert. Trotz aller sonstiger Verschiedenheit ähnelt das neue, neuronale System in seiner grundlegenden Funktion der Abstraktion makroskopischer Strukturen (der Welt) durch mikroskopische (der neuronalen Begriffsbildung) dem genetischen System.

Dabei speichert auch das neue, neuronale System nicht nur starr das Codierte (etwa als bestimmte Verhaltensweise oder Handhabung eines materiellen Seins) und gibt es darin stets unverändert weiter, sondern es lässt auch abweichende Varianten zu, ja diese Abweichungen »denken« wir geradezu bzw. das ist nichts anderes als unser begriffliches Denken in seiner kreativen Form. Das ermöglicht genau wie im genetischen Informationssystem mit seinen Mutationen erst die Weiterentwicklung des Codierten im abstrahierten Mikroskopischen (als neue Verhaltensweise oder als neues Werkzeug) und erzeugt damit (eine neue) Evolution.

In dieser Weise gibt es auch im neuronalen System »Mutation und Selektion«, wobei hier beides als Selektion einer neuen, kreativen Idee schon in den begrifflichen Abstraktionen bzw. im Denken stattfindet. Der Mensch abstrahiert also umfassend und systematisch alle Sinneswahrnehmungen und kann in dieser Abstraktion völlig neue Formen des Verhaltens sich fantasievoll und kreativ (und darin mehr oder weniger zufällig) ausdenken, durchspielen und schon hierbei »selektieren«. Dazu gehören auch solche Formen, zu der das genetische System gar nicht fähig ist, wie etwa den komplexen Werkzeuggebrauch oder die Vorstellung übernatürlicher Kräfte und Wesen.

Ein einziger Vorgang der Mutation oder Variation der Gene mit der dazugehörigen Selektion kann im alten System nur während eines Generationswechsels stattfinden, was je nach Spezies bis zu 20 oder 30 Jahre dauert. Dagegen kann der Vorgang der Variation des neuronal Abstrahierten im menschlichen Denken jede Minute oder Sekunde stattfinden. Die Verbreitung einer neuen Variante des codierten Verhaltens benötigt ebenfalls nicht wie noch im genetischen System mehrere Jahrzehnte oder gar Jahrtausende, sondern der Mensch kann eine neue Variante über die Sprache sofort verbreiten, und zwar direkt und gleichzeitig zu allen Mitgliedern seiner Gruppe, also um mehrere Größenordnungen „schneller und besser“ als das genetische System. Die notwendige Anpassung einer Verhaltensweise an neue Lebensbedingungen, zu der das alte genetische System der Informationsgewinnung und -verarbeitung Jahrhunderte unter großem physischen Kampf, Leid und Tod unzähliger dabei ausselektierter Lebewesen benötigt, ist mit dem neuen evolutionären Informationssystem im Idealfall innerhalb von Sekunden zu bewerkstelligen, ohne dabei auch nur die Selektion bzw. den Tod eines einzigen Lebewesens zu erfordern. Es ist dadurch buchstäblich das, was wir »human« nennen.

Bei dieser neuen Evolution werden nicht mehr neue Lebewesen und angeborene Verhaltensweisen hervorgebracht, sondern künstliche Produkte und gelernte Verhaltensweisen. Dabei gilt nicht mehr das Recht des Stärkeren und die das physische Sein der Lebewesen betreffende gewalttätige, animalische Selektion, sondern im Idealfall nur die intelligente Selektion auf der Ebene der begrifflichen Abstraktionen als Denken. Die unmittelbare Übermittlung von Informationen ermöglicht zudem das »Zusammenschalten« der individuellen Systeme zu komplexen sozialen und politischen Gesellschaften. Das alles ist der natürliche Kern und die einzigartige Besonderheit des menschlichen Geistes.

Wenn eine neue nutzvolle Verhaltensweise ein neues Merkmal der Spezies Mensch werden soll, muss sie nicht nur im Denken eines Individuums gefunden und selektiert werden, sondern danach auch von den anderen Individuen der Gesellschaft. Es stehen somit in einer pluralistischen, die evolutionäre Vielfalt widerspiegelnden Gesellschaft stets verschiedene von Individuen, Gruppen oder Parteien verfolgte Ideen oder Programme zur Weiterentwicklung zur Verfügung. Idealerweise wird auch bei diesen zur Weiterentwicklung stets nötigen Auseinandersetzungen zwischen Individuen, Parteien und ganzen Gesellschaften die beste Lösung nicht über die alte, darin animalische Form der Evolution als gewalttätige oder kriegerische Auseinandersetzung gefunden oder selektiert, sondern ebenfalls auf rein geistige Weise. Diejenige Gesellschaftsform, die die neue Evolution als rein geistige Weiterentwicklung unter radikalem Ausschluss der alten, animalischen Gewalttätigkeit verwirklicht, ist die Demokratie.

Wie stehen diese beiden unterschiedlichen, Evolution erzeugenden Systeme der Informationsverarbeitung zueinander? Hat es irgendwann im Tertiär »einen Schlag getan«, und das alte System der zur Evolution unabdingbaren codierten Informationsverarbeitung war bei einem bestimmten Tier völlig verschwunden und mit dem neuen System der Mensch vollendet entstanden, so wie in einem göttlichen Schöpfungsakt? Ist darin die Evolution mit dem Menschen zum Stillstand gekommen und der Mensch lebt seitdem einfach nur so vor sich hin? Nein, vor allem das »Wissen« des alten Systems ist genetisch verankert, auch beim modernen Menschen vollständig erhalten und wirkt im Verhalten weiterhin über die Instinkte (die darin an die genetische Evolution angepasst sind, also vor allem auch als Gewalt und Krieg). Zudem stellt das genetische System die Grundlage des menschlichen Geistes erst zur Verfügung, nämlich den Geist und das Bewusstsein, das mit dem Tier entstanden ist, d.h. die sinnliche Wahrnehmung und darin die Erkenntnis des in Zeit und Raum getrennt voneinander existierenden Seins als Grundlage dieser Welt (was in diesem grundlegenden Geist und Bewusstsein die koordinierte und orientierte Eigenbewegung ermöglicht, die das Tier von der Pflanze unterscheidet).

Der so schon vorhandene animalische Geist und die im Verhalten weiterhin emotional sehr stark wirkenden Instinkte werden durch das neue, neuronale System beim Menschen lediglich überlagert, wobei die Stärke dieser Überlagerung oder der Einfluss des neuen Systems im Verhalten des Menschen als natürlicher, evolutionärer Menschwerdungsprozess bis heute nicht abgeschlossen ist. Die Evolution ist in dieser neuen Form beim Menschen nicht zum Stillstand gelangt, sondern befindet sich aktuell, vor allem auch in Auseinandersetzung mit den oft nicht mehr passenden Verhaltensweisen des animalischen Erbes, vielmehr in einer geradezu explosiven und dramatischen Phase – die wir als Hauptakteur darin allerdings überhaupt nicht als solche wahrnehmen. Der Mensch kennt die neue Art der Evolution nicht einmal und erkennt damit auch nicht den aktuell dynamisch weiter fortschreitenden natürlichen Menschwerdungsprozess.

 

Drei praktische Beispiele verdeutlichen mit dem naturwissenschaftlichen, evolutionären Verständnis von Geist und Kultur diesen Prozess. Im fünften Buch Mose/Deuteronomium, Kapitel 20, Vers 13-17 (Einheitsübersetzung) findet sich als ein Beispiel des rein natürlichen Menschwerdungsprozesses etwa eine Stelle, in der der Gott des Alten Testaments geradezu noch den Völkermord besonders an den direkten Nachbarvölkern gebietet (… „darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen. Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, [..] der Vernichtung weihen“). In der evolutionären Perspektive entspricht dieses vom alttestamentlichen Gott vorgegebene Verhalten noch der innerartlichen Aggression der alten, animalischen Evolution und war darin ein zu dieser Zeit angepasstes, »gutes« Verhalten. Zu dem heutigen »bösen« Verhalten als größte Sünde überhaupt ist es erst mit einem neuen Religionsverständnis geworden, insbesondere dem des neutestamentlichen Gottes. Theologisch, als Wille und Gebot desselben Gottes, ist dieser radikale und widersprüchliche Wechsel bei der an den Menschen gerichteten göttlichen Forderung eines Verhaltens nicht zu erklären. Im evolutionären Verständnis dagegen ist dieser Wechsel gar kein Widerspruch, sondern vielmehr die Bestätigung des evolutionären Verständnisses auch der Religion. Dabei löst sich nicht nur dieser Widerspruch auf, sondern auch alle anderen der vielfältigen Widersprüche und Spaltungen der Religionen zu einem einheitlichen Weltbild hin. Die Religion erweist sich so als eine Funktion oder ein »Trick« der Evolution zur Überwindung von Verhaltensweisen, die noch der alten, animalischen Evolution entsprechen und tief im Instinktsystem verankert sind. Es ist darin der erste, wichtige Schritt des natürlichen Menschwerdungsprozesses. Da sich der Mensch mit seiner neuen Fähigkeit auch übernatürliche Wesen vorstellen kann, kann über den religiösen Glauben auch der emotionale Widerstand der Instinktsteuerung (etwa beim Fremdenhass der innerartlichen Aggression) überwunden und sein Verhalten an die neuen Lebensbedingungen größerer Gemeinschaften als Reiche und letztlich die heutigen Staaten effektiv angepasst werden - allerdings im Fall der Religion nur indirekt und unbewusst. Auch im Fall der Religion ist die neue Verhaltensweise der völkerübergreifenden Nächstenliebe neuronal gelernt, sie ist nicht genetisch verankert.

Der Philosoph Immanuel Kant hat genau dieses rein natürliche Wesen der Religion mit ihrem praktischen Nutzen schon vor 200 Jahren ganz ohne Evolutionstheorie als Aufklärung erkannt, nämlich dass die moralischen Gesetze es sind, „deren i n n e r e praktische Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen Ursache, oder eines weisen Weltregierers führte, um jenen Gesetzen Effekt zu geben“, und dass wir „soweit praktische Vernunft uns zu führen das Recht hat, Handlungen nicht darum für verbindlich halten, weil sie Gebote Gottes sind, sondern sie darum als göttliche Gebote ansehen, weil wir dazu innerlich verbindlich sind“ (Kritik der reinen Vernunft, B846-847).

Diese indirekte und unbewusste Anpassung des Verhaltens über den religiösen Glauben entspricht darin aber nicht dem eigentlichen Potential des menschlichen Geistes und ist mit vielerlei Mängeln behaftet. So ändern sich etwa in unserer modernen und »aufgeklärten« Zeit die Lebensbedingungen, bedingt durch die technischen Erfolge, immer rasanter und erfordern immer neue Verhaltensanpassungen, die die Religion auf ihre Weise schon lange nicht mehr zu leisten vermag. Gravierend neuen Verhaltensweisen könnte die Religion nur mit einem neuen Gottesbild erreichen, etwa als göttliche Tochter oder so. Des Weiteren hätten etwa die beiden Weltkriege mit den Werten der neuen Religion nie geschehen dürfen.

Und was ist da (als zweites Beispiel) in den beiden Weltkriegen überhaupt geschehen? Das Verhalten, das wir heute als Gewalt, Nationalismus und Rassismus kennen, besitzt instinkthafte Wurzeln, die tief in die Evolution zurückreichen. Sie stehen darin ebenfalls für ein ehemals angepasstes und darin »gutes« Verhalten, nämlich das der innerartlichen Aggression der alten genetischen Evolution, hier zwischen verschiedenen Stämmen oder Gruppen. Wie es der amerikanische Biologe Edward O. Wilson ausdrückt, trägt die Neigung, Gruppen zu bilden und dabei Mitglieder der eigenen Gruppe zu bevorzugen und gleichzeitig Mitglieder anderer Gruppe zu diskriminieren, alle Kennzeichen eines Instinkts. Bis heute wirkt dieser Instinkt nicht nur zwischen den heutigen Staaten, sondern auch zwischen allen sonstigen Gruppen wie politischen Parteien, sportlichen Vereinen und Fanclubs und selbst zwischen den verschiedenen Gruppen der Religionen, obwohl es besonders im Christentum der durch das neue Gottesbild vorgegebenen neuen Verhaltensweise der völker- oder gruppenübergreifenden Nächstenliebe widerspricht!

Dieses Verhalten der Gruppenbildung und -konkurrenz ist weiterhin in unseren Genen verankert. Der Mensch lebt jedoch nicht mehr in kleinen Stämmen als Jäger und Sammler, sondern in viele Stämme und Völker umfassenden großen Gesellschaften, die durch seine geistigen Fähigkeiten mehr und mehr auf Handwerk, Handel und Kooperation beruhen. Die neue Religion hat auf ihre Art dabei schon lange erkannt, dass diese alten Verhaltensweisen der gewalttätigen innerartlichen Aggression unter den neuen Lebensbedingungen nicht mehr passen, obwohl diese genetisch verankerten Verhaltensweisen weiterhin so vertraut und begeisterungsfähig sein können. Wegen der Mängel der religiösen Verhaltensanpassung musste der Mensch diese Erkenntnis und Erfahrung mit ca. 60 Millionen Toten in den Weltkriegen noch einmal machen - und hat diese nicht mehr passenden Verhaltensweisen von Gewalt, Nationalismus und Rassismus immer noch nicht endgültig überwunden, weil er ihre eigentlichen Wurzeln und die eigentliche Natur seines Seins nicht kennt. Auch die durch diese beiden Katastrophen zumindest national (aber nicht international oder global) zum Durchbruch gelangte Gesellschaftsform der Demokratie bedeutet in der evolutionären Perspektive einen großen Fortschritt der natürlichen Menschwerdung. Das hat sich aber ebenfalls nur teilweise allein aufgrund katastrophaler Erfahrungen durchgesetzt, nicht aber vollständig aufgrund einer Einsicht in die Natur des Menschen.

Als drittes Beispiel gibt es noch eine weitere Verhaltensweise, die die neue Religion schon lange als nicht mehr passend erkannt hat, nämlich das exzessive Anhäufen materieller Werte. Welche Folgen hat diese Verhaltensweise in dem heutigen überbevölkerten, von Ressourcenknappheit einerseits und Massenvernichtungswaffen andererseits bedrohten Lebensraum, an deren nicht zu überwindende Grenzen der Mensch mit seiner geradezu explosiven, vornehmlich materiellen Entwicklung stößt? In der evolutionären Perspektive hat das Verhalten der exzessiven Anhäufung materieller Werte viel mit Macht und Rang zu tun und besitzt somit ebenfalls instinkthafte, genetisch verankerte Wurzeln, so dass uns dieses Verhalten darin emotional sehr vertraut ist und als absolut richtig und wahr erscheint – genauso wie für viele Menschen heute noch der Rassismus.

Mit der Erkenntnis der besonderen, die neue Evolution tragenden Einzigartigkeit des menschlichen Seins entspricht das Verhalten des Jagens und Sammelns materieller Werte jedoch nicht dieser eigentlichen, exklusiven Natur des menschlichen Seins. Die liegt eindeutig im »Jagen und Sammeln« geistig-kultureller Werte, etwa als Aufklärung oder der sonstigen kritischen Hinterfragung von Sein und Welt. Nur das geistig-kulturelle Verhalten und Wachstumsideal ist in der evolutionären Perspektive zukunftsfähig, nur darin liegt der rote Faden der weitergehenden menschlichen Evolution, nicht dagegen in einem durch die moderne Technik ermöglichten exzessiven materiellen Wachstum in einem begrenzten, überbevölkerten Lebensraum. Das gilt erst recht, wenn das exzessive materielle Wachstum sich zudem noch gemäß des alten, animalischen Rechts des Stärkeren etwa als ungerechte, deregulierte (Welt)Wirtschaftsordnung vollzieht, also ohne kulturelle, vernünftige und gerechte Regeln. Denn das führt bei den so Benachteiligten ebenfalls zu einer verstärkten Hinwendung zu den alten, animalischen Werten. Religiös etwa fordert der Gott dann wieder wie noch im Alten Testament die Gewalt, so wie momentan im Nahen Osten. Diese Sackgasse der aktuellen Entwicklung zeigt sich, wenn die gespaltene Natur des Menschen als Folge und Zusammenspiel zweier verschiedener Evolutionssysteme in einem begrenzten Lebensraum erkannt wird. Erst diese Erkenntnis und evolutionäre Perspektive gibt in der heutigen Situation eine verlässliche Orientierung.

Der Umstand des begrenzten Lebensraumes, an dessen nicht überwindbare Grenzen der Mensch in vielerlei Hinsicht stößt, bedingt vor allem im Zusammenhang mit der exzessiven materiellen Entwicklung die Gefahr globaler, irreparabler Umweltkatastrophen, Kriege mit den modernen Massenvernichtungswaffen um begrenzte Ressourcen usw. Die modernen Lebensbedingungen machen es daher notwendig, dass die weitere Entwicklung sich nicht mehr wie noch durch die beiden Weltkriege vollziehen kann, nämlich dass der Mensch ein nicht mehr passendes Verhalten erst durch die dadurch ausgelösten Katastrophen im Nachhinein als solches erkennt, ohne dass ihm dabei die eigentlichen Ursachen und Zusammenhänge bewusst werden. Unter den jetzigen Bedingungen ist es notwendig, dass der Mensch sein geistiges Potential dazu nutzt, auch ein sehr altes und vertrautes Verhalten schon im Vorfeld und in der Abstraktion und Antizipation als heute nicht mehr passend zu erkennen, um so auf rein geistige und darin humane Weise sein Verhalten und Weltbild anzupassen. Darin liegt von jeher das Wesen und der große Vorteil des menschlichen Geistes. Dazu ist heute insbesondere die Aufklärung und Änderung seines Weltbildes mit der Anerkennung seiner natürlichen, animalischen Herkunft und seines animalischen Erbes mit dessen weiterhin großen Einfluss auf sein Verhalten notwendig. Das ist in der evolutionären Perspektive die aktuelle Herausforderung an den menschlichen Geist in seiner bisher rasant weitergehenden Evolution.

 


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Kommentare (2)

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Vielen Dank für Ihren Hinweis. Im Moment fehlt mir leider die Zeit, um mich mit der neuen Auflage Ihres Buches zu beschäftigen.
Bernd Ehlert , Februar 04, 2015
Man braucht dafür eine neue Evolutionstheorie
Viele Ihrer aufgeworfenen Fragen werden in meinem Buch "Die egoistische Information" beantwortet, zumal Sie an vielen Stellen Ihres Beitrags einen fast identischen Sprachgebrauch verwenden.

Ich bin der Meinung, dass man bei dem Thema nur mit einer neu konzipierten Evolutionstheorie weiterkommt.
Peter Mersch , Januar 30, 2015

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