Wie sich mit Hilfe von Kant die Religiosität als "menschliches Verhalten in evolutionärer Perspektive" aufklärt und die Evolution des Menschen offenlegt.

 

Ein „bild der wissenschaft“-Artikel zeigt, wie die Naturwissenschaft Fortschritte bei der Frage macht, dass und wie die genetischen Wurzeln unser (Fehl)Verhalten unmittelbar beeinflussen. Dieser typisch naturwissenschaftlich geprägten Methode, die sich eng an die Erkenntnisse und Bestimmungen auf der materiell-körperlichen Ebene hält, hier die der Gene und Neuronen, sind aber beim komplexen menschlichen Verhalten deutliche Grenzen gesetzt. Um das menschliche Verhalten umfassender in der evolutionären Perspektive zu verstehen, bedarf es der Ergänzung mit der beobachtungsorientierten, „denkerischen“ Methode. Mittels dieser Methode wurde schon die Evolutionstheorie als solche entdeckt, d.h., wie es der Name sagt, wurden mit einer sich nicht unmittelbar aus den Beobachtungen ergebenden Theorie auffällige Einzelerkenntnisse in einen größeren, einfachen und einheitlichen Zusammenhang gebracht, der dann sogar das Weltbild veränderte. Mit Hilfe von Kant wird diese Ergänzung nachfolgend an dem ältesten und weitverbreitesten exklusiv-menschlichen Verhalten durchgeführt, das trotz der neuzeitlichen Aufklärung und der Evolutionstheorie bis heute unser kulturelles Sein und Weltbild maßgeblich bestimmt (und spaltet): Die Religiosität. Die durch Kant schon lange vollzogene vollständige Entmythologisierung dieses Verhaltens lässt sich darin sehr effektiv auf die Evolutionstheorie anwenden. Das legt nicht nur die Evolution des Menschen in den letzten Jahrtausenden als Zusammenspiel von genetischer und kultureller Evolution offen, sondern macht auch die dramatische gegenwärtige menschliche Evolution bewusst - und zwar in einem einheitlichen Weltbild.

 

 

Ein bis heute andauernder Umbruch in der Entwicklung des Menschen.

In „bild der wissenschaft“ 2-2011 erschien kürzlich der Artikel „Die Wurzeln von Geiz und Gier“. In einer fiktiven Diskussion mit Naturwissenschaftlern vor der New Yorker Börse führt darin der Wissenschaftsjournalist Sascha Karberg den Brokern, Bankern und Managern der Wall Street die biologischen, in den Genen verankerten Wurzeln ihres Tuns vor. Diese genetischen Wurzeln determinieren nicht vollständig unser geschäftliches Tun, doch laut der statistischen Analyse entsprechender Versuche bestimmen nach diesem Artikel die Gene immerhin zu ca. 25% unser Verhalten. Als Lösung für die „derzeitige Anarchie der globalen Handelsbeziehungen“ plädiert Karberg dafür, die Natur des Menschen und seine biologischen Wurzeln stärker zu berücksichtigen, um so die aus dem Recht des Stärkeren der Steinzeit stammenden egoistischen und destruktiven Anteile unseres angeborenen Verhaltens etwa in den Finanzsystemen zu erkennen, zu regulieren und überwinden.

Im Zuge seiner Argumentation weist Karberg dabei auf einen entscheidenden und gewaltigen Einschnitt und Fortschritt in der Evolution des Menschen in den letzten 10.000 Jahren hin, nämlich den durch die Kultur des Menschen selbst ausgelösten großen Umbruch von den Stämmen der Jäger und Sammler hin zu einer Gesellschaft, die zunehmend von der Landwirtschaft, dem Handwerk und dem Handel lebt. Die Jäger- und Sammler-Gemeinschaften waren zum Überleben noch auf ein möglichst großes Territorium angewiesen, das sie gegenüber den Nachbarvölkern in dauernden Kämpfen entweder verteidigen mussten oder umgekehrt zu vergrößern suchten. Durch die Einführung der Landwirtschaft aber auch des Handwerks konzentrierte sich der Nahrungs- und Lebenserwerb dann plötzlich auf eine im Vergleich zu der vorherigen Situation winzige Fläche, wobei sich dieser Lebenserwerb zudem noch als zuverlässiger als die Jagd und das Sammeln erwies. Durch den neuen Lebenserwerb gewann nicht mehr die Feindschaft sondern den Austausch und Handel mit den Nachbarvölkern zunehmend an Bedeutung, d.h. die neue Lebensweise erforderte auch einen grundlegenden Wandel im Verhalten. Im Grunde ist dieser Prozess durch die Bildung größerer (Handels)Gemeinschaften wie etwa die der EU und allgemein durch die Globalisierung bis heute noch nicht abgeschlossen. Karberg schreibt, dass in diesen gewaltigen Veränderungen der Lebensbedingungen während der letzten 10.000 Jahre die Menschen sich selbst, genau wie ihren Haustieren, durch den alten Prozess von Mutation und Selektion ein Stück Kampfbereitschaft und Aggression abzüchteten.

 

Die frühere kulturelle Anpassung an grundlegend neue Lebensbedingungen.

In seiner Fokussierung auf die Gene geht Karberg allerdings nicht auf den noch wichtigeren Aspekt in diesem großen Umbruch in der menschlichen Entwicklung ein. Zu dieser Zeit hatte die Kultur des Menschen einen hohen Stand erreicht, da ja die einschneidenden Änderungen der Lebensweise durch nichts anderes als die Entwicklung der Kultur ausgelöst wurden. Wenn aber dieser große Einschnitt in der Lebensweise des Menschen schon zu langwierigen genetischen Änderungen führte, so muss dieser Einschnitt sich erst recht und ganz massiv ebenfalls auf kulturelle Weise wieder bemerkbar gemacht haben. Wie und auf welche Weise könnte das geschehen sein?

Das Phänomen, das für diese Anpassung an völlig neue Lebensbedingungen auf der kulturellen Ebene in Frage kommt, ist uns bis heute allen bestens vertraut. Nur bedarf es der Hilfe und Entmythologisierung von Kant, damit wir uns diesem Phänomen gegenüber emanzipieren und es aus einer anderen Perspektive sehen können, um es so überhaupt als das entscheidende und wichtigste evolutionäre Element unserer eigenen menschlichen Entwicklung zu erkennen und zu verstehen. Es handelt sich bei diesem Phänomen um die Religion, die in einer erst durch Kant ermöglichten Anwendung auf die menschliche Evolution nichts mehr mit realen übernatürlichen Kräften und Wesen zu tun hat, dafür aber umso mehr mit den großen Umbrüchen und Problemen der rein natürlichen menschlichen Evolution.

Als authentischer Beleg für eine gravierende kulturelle Verhaltensanpassung in dieser Zeit des Umbruchs durch Landwirtschaft, Handwerk und Handel drängt sich eine Bibelstelle des Alten Testaments geradezu auf, die bei genauerer Betrachtung sehr sonderbar ist und da scheinbar gar nicht hingehört. Im fünften Buch Mose/Deuteronomium, Kapitel 20, Vers 13-17 sollen nach dem Willen des alttestamentlichen Gottes die Juden bei ihren Nachbarvölker im Krieg „nicht nur alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen“ (wie bei weiter entfernten Völkern), sondern diese unmittelbaren Nachbarvölker sollen die Juden gänzlich „der Vernichtung weihen“, „darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen“ (Einheitsübersetzung).

Diese Stelle des Alten Testaments, in der der Gott des Alten Testaments praktisch den Völkermord fordert, passt nicht zu dem heutigen religiösen Verständnis, in dem der Völkermord die größte Sünde überhaupt ist, d.h. bei objektiver und unvoreingenommener Betrachtung ist hier ein ganz deutlicher Bruch erkennbar. Diese Brüche hat es in der langen jüdisch-christlichen Tradition sogar mehrmals gegeben. Von den polytheistischen Naturgöttern wandelte sich der Glaube zu einem monotheistischen Glauben, der noch Tier- und Menschenopfer verlangte und den Völkermord gebot, bis zu dem heutigen christlichen Gott der völkerübergreifenden Nächstenliebe. Genau wie in geologischer Hinsicht die Kontinente nicht so absolut und unbeweglich sind, wie sie uns erscheinen, erweist sich auch die Religion nicht als die absolute Erklärung und Lehre, wie sie dem Gläubigen erscheint. Wie lässt sich das alles, und hier besonders der letzte Bruch, der zu unserer heutigen Religion führte, natürlich, naturwissenschaftlich und evolutionstheoretisch erklären?

Theologisch machen diese Brüche zunächst keinerlei Sinn, denn warum sollte ein Göttliches, das sich schon sehr widersprüchlich in den verschiedenen Religionen dieser Welt offenbart hat, zudem noch selbst innerhalb der einzelnen Religionen von Zeit zu Zeit willkürlich sein Wesen und damit verbunden seine Forderungen an das menschliche Verhalten völlig ändern, d.h. vom Polytheismus zu einem Monotheismus, zu dem wiederum plötzlich ein Sohn dazukommt usw. Es macht umgekehrt aber sehr großen Sinn, allein schon wegen der Vielfalt, Widersprüchlichkeit und Spaltungen der Religionen, wenn die Religion an sich als eine Funktion oder ein „Trick“ der Evolution betrachtet wird, der sich stets so ändert, dass darin das menschliche Verhalten eine Anpassung an neue Lebensumstände erfährt. Dann ist es auch kein Zufall mehr, dass die Wesensänderungen des Göttlichen immer gerade zu den Zeiten großer Umbrüche im menschlichen Sein geschahen.

 

Die revolutionäre Erkenntnis von Kant und ihre Anwendung auf die Evolution des Menschen.

Die Ansicht der Religion als rein natürliches Phänomen entspricht in ihrer Flexibilität und Freiheit zwar der Methode und dem Grundsatz der modernen Naturwissenschaften, wie er etwa besonders anschaulich bei der Kopernikanischen Wende zum Tragen gekommen ist, aber im religiösen, gesellschaftlichen und selbst naturwissenschaftlichen Verständnis ist diese Ansicht trotz aller Aufklärung bis heute ein Tabu. Das zeigt für jeden erfahrbar, wie stark diese rein natürliche Kraft ist, die hier in der Evolution des Menschen wirkt. Sie bestimmt bis heute nicht nur das Selbst- und Weltverständnis der fortschrittlichsten Nationen und ist in allen Völkern präsent, sondern ist wohl auch so alt wie der Mensch selbst.

Um hier weiterzukommen bedarf es der Unterstützung durch Kant, der diesen grundlegenden Perspektivenwechsel hinsichtlich der Religion in seiner Genialität auch ohne Evolutionstheorie schon tiefgründig und umfassend vollzogen hat. Kant sagt, dass die moralischen Gesetze es sind, „deren i n n e r e praktische Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen Ursache, oder eines weisen Weltregierers führte, um jenen Gesetzen Effekt zu geben. [...] Wir werden, soweit praktische Vernunft uns zu führen das Recht hat, Handlungen nicht darum für verbindlich halten, weil sie Gebote Gottes sind, sondern sie darum als göttliche Gebote ansehen, weil wir dazu innerlich verbindlich sind („Kritik der Reinen Vernunft“, B846-847). Wie lässt sich diese Erkenntnis von Kant auf die Evolution des Menschen anwenden?

Die innere Verbindlichkeit zu moralischen Gesetzen kann einfach als die erforderliche Anpassung an die jeweiligen Lebensumstände angesehen werden. Denn evolutionstheoretisch heißt das, dass zu den Zeiten des Alten Testaments etwa das Verhalten des Völkermords noch ein moralisch „gutes“, d.h. angepasstes Verhalten war, um das Überleben des eigenen Stammes zu ermöglichen und zu sichern, so befremdlich sich das mit unserem heutigen Verständnis anhört. Genauso wie auch der Fremdenhass zu diesen archaischen Zeiten ein gutes, angepasstes Verhalten war, das in den menschlichen Genen verankert ist. Durch die Änderung der Lebensbedingungen änderte sich dann mehr und mehr das Empfinden des Moralisch-Guten in den Menschen, einfach durch die Unangepasstheit des alten Verhaltens. Das führte vor 2.000 Jahren aber nicht direkt über Verstand und Vernunft zu einem anderen Verhalten, sondern nur über den Umweg der Vorstellung eines ranghöchsten, nämlich transzendenten allmächtigen Wesens, Führers oder „Weltregierers“, d.h. auch, dass hier ein weiterer alter Instinkt modifiziert mit hineinspielt.

Warum dieser Umweg angesichts der Stärke der angeborenen Verhaltensweisen nötig war, lässt sich auch heute noch beobachten, etwa hinsichtlich des schon so lange unangepassten Verhaltens des Fremdenhasses und Rassismus. Dieses Verhalten ist weiterhin in allen Völkern und Nationen präsent und lässt sich darin trotz aller kürzlich erst durch dieses Verhalten geschehenen Katastrophen noch immer nicht gänzlich von Vernunftgründen beeinflussen oder gar ausrotten. Das galt erst recht vor 2.000 Jahren, als das diesem Verhalten konträr entgegengesetzte Verhalten der völkerübergreifenden Nächstenliebe als eine völlig neue Form der Anpassung erst erschien. Dieses neue Verhalten konnte nur durch die emotional geprägte Kraft der religiösen Vorstellung eines neuen allmächtigen Wesens gegenüber der Stärke der alten angeborenen Verhaltenstriebe durchgesetzt werden bzw., wie Kant es ausdrückt, dieser Anpassung konnte nur so „Effekt gegeben werden“. Verstand und Vernunft als exklusive und das Wesen des Menschen bestimmende und definierende Eigenschaften waren vor 2.000 Jahren einfach zu schwach dazu, allein das Verhalten des Menschen anzupassen. Sind sie heute stark genug dazu, das menschliche Verhalten auf rein kulturelle, vernünftige und geistige Weise anzupassen und sich gegenüber überholten Instinkteinflüssen durchzusetzen, dabei auch als Vernunft gegenüber der Religion?

 

Wenn die Religion ein Produkt oder Teil der Evolution zur Beeinflussung des menschlichen Verhaltens ist, dann war gerade die Entstehung des Christentums als neue Religion aus dieser Sicht ein epochaler Schritt in der Evolution des Menschen. Denn hierbei hat der kulturelle Einfluss das instinkthafte Verhalten nicht nur wie bis dahin gestärkt und verfeinert, sondern hier wirkte der kulturelle Einfluss erstmals nicht mehr in derselben Richtung wie ein ihm entsprechendes angeborenes Instinktverhalten, d.h. hier richtete sich die Kultur zum ersten Mal frontal gegen einen starken Instinkt und setzte ihn weitgehend außer Kraft. Die Kultur siegte erstmals über einen Instinkt, allerdings nur über den Umweg in dem emotional geprägten Glauben an ein ranghöchstes, allmächtiges, transzendentes Wesen. Es spricht dabei vieles dafür, dass der religiöse Glaube zwar kulturell ausgestaltet ist, dass er aber in seinen Wurzeln selbst noch angeborene Elemente enthält. Dafür spricht auch die Vielfalt, das Alter, die Konstanz und die große Verbreitung des religiösen Glaubens, sowie die Emotionalität und der Dogmatismus, die ihn tragen.

Der durch Kultur und Religion vor 2.000 Jahren weitgehend ausgeschaltete Instinkt ist das Verhalten der Fremdenfeindlichkeit, die das Alte Testament in der oben zitierten Stelle kulturell noch stärkte, zu dem das Neue Testament aber eine radikale Kehrtwende vollzog. Diese Kehrtwende bildet das eigentliche und zentrale Thema des Neuen Testaments, nämlich die völkerübergreifende Nächstenliebe. Diese ist frontal gegen den Instinkt der Fremdenfeindlichkeit gerichtet, der in den alten Stammesgesellschaften, die als Jäger und Sammler auf ein bestimmtes Territorium angewiesen waren, noch nützlich und angepasst war, nicht jedoch in Gesellschaften, die mehr und mehr von der Landwirtschaft, vom Handwerk und damit vom Handel mit anderen Völkern leben.

Diese Anpassung eines Verhaltens beim Menschen geschah so nicht mehr vorrangig durch eine langwierige genetische Auslese, sondern vor allem durch den kulturellen Einfluss. Dass das, angesichts von Rückfällen in das schon überwunden geglaubte Verhalten des Fremdenhasses, wie etwa in unserer jüngsten deutschen Geschichte sowie des bis heute bei allen Völkern immer noch erkennbaren Fremdenhasses, nur unzureichend vollzogen wurde und wird, spricht nicht gegen dieses Verständnis, sondern vielmehr dafür. Denn die nicht mehr passenden Gene werden hierbei ja nicht geändert oder gar eliminiert, sondern lediglich durch die Kultur „überdeckt“. Das unangepasste genetisch verankerte Verhalten ist so stets mehr oder weniger präsent und kann auch jederzeit wieder in voller Stärke hervorbrechen. So ist auch das kriminelle Verhalten nicht durch ein übernatürliches Böses verursacht, sondern durch das alte instinkthafte Recht des Stärkeren. Dieses wird dabei in gleicher Weise nur unzureichend durch den kulturellen Einfluss überdeckt, so dass es einer dauernden kulturellen Kontrolle und Ahndung bedarf, früher allein durch die Religion, heute durch die Justiz.

 

Das Wunder des menschlichen Seins aus natürlicher Sicht.

In dieser Beobachtung und Beschreibung der menschlichen Evolution unter der Perspektive der Aufklärung von Kant lässt sich etwas Systematisches und Gesetzliches erkennen, auf das schon Kant in seiner Lehre hinweist, indem er davon spricht, dass „es zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich S i n n l i c h k e i t und V e r s t a n d , durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden“ („KRV“ B29). Das angeborene Instinktverhalten ist hierbei zur Sinnlichkeit zuzuordnen. Auch Konrad Lorenz macht diese grundlegende Unterscheidung des menschlichen Seins zu seinen Wurzeln und zu allem anderen Sein der Evolution. Lorenz sagt, dass mit dem Evolutionsbegriff zwei der größten Einschnitte, Sprünge oder wie er es ausdrückt „Fulgurationen“ verbunden sind, „die sich in der Geschichte unseres Planeten je ereignet haben“ (Konrad Lorenz: „Die Rückseite des Spiegels – Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens“, München, 1987, S. 216): Erstens die Entstehung von Leben und damit der Beginn der Evolution des Lebendigen als Übergang vom Anorganischen zum Organischen, und zweitens der Übergang vom Tier zum Menschen innerhalb dieser Evolution. Mit dem Menschen ist nach Lorenz der Evolutionsprozess praktisch noch einmal neu erfunden worden, d.h. der selektive Erwerb, die Speicherung und Weitergabe von Information finden nicht mehr nur auf der Ebene der Gene statt, sondern als eigenständiges Geschehen und evolutionäre Weiterentwicklung des Verhaltens nun auch auf der Ebene der Neuronen. Denn Lorenz sagt weiter dazu: „Während all der gewaltigen Epochen der Erdgeschichte, während deren aus einem tief unter den Bakterien stehenden Vor-Lebewesen unsere vormenschlichen Ahnen entstanden, waren es die Kettenmoleküle der Genome, denen die Leistung anvertraut war, Wissen zu bewahren und es, mit diesem Pfunde wuchernd, zu vermehren. Und nun tritt gegen Ende des Tertiärs urplötzlich ein völlig anders geartetes organisches System auf den Plan, das sich unterfängt, dasselbe zu leisten, nur schneller und besser. [...] Es ist daher keine Übertreibung zu sagen, dass das geistige Leben des Menschen eine neue Art von Leben sei“ [Kursive Hervorhebung durch K.L.], („Rückseite des Spiegels“,S. 217).

Diese Erkenntnis eines zweiten Evolutionsgeschehens durch das Sein des Menschen lässt sich weder von der genetischen noch von der neuronalen Ebene ableiten. Um dieser höchsten und eigentlichsten Form des natürlichen menschlichen Seins auf die Spur zu kommen, bedarf es der beobachtungsorientierten Methode in Verbindung mit einem nicht in festen Gleisen beschränkten, kreativen und philosophischen Denken. Dieser Art des Beobachtens und Denkens hat sich sowohl Lorenz bedient als auch Darwin bei der ursprünglichen Evolutionstheorie.

Das angeborene Instinktverhalten gehört zum ersten System oder Stamm, während Denken, Vernunft und Kultur das zweite System bilden. Die menschliche Evolution spielt sich so zwischen diesen beiden Systemen ab, die einerseits völlig verschieden sind, aber beim Menschen doch so eng ineinander verzahnt, dass diese grundlegende Unterscheidung der beiden Systeme bis heute so gut wie unbekannt ist – und damit auch die Erkenntnis der vergangenen und gegenwärtigen Evolution des Menschen. Die Kultur hat dabei die weitere Evolution des ersten Systems beim Menschen im Grunde beendet, da es beim modernen Menschen zwar immer noch Mutationen gibt, aber durch Kultur und Humanität so gut wie keine zielgerichtete Selektion mehr. Und nun hat sich das zweite System auch als stark genug dazu erwiesen, ein Verhalten des ersten Systems außer Kraft zu setzen, wenn auch nur unzulänglich und mit Hilfe eines anderen Verhaltens des ersten Systems. Wenn hierbei die heute nötige Verhaltensanpassung berücksichtigt wird, lässt sich deutlich ein roter Faden in der Evolution des Menschen erkennen.

 

Die heute notwendige kulturelle Verhaltensanpassung.

Dieses rein natürliche und darin aufgeklärte Verständnis der menschlichen Entwicklung des Verhaltens eröffnet eine klare Orientierung, auch bei dem von Karberg in seinem Artikel geschilderten menschlichen Fehlverhalten an den Börsen und Finanzmärkten. Aufgrund der heutigen Lebensumstände einer globalisierten, überbevölkerten und mit Massenvernichtungswaffen gespickten Welt ist vor allem dieses Verhalten der maximierten und exzessiven Macht- und Reichtumansammlung, das bis vor kurzem vielleicht noch sinnvoll war, endgültig zu einem unangepassten Verhalten geworden, wie schon so viele Verhaltensweisen zuvor. Allgemein ist statt eines exzessiven Wirtschaftswachstums und Profitstrebens, das auf alten Instinkten beruht, ein exzessives kulturelles und geistiges Wachstums nötig. Doch wie soll heute die Anpassung erfolgen, wie soll das Fehlverhalten mit seinen starken genetischen Wurzeln überwunden werden?

Eine genetische Anpassung ist nicht wünschenswert, denn das würde bedeuten, das die Menschen mit nicht passenden Genausstattungen ja selektiert und getötet oder zumindest an ihrer Fortpflanzung gehindert werden müssten. Konkret würde eine solche genetische Anpassung ganz nach dem alten Wirkmechanismus der Evolution in den großen Katastrophen geschehen, die durch das Fehlverhalten hervorgerufen werden, bis nur noch diejenigen übrigbleiben, deren genetische Ausstattung passt, d.h. die hier etwa mit wenig Macht und Reichtum zufrieden sind. Dieser bis zum Erscheinen des Menschen einzige und altbewährte Entwicklungsweg der Evolution ist aber im wahrsten Sinne des Wortes unmenschlich, d.h. dem Sein und der Evolution des Menschen nicht angepasst, allein schon wegen Langsamkeit dieses Prozesses.

Die Verhaltensanpassung über den religiösen Glauben, also über eine neue Religion mit einem neuen Gott (die im Falle des Christentums zu ihrer Etablierung mehrere Jahrhunderte benötigte), funktioniert auch angesichts der heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und Aufklärung nicht mehr und ist somit ebenfalls keine Lösung. Wünschenswert, vernünftig und schnell ist allein eine Verhaltensanpassung, die nur über das erfolgt, das auch für die rasanten Änderungen der Lebensumstände des Menschen in den letzten Jahrtausenden verantwortlich war und das den Menschen eigentlich definiert und ausmacht, nämlich eine Anpassung allein über den Verstand, die Vernunft und den Geist des Menschen. Mit anderen Worten: Das zweite System der Evolution, das für die großen Veränderungen verantwortlich ist, muss nun die weitere Anpassung daran allein bewerkstelligen.

Konkret heißt das, dass es an der Zeit ist, dass der Mensch heute auch vom Verhalten her seinen biologischen und rein natürlichen Ursprung in einem dadurch neuen und vor allem einheitlichen Selbst- und Weltverständnis erkennt. Nur von daher kann er sein heutiges Verhalten, und hierbei besonders sein Fehlverhalten, mit der nötigen Schnelligkeit und Effektivität anpassen und regeln, und zwar allein mit dem, was ihn in dieser Entwicklung eigentlich ausmacht und erst zum Menschen macht: Verstand und Vernunft. Diese geistige und vernünftige Aufklärung muss heute einfach so groß sein, dass sie dazu in der Lage ist, die Widerstände des alten unangepassten Verhaltens dabei zu überwinden – und dazu gehört heute auch mehr und mehr das uralte Verhalten des religiösen Glaubens. Denn dieses verdeckt, blockiert und verschleiert die zu einer effektiven Anpassung notwendige Erkenntnis der eigentlichen, natürlichen Wirkmechanismen der Evolution und verhindert das notwendige einheitliche Weltbild. Es gilt also den kulturellen Weg der Aufklärung weiterzuverfolgen und deren Leitspruch Sapere aude: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Vernünftige, sachliche Erkenntnisse und Argumente stehen hier gegen die Gefühle und Emotionen (nicht nur) im so alt bewährten religiösen Glauben, der darin scheinbar immer noch die alte Orientierung und Geborgenheit gibt.

Ist der Mensch 200 Jahre nach Kant und mit all den heute zur Verfügung stehenden naturwissenschaftlichen Erkenntnissen dazu fähig, über den geistigen und ihm ureigensten Weg sein rein natürliches Sein und Wesen zu erkennen? Kann er darin die Widerstände und Beschränkungen, denen Kant und Darwin mit ihren Lehren bis heute durch die Religion ausgesetzt sind, endgültig zu einem objektiv wahren und darin einheitlichen Weltbild hin überwinden? Und kann der Mensch vor allem sein Verhalten mitsamt seinem animalischen Erbe anhand dieses einheitlichen Weltbildes effektiv ausrichten und anpassen, etwa im Fall des Klimawandels? Bis jetzt erkennt er zwar einige dieser Probleme, vermag sie aber nicht wirklich zu überwinden. Wenn er das auch weiterhin nicht vermag, wird sein Fehlverhalten zu den Katastrophen führen, die sich heute als Klimawandel, Vergiftung und Zerstörung der Lebensgrundlagen, soziale Probleme usw. schon abzeichnen. Durch die damit verbundene massenweise Tötung von Menschen wird dann einfach wieder die alte Methode der evolutionären Entwicklung greifen und wirken.

Dieser Zusammenhang heißt auch, dass die beobachtungsorientierte, geistige, philosophische und darin höchststehende kulturelle Methode nicht rein abstrakt und abgehoben ist. Sie besitzt letztlich sehr wohl die die Naturwissenschaft prägende und definierende Bestätigung und Kontrolle auf der materiell-körperlichen Ebene.

 

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