Natur des Menschen keine philosophische Frage mehr? Was die Natur des Menschen wirklich ist. Evolution und Verhalten

Abstract

Für alle Philosophen war das menschliche Verhalten, das natürliche, das asoziale, das ethische wie auch die Natur des Menschen schon immer eines der wichtigsten Themen überhaupt. Wegen seiner Komplexität wurden rein logische Erklärungen oder die Formulierung einer umfassenden Theorie bislang für eher nicht möglich gehalten.

Der vorliegende Beitrag erläutert eine Ableitung genetisch verankerten Grundverhaltens ab den frühesten Anfängen der Evolution und das Fundament einer grundlegenden Theorie menschlichen Verhaltens. Der zur Untersuchung von Grundverhalten verwendet Ansatz ist neu. Er zeigt auch, dass die Evolution der Formen, der Hardware, der eher zweitrangige Aspekt ist verglichen mit der Evolution des Verhaltens, der Software. Der Kern dieser Software ist nichts anderes als „die Natur des Menschen“.

 

Die Bedeutung genetischen Grundverhaltens

Genetisch verankertes Grundverhalten, ohne es jetzt sofort zu spezifizieren, vermag ausnahmslos alle Funktionen eines Organismus zu erfüllen. Das lässt sich ganz leicht an nicht lernfähigen Organismen beobachten, z.B. an einfachen Fliegen oder Spinnen.

Und alle enthalten sie identische Grundverhaltensweisen, die wichtigsten überhaupt im Leben: z.B. zur Nahrungsaufnahme von Organismen, die in irgendeiner Form schwächer sind als sie selbst, zur Absicherung in irgendeiner Form gegen die eigene Verwendung als Nahrung für „stärkere“ Lebewesen und schließlich und hauptsächlich: Zur Replikation. Verschieden sind nur die Verhaltensmuster, wie sie das in ihrer Lebensnische umsetzen.

Wer genau hinsieht erkennt, wie es Richard Dawkins wohl erstmals formulierte, dass die Form der Lebewesen viel eher die Hüllen ihrer Gene darstellen. In den Genen liegen aber auch die eigentlichen Antreiber als fixe oder adaptierbare Programme verankert.  

Die genetischen Baupläne enthalten sämtlichen Anweisungen zum Bau aller Reaktions- , Wahrnehmungs- und Steuerungsorgane dazwischen. Und oft übersieht man, dass auch die Steuerungssoftware hier genetisch programmiert sein muss / ist.

Das ist bei hoch und höchst entwickelten Steuerungsorganen unbewusster Lebewesen nicht anders: Hohe Lern- und Kombinationsfähigkeiten dienen nur der noch anpassungsfähigeren, noch effizienteren Umsetzung der genetisch verankerten Antriebe, letztlich des einen Grundantriebs der Replikation.

Änderte sich daran etwas, als sich Selbstwahrnehmung und Bewusstsein während der vergangenen etwa 2 Millionen Jahren auf das heutige Niveau entwickelten?

Genetisch kann sich in solch kurzen Zeiträumen nichts Wesentliches ändern, schon gar nicht etwas so Fundamentales wie Grundantriebe. Der  eigentlich zu bedenkende Zeitraum ist ja noch erheblich kürzer, bedenkt man, dass das Bewusstsein vielleicht erst in den vergangenen 50 Tausend Jahren, wenn überhaupt, eine Niveau erreichte, das den Namen verdient.

 

Hirn und Geist haben aber doch enorme Entwicklungen geschafft

Diese Frage sollte vor allem strukturell, weniger von den Errungenschaften an der Oberfläche des Lebensalltags selbst betrachtet werden. Strukturell gesehen erkennt man, dass alle positiven Fortschritte mittelbar nur der Nahrungsbeschaffung und Generierung von Lebensqualität dienen: Möglichst gutes Leben mit möglichst geringem Aufwand und möglichst viel Sicherheit. Und überwiegend: Um eine Familie zur Replikation gründen zu können – wie in der unbewussten Natur. Dabei steht die Verfolgung privater Interessen „eigener Vorteil zu Lasten anderer“ immer im Vordergrund des Handelns. Besonders ausgeprägt bei Wirtschaftsunternehmen.

Strukturell gesehen ist dabei der Effekt „zu Lasten anderer“ insbesondere für die Schwächeren extrem nachteilig: Das Auseinanderdriften der Spannen zwischen arm und reich, die Umweltzerstörung, das Artensterben sind solche Konsequenzen, natürlich auch Kriege zu Gunsten von Gewinnern, zu Lasten der Schwächeren. Es ist ein Effekt des Bewusstseins, das massiv verstärkend wirkt und den Menschen zum stärksten Wesen der Welt machte, über andere Lebensformen wie auch über die schwächeren Exemplare der eigenen Lebensform. Während der rein unbewussten Evolution waren die Dinge zwischen den verschiedenen Lebensformen über Jahrmillionen im Gleichgewicht.

Hirn und Geist, Vernunft also, schafften es zwar auch, aus für die Gesellschaft schlechten Erfahrungen, also empirisch, gegensteuernde, auch ethisch orientierte Maßnahmen zu erfinden und zu lernen, doch bei genauem Hinsehen operieren sie fast alle nur am Symptom: Gesetze, Drohungen, Strafen. Auch Appelle verhallen meist ungehört, wenn es um den eigenen Vorteil geht. Kaum eine Maßnahme setzt an der Wurzel, an der Gegensteuerung gegen diese Grundantriebe an.

Bei strukturellem Betrachten erkennt man also, dass unser Verstand, unser Geist überwiegend noch immer nach den Gesetzmäßigkeiten der unbewussten Evolution wirkt: Eigener Vorteil zu Lasten anderer. Ein Gleichgewicht zwischen privaten, egozentrischen und gesellschaftlichen Interessen ist noch lange nicht erreicht, eher im Gegenteil.

Erkennbar an der Dominanz von Wirtschafts- und Finanzunternehmen, von Mächtigen in Wirtschaft, Politik und Finanzen gegen die der Rest der Gesellschaft, das Volk, auf die Straße gehen muss, um für die eigenen, ausgewogenen Rechte zu kämpfen.

 

Welches sind genetisch verankerte Grundverhaltenskomponenten?

Da gibt es zunächst den absolut fundamentalen Grundantrieb zur Entstehung bzw. Replikation. Er hat das Streben nach Stärke und Dominanz zur Folge, das sich in zwei Richtungen auffächert: Die Eroberung anderer, schwächerer Organismen der Nahrungskette unterhalb, um Leben zu ermöglichen und das Streben nach Sicherheit gegen die eigene Eroberung durch stärkere Lebewesen, für die man selbst ein Bestandteil deren Nahrungskette ist. Eroberung schließt auch Reviere, Lebensräume ein.

Weil solche Grundverhaltenskomponenten nur das Individuum, nicht die Lebensform, bevorteilen, züchten sie egozentrisches Verhalten.

Weitere unbewusste Grundverhaltenskomponenten sind Rangordnung, Misstrauen oder Vorsicht, Pragmatismus, Hier & Jetzt Entscheidung, Überzeugtheit von der eigenen Entscheidung, Unsymmetrie in der Bewertung eigenen und fremden Verhaltens, Rücksichtslosigkeit oder Gleichgültigkeit, das Ausnutzen von Schwächen anderer, die Neugier zur Erlangung von Sicherheit über mögliche Bedrohungen und die Nachwuchs- Fürsorge.

Die Grundverhaltenskomponenten des letzten Abschnitts leiten sich von den erstgenannten ab. Sie sind in Experimenten über biochemische, hormonelle Ausschüttungen beobachtbar. 

 

Gibt es einen verlässlichen Prozess zur Ermittlung genetischen Grundverhaltens?

Alle Lebewesen sind komplett aus Molekülen aufgebaut, entstanden aus einem Prozess, der bei Atomen, anorganischen, dann organischen Molekülen beginnt und über replikationsfähige Moleküle zu Zellen und höheren Organismen führt. Das ist unbestritten. Also muss da auch das Verhalten beginnen, der Beginn der Evolution der Steuerungssoftware von Lebewesen.

Tatsächlich ist es hinreichend, die Untersuchung mit der Frage zu beginnen, welches Verhalten schon bei den einfachsten Organismen die Entstehungs- bzw. Replikationsbilanz auf Werte > 1 hält, in sich dynamisch ändernden Nischen. Die Bilanz ist das Verhältnis aus Entstehung und Verschwinden, gemittelt über große Zeiträume und viele Exemplare. Sucht man konsequent alle denkbaren Verhaltensweisen, die einem Individuum in einer konkurrierenden Umgebung Vorteile für die Replikationsbilanz verschaffen, in den Termen LEBEN, ÜBERLEBEN und REPLIKATION, so findet man alle Grundverhaltenskomponenten.

Noch einfacher, noch unglaublicher ist es, die Einzelvorgänge und Eigenschaften der Molekülbildung einfach so auszudrücken, als ob es sich um willensgesteuerte Lebewesen handelt. Mit etwas Übung muss die physikalische und chemische Sprechweise nur in die Sprache für Lebewesen umgesetzt werden, um die Grundverhaltenskomponenten zu erhalten.

Der Prozess zur Optimierung der Replikationsbilanz ist nichts anderes als die Selektion in der Evolution, weil die Bilanz- erhöhenden Verhaltensweisen sich häufiger replizieren, während die Bilanz- verringernden Verhaltensweisen nach und nach aussterben. Mit ihnen die Organismen, die sie tragen.

Somit stellen die Grundverhaltenskomponenten sowohl die detaillierten Selektionskriterien der unbewussten Evolution dar als auch die Natur des Menschen, den unbewussten Kern unserer Steuerungssoftware. Es ist auch der unbewusste Kern der menschlichen Geisteshaltung: Eigener Vorteil zu Lasten von wem auch immer. In seinen einzelnen Facetten.

 

Sind Grundverhaltenskomponenten und Verhaltensmuster identisch?

 Verhaltensmuster entstehen zusammen mit den Formen der Lebewesen erst dann, wenn Organismen in bestimmte Nischen gelangen oder abdriften. Dabei optimieren sich Grundverhaltenskomponenten Nischen- spezifisch zu Verhaltensmustern, genau wie auch die Formen der Lebewesen sich Nischen-spezifisch optimieren. Die Nischeneigenschaften bilden sich in Form und Verhaltensmuster ab, getrieben durch das Grundverhalten.

Beispiele: Ein Replikationsverhalten gibt es immer, wie das aber geschieht, ist Nischen- spezifisch. Ein Eroberungsverhalten gibt es immer: wie sie aber angreifen und erobern, ist Nischen- spezifisch. Ein Sicherheitsstreben gibt es immer: wie sie sich aber verteidigen, sich verstecken, tarnen und täuschen ist Nischen- spezifisch.

Der Mensch ist an die Nische Prärie, offenes Grasland mit Gebüschen angepasst. Durch Werkzeugentwicklung konnte und kann er jede andere Lebensnische erobern.

 

Wie lässt sich daraus eine Theorie menschlichen Verhaltens formulieren?

 Bei Geburt enthält das Steuerungszentrum eines Menschen nur die genetische Programmierung, bestehend aus den Grundverhaltenskomponenten und sich davon ableitenden Verhaltensmustern. Sieht man von vorgeburtlichem Lernen einmal ab.

Formuliert man das als unterste Schicht eines Lernturms, der das Gehirn darstellt, so liegen darüber alle individuell lernfähigen Schichten. Dort liegen die Inhalte, die ein Mensch ab Geburt lernt: Sowohl solche, die im Sinne der unbewussten Evolution die Grundantriebe verstärken als auch solche eher ethischen Inhalte, die sie bremsen und kontrollieren können. Der Mix aus allen genetischen und individuell gelernten Inhalten bestimmt die Persönlichkeit, den Charakter eines Menschen.

Das ist sehr gut, sogar besser als seine „Konditionierung“ zu bezeichnen. Sie bestimmt, ob ein Mensch eher ein egozentrischer, rücksichtsloser Macho oder ein mitfühlender, teamorientierter Partner ist. Die Konditionierung kann einen Menschen auch zu einem Suizid- gefährdetem Angsthasen machen oder einem intelligenten extrovertierten Lautsprecher. Sie bestimmt den Grad der Offenheit für neue Ideen und Denkmuster oder erzeugt einen sturen, auf sich selbst fixierten Bürokraten.

Kern der Antriebe sind immer die Grundverhaltenskomponenten, die mehr oder weniger durch gelernte Inhalte kontrollierbar sein können. Wichtig ist allerdings noch die Tatsache, dass sehr tief liegende Schichten des Gehirns viel schneller reagieren, in Paniksituationen z.B. Dabei blockieren hormonelle Ausschüttungen die eher rationalen Schichten des Gehirns sogar.

 

Das Ende philosophischer Überlegungen, warum Menschen so sind, wie sie sind?

In diesem Beitrag ist in Kurzform skizziert, dass der Aufbau menschlichen Verhaltens auf dem genetisch verankerten Grundverhalten und einem individuellen Lernanteil, wobei letzterer  je nach Inhalten, verstärkend oder kontrollierend wirkt. Damit ist tatsächlich jegliches Verhalten aller Lebensbereiche beschreib- und erklärbar und besser zu verstehen. Einschließlich der Drogensucht, mobbing, Amok oder Terrorismus.  

Besseres Verständnis lässt insbesondere die Stellschrauben samt ihrer Einstellwerte erkennen, die unmoralisches, archaisches oder eher ethisches Verhalten bewirken: Es sind die Lerninhalte, die ab Geburt, während der unterschiedlichen Lernphasen in den Lernturm, in das Gehirn eines Menschen gelangen müssen. Kommunikation und Lernfähigkeit sind dazu die Schlüssel.

Tatsächlich lassen sich mit dem hier skizzierten Instrumentarium das Verhalten in alle Lebensbereichen besser erklären, als mit phänomenologischen, „philosophischen“ Ansätzen. Obendrein ist das Modell auf einem naturwissenschaftlichen Fundament abgestützt: Der Physik der molekularen Bindungsfähigkeiten, so unglaubhaft das auch klingen mag. 

Sogar die Entstehung von Glaube an Übernatürlichkeit und Religionen sind schlüssig bis glasklar erklärbar, samt dem menschlichen Bedürfnis, das dazu führt.

Tatsächlich sind mit der hier beschriebenen Sichtweise die typischen philosophischen und metaphilosophischen Fragestellungen zum Mensch nahezu hinfällig geworden.

 Das Buch Dieter Brandt: "Menschen sind klug, ..gierig, dumm" enthält die vollständige Argumentationskette, sowie auch eine hier nicht angesprochenen Prozess zur Ableitung eines Ethischen Grundgesetzes aus dem genetisch programmierten Grundverhalten.

Ein Extrakt findet sich unter www.gesellschaftsevolution.de.                                                                           Dieter Brandt

 

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