Evolution und Religion

Vom 26.-27. November findet in Berlin der von Gert Scobel moderierte interdisziplinäre Kongress zur Meditations- und Bewusstseinsforschung mit dem Titel „Meditation und Wissenschaft 2010“ statt (siehe auch www.meditation-wissenschaft.org). Daran nimmt u.a. der Benediktinermönch und Zen-Meister Willigis Jäger teil. Jäger wird dem Titel dieses Kongresses vollkommen gerecht, indem er statt überholter theologischer Metaphern wie „Himmel und Hölle“ das Weltbild der modernen Naturwissenschaft verwendet (vgl. Titel Nr. 1 des unten stehenden Literaturverzeichnisses, S. 104). Er findet so als Christ seit Jahrhunderten wieder zu einem einheitlichen Weltbild. Diese Theologie von Jäger ist im Gegensatz zur herkömmlichen, dogmatischen Theologie auch mit der Evolutionstheorie vereinbar und eröffnet so die Möglichkeit, das bisherige dogmatische Religionsverständnis bzw. die gesamte Religionsgeschichte evolutionär zu verstehen. Nachfolgen d habe ich mit Zitaten aus seinen Büchern dieses theologisch Revolutionäre von Jäger zusammenfassend dargestellt und danach ein konkretes Beispiel für ein evolutionäres Verständnis der Religion angeführt.

Willigis Jäger, geboren 1925, trat 1946 als Benediktinermönch in die Abtei Münsterschwarzach ein und studierte Philosophie und Theologie. Auf seinen Reisen im Rahmen kirchlicher Tätigkeiten kam er in Japan mit dem Zen in Kontakt, woraufhin er 6 Jahre in Zen-Klöstern verbrachte. 1996 erhielt er die volle Lehrerlaubnis als Zen-Meister und gründete seine eigene Zen-Linie. Ein von ihm in Deutschland wiederaufgebautes und als „Zentrum für spirituelle Wege“ genutztes ehemaliges Kloster steht heute für „eine Spiritualität, die unter Berücksichtigung des zeitgenössischen Weltbildes und der modernen Wissenschaften Antworten auf die Fragen des heutigen Menschen geben will“ und dabei das letztendliche Ziel hat, den Menschen in die „transpersonale Erfahrung“ der „Vereinigung mit dem Göttlichen, dem Urgrund allen Seins“, zu bringen (siehe „Selbstverständnis“ unter www.benediktushof-holzkirchen.de).

Die schlüssigen „Antworten auf die Fragen des heutigen Menschen“ werden einfach dadurch ermöglicht, weil Jäger dasjenige in der Religion konsequent relativiert oder eliminiert, was für viele Probleme verantwortlich ist: die religiöse Dogmatik und das dadurch entstandene anthropozentrische Selbst- und Weltverständnis. Auch die personale Gottesvorstellung ist für Jäger nicht mehr haltbar (vgl. 2, 14). Dabei beruft er sich neben seiner eigenen Meditationserfahrung auf alte, undogmatische christlich-mystische Traditionen, die vom dogmatischen Christentum stets verfolgt und unterdrückt wurden - so hat auch Jäger umgehend für diese Thesen ein (von ihm nicht beachtetes) kirchliches Rede- und Lehrverbot erhalten.

„Der Gott im Himmel, zu dem wir als Kinder beteten, zerbricht“ (1, 50). Die gängige personale Gottesvorstellung sieht Jäger als „kindliche Religiosität“ (3, 120) an, die zum einheitlichen, wahren Göttlichen hin zu überwinden ist. So liegt die Bedeutung von Jesus für Jäger „nicht in seinem Sühnetod am Kreuz für eine sündhafte Menschheit, sondern dass er uns einen Weg in die Erfahrung der Einheit mit dem göttlichen Urprinzip wies“ (1, 20). Wie schon bei dem griechisch-alexandrinischen Kirchenvater Origenes ist Jesus nicht Erlöser sondern Vorbild und Wegweiser - und darin kein personaler Gott.

Das betrifft umfassend das Erlösungs- und das Weltverständnis: „Das Jenseits ist nichts, was irgendwann im Laufe der Zeit einmal kommen wird, sondern es ist das Jenseits der Zeit: die Zeitlosigkeit. Hat man sich das einmal klar gemacht, wird man nicht umhin können, seine Vorstellung von Auferstehung und einem Leben nach dem Tod zu ändern. Denn nun zeigt sich, dass Auferstehung sich nicht zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort vollzieht, sondern hier und jetzt. Gott vollzieht sich als Hier und Jetzt. Und Religion ist nicht der auf künftige Belohnung schielende Dienst an einem jenseitigen Gott, sondern der Vollzug des Hier und Jetzt – der Vollzug Gottes in unserem konkreten, täglichen Leben“ (1, 93). Damit ist „die Vorstellung vom Jüngsten Gericht obsolet“ (1, 93). Auch die moralischen Regeln werden hier nicht direkt von einem personalen, weltlich handelnden Gott vorgegeben: „Im mystischen Erleben ist das, was wir 'böse' nennen, aus der göttlichen Wirkl ichkeit nicht herauszunehmen“ (1, 96). Die Strukturen von Welt und Jenseits sind strikt getrennt.

Gemäß Jäger „braucht das Christentum eine vollkommen neue Interpretation – eine Interpretation, die aus dem Fundus der kosmologischen Erkenntnisse der Naturwissenschaften eine neue Theologie entwickelt“ (1, 114). Dabei gilt: „Das Weltbild der modernen Naturwissenschaft entspricht weitestgehend den spirituellen Erfahrungen der Mystik“ (1, 104). Das zeigt sich für Jäger besonders im „'Idealismus' in der modernen Naturwissenschaft“ in der Quantenphysik (vgl. 1, 19), bei dem die scheinbar absolute Trennung zwischen Beobachter und dem Beobachteten bzw. der Messung aufgehoben wird. „Die Materie allein existiert nicht“ (1, 19), d.h. sie erweist sich letztlich wie bei Kant nur als eine Erscheinung, hier bei Jäger als Erscheinung eines einheitlichen Urgrundes – genau wie der Mensch selbst.

Jäger verabschiedet sich so vom Urtraum des Menschen, den der Mensch in der Religion zu erreichen sucht, nämlich die ewige Fortdauer des eigenen personalen Seins nach dem Tod. Die Religionen „garantieren, dass dieses Ich auf die eine oder andere Weise fortleben wird. Streicht man dieses Heilsversprechen aus ihnen heraus, verlieren sie ihr Wesentliches. Die Mystik hingegen befreit von dem Wunsch nach Dauer des Ich“ (1, 97). Es gibt keine „Perpetuierung des Ich im Jenseits“ (1, 114). Jäger durchschaut den Versuch des Menschen sein personales Ich vor dem Tod zu retten, es zu verewigen und damit auch zu vergöttlichen, als reinen Egoismus in der heutigen Zeit: „Was der Mensch 'Person' nennt, ist eine falsche Person. Diese Person ist nichts anderes als unser Egobewusstsein, das sich als absolute Individualität erlebt und darin verdeckt, dass es sich von der Urwirklichkeit des göttlichen Lebens abgespalten hat. Zugänglich wird ihm die Urwirklichkeit erst dann, wenn sich das Egobewusstsein in der spirituellen Erfahrung transzendiert und in das kosmische Bewusstsein des göttlichen Lebens übergeht“ (1, 111).

Dieser einheitliche Urgrund der weltlichen Erscheinungen als das wahre Göttliche hinter den vorstellbaren Gottesbildern entspricht besonders der negativen Theologie des mittelalterlichen Dominikanermönchs Meister Eckhart, der für solche Auffassungen ebenfalls schon der Inquisition zum Opfer fiel. „Das Christentum versteht unter Gott per definitionem ein Gegenüber“ (1, 49), doch das ist nicht nur ein Grunddogma des Christentums, sondern schon des Judentums und des nachfolgenden Islams. So schreibt H.-J. Störig in seiner „Kleine[n] Weltgeschichte der Philosophie“: „Die Vorstellung einer weiten Kluft zwischen Gott und Mensch [ist] besonders den Religionen der semitischen Völker eigen; sie stammt aus dem alten Judentum“ (4, 213). Dieses Grunddogma setzt Jäger genau wie schon Eckhart außer Kraft, indem er wie im griechischen Neuplatonismus und der asiatischen Religiosität anstelle der gegenüberstehenden personalen Gottesvorstellung den nicht personalen, einhe itlichen Urgrund setzt, auch als letztes und höchstes Ziel des Menschseins.

Jäger vollzieht hier eine grundlegende Wende vom Dualismus zum Monismus. „Gott und Mensch verhalten sich zueinander wie Gold und Ring“, „sie sind Nicht-Zwei“ einer mystischen Einheitserfahrung, „in der es kein Ich und Du mehr gibt“ (vgl. 1, 49). Die Tiefe dieser Erfahrung bringt „die Erfahrung der Einheit mit allen Wesen“ (3, 114) und kein separates und darin elitäres Erlösungsverständnis einer in Ewigkeit bestehenden absoluten Trennung. „Und darum finden wir in unserem tiefsten Wesen den ganzen Kosmos und erfahren in der Mystik die Einheit mit ihm“ (1, 110).

Das ist im Grunde die unmittelbare Erfahrung dessen, was die naturwissenschaftliche Evolutionstheorie bzw. darin unser Verstand zum Werden und Sein des Lebens und des Menschen aus der Materie nur theoretisch, abstrakt und in der Dualität vermitteln kann. Evolutionstheorie und die neue Theologie von Jäger sind nicht nur oberflächlich miteinander kompatibel, sie ergänzen und bestätigen sich gegenseitig sehr tiefgründig. Der Mensch ist in der Theologie Jägers, um es mit einem seiner Buchtitel zu sagen, auch nur als eine „Welle im Meer“ dem ständigen Entstehen und Vergehen vollständig unterworfen, so wie alle anderen Lebewesen. Das Ziel Jägers ist nicht die absolute Abspaltung und Trennung des menschlichen Seins vom restlichen Leben und dessen Schicksal, wie in der herkömmlichen Theologie, sondern gerade die Erkenntnis der Einheit mit allem Sein im Hier und Jetzt – das, was im Grunde auch die Evolutionstheorie philosophisch vermittelt.

Diese Auffassung als Verbundenheit mit allem Sein hat dann allgemein und unmittelbar etwas mit unserem nicht mehr angepassten Selbst- und Weltverständnis, unserer Lebenswirklichkeit und und gerade heute mit unserer Zukunft zu tun: „Unser Ich-Bewusstsein hat sich in einen Egozentrismus hinein entwickelt, der den Untergang der Spezies homo sapiens bedeuten kann, wenn wir uns nicht rechtzeitig in Richtung eines kosmischen Bewusstseins entwickeln“ (3, 111). Es geht so nicht nur um die Erleuchtung einiger weniger Individuen, sondern auch „um eine vollkommen neue Sicht von Welt und Mensch [...], ein anderes Menschen- und Weltverständnis [...], das an die Stelle eines naiven Homozentrismus und Geozentrismus treten könnte“ (3, 32).

 

Soweit die Darstellung der Theologie von Jäger. Die von ihm gelehrte spirituelle Einheitserfahrung und (Zen)Praxis geht natürlich über das naturwissenschaftliche Selbstverständnis hinaus. Doch wenn Jäger das bisherige dogmatische Religionsverständnis in einem neuen Selbst- und Weltverständnis als unzutreffend und falsch entlarvt, stellt sich auch in der modernen Naturwissenschaft die Frage, wie eine neue Religion, hier besonders die des Christentums, dann entstanden ist. Wenn die übernatürlichen Bezüge und Ursachen wegfallen, können nur natürliche Ursachen dafür verantwortlich sein, und das heißt nichts anderes, als dass die Religion ein Teil der Evolution ist.

Im Grunde weist schon die Vielfalt der Religionen darauf hin, und es zeigt sich ebenfalls, wenn die lange jüdisch-christliche Tradition näher betrachtet wird. In dieser Tradition hat sich das Gottesbild während der Entwicklung des Menschseins mehrmals radikal gewandelt, von den polytheistischen Naturgöttern zu einem monotheistischen Glauben, der noch Tier- und Menschenopfer verlangte, der dann mit den zehn Geboten eine moralische Vorschrift in das Zentrum des Glaubens stellte (die allerdings nur für das Volk der Juden galt), bis hin zu dem heutigen dreieinigen christlichen Gott der völkerübergreifenden Nächstenliebe. Da die Religion wohl so alt ist wie der Mensch selbst und auch heute noch in allen Völkern vertreten ist, handelt es sich hierbei um eine der wirkmächtigsten und wichtigsten Funktionen der Evolution in der Entwicklung des menschlichen Seins.

Die folgende Bibelstelle aus dem Alten Testament ist ein authentisches Zeugnis sowohl für das angepasste und in diesem Sinne „gute“ Verhalten der damaligen Zeit und darin auch für die Rolle des alttestamentlichen Gottes. Im Gegensatz zum heutigen ethischen Verständnis und zum neutestamentlichen Gott hebt diese Stelle besonders klar das hervor, was sich bei der letzten großen Religionsentstehung vor 2000 Jahren im Verhalten der Menschen geändert hat. In 5 Mose/Deuteronomium 7 und 20 (Einheitsübersetzung) heißt es noch als Vorschrift für das Verhalten gegenüber den Nachbarvölkern:

7. Kapitel: Israel und die Völker des Landes

1 Wenn der Herr, dein Gott, dich in das Land geführt hat, in das du jetzt hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen, wenn er dir viele Völker aus dem Weg räumt - Hetiter, Girgaschiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die zahlreicher und mächtiger sind als du -, 2 wenn der Herr, dein Gott, sie dir ausliefert und du sie schlägst, dann sollst du sie der Vernichtung weihen. Du sollst keinen Vertrag mit ihnen schließen, sie nicht verschonen 3 und dich nicht mit ihnen verschwägern. Deine Tochter gib nicht seinem Sohn und nimm seine Tochter nicht für deinen Sohn! 4 Wenn er deinen Sohn verleitet, mir nicht mehr nachzufolgen, und sie dann anderen Göttern dienen, wird der Zorn des Herrn gegen euch entbrennen und wird dich unverzüglich vernichten. 5 So sollt ihr gegen sie vorgehen: Ihr sollt ihre Altäre niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre Kultpfähle umhauen und ihre Götterbilder im Feuer verbrennen.

20. Kapitel: Der Krieg gegen Städte

10 Wenn du vor eine Stadt ziehst, um sie anzugreifen, dann sollst du ihr zunächst eine friedliche Einigung vorschlagen. 11 Nimmt sie die friedliche Einigung an und öffnet dir die Tore, dann soll die gesamte Bevölkerung, die du dort vorfindest, zum Frondienst verpflichtet und dir untertan sein. 12 Lehnt sie eine friedliche Einigung mit dir ab und will sich mit dir im Kampf messen, dann darfst du sie belagern. 13 Wenn der Herr, dein Gott, sie in deine Gewalt gibt, sollst du alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen. 14 Die Frauen aber, die Kinder und Greise, das Vieh und alles, was sich sonst in der Stadt befindet, alles, was sich darin plündern lässt, darfst du dir als Beute nehmen. Was du bei deinen Feinden geplündert hast, darfst du verzehren; denn der Herr, dein Gott, hat es dir geschenkt. 15 So sollst du mit allen Städten verfahren, die sehr weit von dir entfernt liegen und nicht zu den Städten dieser Völker hier gehören. 16 Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen. 17 Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat, 18 damit sie euch nicht lehren, alle Gräuel nachzuahmen, die sie begingen, wenn sie ihren Göttern dienten, und ihr nicht gegen den Herrn, euren Gott, sündigt.

Der alttestamentliche Gott, auf den sich auch das Christentum beruft, forderte hier den Völkermord, den Holocaust, der in unserer Zeit das größte Verbrechen und die größte Sünde überhaupt darstellt. Aus der Sicht des heutigen gläubigen Christen ist diese Forderung unverständlich und paradox, aus evolutionärer Sicht jedoch verständlich und logisch, denn diese Forderung entsprach dem damaligen Entwicklungsstand des Menschen. Ethik und Moral sind keine absolute und göttliche Kategorien, sie sind vielmehr wie etwa die Sprache in der menschlichen Entwicklung auf natürliche Weise entstanden. Diese beiden zitierten Bibelstellen geben klar und authentisch die damalige Situation der Menschen wieder, ihre Bestrebungen, Einstellungen und Werte und die Rolle der Religion dabei.

Der Historiker Peter Brown beschreibt treffend ein anderes neues Element des christlichen Glaubens (in dem das Göttliche zudem plötzlich mit dem unteren Ende des sozialen Hierarchie identifiziert wurde):

Und in dieser Hinsicht erwies sich das Christentum als ungewöhnlich demokratische und zukunftsträchtige Bewegung. Es fällt uns heutzutage (da unsere Vorstellungen von Jahrhunderten christlicher Sprache geprägt sind) nicht mehr leicht zu begreifen, wie neu einst die Anschauung war, dass jeder Mensch dem gleichen universalen Gottesgesetz untergeben und zur Erlösung durch die triumphierende oder bemühte Überwindung der Sünde kraft der dauernden und exklusiven Mitgliedschaft in einer einzigartigen religiösen Gruppe gleichermaßen befähigt sei (5, 40).

Das für das evolutionäre Verständnis der Religion Entscheidende an diesen Wandlungen und Umbrüchen ist jedoch, dass die neuen Forderungen des Göttlichen an die Menschen nicht von einem realen Göttlichen vorgegeben wurden, wie es dem Selbstverständnis der Religionen entspricht, sondern dass umgekehrt ein aufgrund geänderter Umwelt- oder Entwicklungsbedingungen nötiges neues Verhalten das Göttliche bestimmte. Dieses evolutionäre Verständnis der Religion, in dem die konkrete Glaubensvorstellung sozusagen nur ein „Trick“ der Evolution ist, um die Menschen zu einem bestimmten Verhalten zu bringen, hat der Sache nach auch Kant schon vertreten, obwohl es die Evolutionstheorie zu seiner Zeit noch gar nicht gab. Kant sagt in dem folgenden Zitat, dass der „Weltregierer“ oder Gott nur dazu da ist, den moralischen Gesetzen „Effekt zu geben“, dass sie aber nicht direkt von ihm abzuleiten sind. Die Notwendigkeit (neuer) moralischer Gesetze oder Verhaltensweisen hat so zur Vorstellung eines (neuen) Gottes geführt, und nicht umgekehrt hat ein (neuer) Gott (neue) moralische Gesetze oder Verhaltensweisen willkürlich und zufällig erlassen:

Wenn aber praktische Vernunft nun diesen hohen Punkt erreicht hat, nämlich den Begriff eines einigen Urwesens, als des höchsten Guts, so darf sie sich gar nicht unterwinden, gleich als hätte sie sich über alle empirischen Bedingungen seiner Anwendung erhoben, und zur unmittelbaren Kenntnis neuer Gegenstände emporgeschwungen, um von diesem Begriffe auszugehen, und die moralischen Gesetze selbst von ihm abzuleiten. Denn diese waren es eben, deren innere praktische Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen Ursache, oder eines weisen Weltregierers führte, um jenen Gesetzen Effekt zu geben, und daher können wir sie nicht nach diesem wiederum als zufällig und vom bloßen Willen abgeleitet ansehen, insonderheit von einem solchen Willen, von dem wir gar keinen Begriff haben würden, wenn wir ihn nicht jenen Gesetzen gemäß gebildet hätten. Wir werden, soweit praktische Vernunft uns zu führen das Recht hat, Handlungen nicht darum für verbindlich halten, w eil sie Gebote Gottes sind, sondern sie darum als göttliche Gebote ansehen, weil wir dazu innerlich verbindlich sind (6, B846-B847 - 849-850).

Vor 2000 Jahren gab es auch in der damaligen Philosophie schon einen Humanismus, der zu einem anderen Verhältnis zwischen den Völkern hätte führen können. Doch die Philosophie war zu schwach dazu, dieses zur weiteren Entwicklung notwendige Verhalten durchzusetzen. Nur die Kraft des dogmatischen und emotionalen Glaubens an ein übernatürliches Wesen war unter den damaligen Umständen dazu in der Lage. Heute aber herrschen wiederum andere Verhältnisse. Die Situation im sogenannten „Heiligen Land“ der drei semitischen Weltreligionen gibt treffend die Sackgasse wieder, in der sich der dogmatische Glaube in der modernen Welt befindet. Heute ist es notwendig, dass die Philosophie und die moderne Naturwissenschaft den „Trick“ der Evolution des Menschen durchschaut und der Mensch so zu einem neuen Selbst- und Weltverständnis findet. Der Mensch spielt in der Welt keine Sonderrolle, er ist ganz und gar Teil der Evolution und einer unseren Erkenntnisformen direkt unzugä nglichen Einheit, die diesem Entwicklungsprozess zugrundeliegt.

Literaturverzeichnis:

1. Willigis Jäger, „Die Welle ist das Meer“, Freiburg im Breisgau 2007

2. Willigis Jäger, „Westöstliche Weisheit“, Stuttgart 2007

3. Willigis Jäger, „Das Leben endet nie“, Freiburg im Breisgau 2010

4. H.-J. Störig, „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“, Frankfurt/M. 1988

5. Peter Brown, „Die Entstehung des christlichen Europa“, München 1999

6. I. Kant, „Kritik der reinen Vernunft“, Hamburg 1998

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