Der nur noch hypothetische Realismus der modernen Naturwissenschaft als dogmatischer, quasireligiöser Realismus-Glaube

 

Menschliches Wissen

Weil du liesest in ihr, was du selber in sie geschrieben,

Weil du in Gruppen fürs Aug ihre Erscheinungen reihst,

Deine Schnüre gezogen auf ihrem unendlichen Felde,

Wähnst du, es fasse dein Geist ahnend die große Natur.

So beschreibt mit Figuren der Astronome den Himmel,

Dass in dem ewigen Raum leichter sich finde der Blick,

Knüpft entlegene Sonnen, durch Siriusfernen geschieden,

Aneinander im Schwan und in den Hörnern des Stiers.

Aber versteht er darum der Sphären mystische Tänze,

Weil ihm das Sternengewölb sein Planiglobium zeigt?

(Friedrich Schiller)

Kann die moderne Naturwissenschaft in Form der Biologie das Rätsel des Bewusstseins lösen, in ihrem Weltbild des Realismus das menschliche Wissen so umfassend erweitern, in sich als Realität erklären und bestätigen und damit die bisherigen Geisteswissenschaften überflüssig machen, die mit ihrer zweitausendjährigen Tradition an diesem Rätsel angeblich gescheitert sind? Diese Ansicht und dieser Anspruch wird zumindest von dem Biologen Edward O. Wilson in seinem neuen Buch „Der Sinn des menschlichen Lebens“1 vertreten. Doch bei näherer und kritischer Betrachtung dieser Ansicht zeigt sich, dass genau umgekehrt die Naturwissenschaften bei ihren Problemen die Hilfe der alten Geisteswissenschaften benötigen, um ihren nur noch »hypothetischen Realismus« zu überwinden, der sich darin als ein dogmatischer und quasireligiöser Realismus-Glaube entpuppt.

Der Realismus der modernen Naturwissenschaft besteht darin, dass die von uns in unserem Bewusstsein erkannte Welt nicht nur in diesem Bewusstsein existieren soll, sondern auch ohne jegliches Bewusstsein und unabhängig davon als eben dadurch reales Sein. Wenn dieser Realismus zu einem Ziel gekommen wäre und sich umfassend bestätigt hätte, müssten darin die idealistischen Ansichten schnell und eindeutig als falsch widerlegt werden können. Doch genau das ist gerade nicht der Fall. An den Grenzen unserer Welt versagt vielmehr der Realismus und weder die Materie noch das Bewusstsein lassen sich letztendlich im Sinne des Realismus „dingfest“ machen. An den Grenzen der Welt läuft es vielmehr stets auf die von den Neurobiologen Maturana und Varela in Ihrem Buch „Der Baum der Erkenntnis“ genannte Kreisläufigkeit oder Zirkularität hinaus.2 Das ist aber kein Mangel oder Fehler, sondern die Bestätigung des Idealismus, dass nämlich eine scheinbar reale und vom Bewusstsein unabhängige Grundlage, von der aus der Geist im Sinne eines Realismus scheinbar kausal erklärt werden kann, sich in unserem Erkennen letztlich immer wieder als geistig geschaffen oder konstruiert erweist, so wie die gesamte von uns erkannte Welt.

So ergibt sich etwa aus der Evolutionstheorie, dass das Bewusstsein, Sein in Zeit und Raum zu erkennen, in der Evolution mit dem Tier entstanden ist. Doch Konrad Lorenz vermutet in seinem Hauptwerk „Die Rückseite des Spiegels“ zunächst zu recht, dass diese mit dem Tier entstandene „Kluft, die Leibliches von Seelischem trennt, prinzipiell anderer Art ist, als die beiden anderen großen Einschnitte im Schichtenbau der realen Welt, nämlich der Einschnitt, der zwischen dem Nichtlebendigen und dem Lebendigen besteht, und jener, der den Menschen vom Tier trennt“.3 Daher meint Lorenz: „Selbst eine utopische Zunahme unserer Kenntnisse würde uns der Lösung des Leib-Seele-Problems nicht näher bringen.“4 Von der ausschließlich realistischen Perspektive aus gesehen liegt er damit durchaus richtig.

Trotzdem glauben Lorenz als auch andere Naturwissenschaftler bis heute das Problem des Bewusstseins als »Evolutionäre Erkenntnistheorie« im Realismus insofern gelöst zu haben, indem „die »Brillen« unserer Denk- und Anschauungsformen, wie Kausalität, Substantialität, Raum und Zeit, Funktionen einer neurosensorischen Orga­nisation [sind], die im Dienste der Arterhaltung entstanden ist“5, wobei „unser Erkenntnisapparat selbst ein Ding der realen Wirklich­keit ist, das in »Auseinandersetzung mit« und in »Anpassung an« ebenso wirkliche Dinge seine gegenwärtige Form erhalten hat.“6 Dieses ausschließlich realistische Weltverständnis geht unbeirrt davon aus, dass „die reflektierende Er­kenntnis des eigenen Seins, die Descartes in die Worte »Cogito, ergo sum« (»Ich denke, also bin ich«) gefaßt hat, immer noch die am wenigsten bezweifelbare von allen [ist],“7 und an unserer Überzeugung, „daß alles, was unser Erkenntnisapparat uns meldet, wirklichen Gegebenheiten der außersubjektiven Welt entspricht, halten wir unerschütterlich fest.“8

Mit diesem Realismus und seiner Evolutionären Erkenntnistheorie glauben Lorenz und die moderne Naturwissenschaft Kant in der Weise widerlegt zu haben, dass die Bildung der „Brillen“ unserer Erkenntnisformen „zwar für das Individuum insofern »apriorisch« [ist], als sie vor jeder Erfahrung da ist und da sein muß, damit Erfahrung möglich werde“9, weil sie angeboren sind, dass diese Anschauungsformen aber, was Kant noch nicht wissen konnte, stammesgeschichtlich in der Evolution als Anpassung an die realen Gegebenheiten (von Kants »Ding an sich«) erworben wurden.

Doch vom idealistischen Verständnis her liegt hier wieder genau ein Zirkelschluss vor, denn das, was Lorenz hier zu beweisen und abzuleiten versucht, nämlich die Strukturen unserer Erkenntnis-, Denk-, und Anschauungsformen, hat er zuvor in dieser Form als reales Sein postuliert. Woher kennt er denn außerhalb unserer Seins- und Erkenntnisformen bzw. unseres Bewusstseins dieses reale Sein, an das unser Erkennen als »Auseinandersetzung mit« und in »Anpassung an« in der Evolution entstanden sein soll? Doch nur vom bloßen Glauben her, dass es einem Realismus nach so sein muss, weil ansonsten dieser Realismus nicht mehr gelten würde.

Der große Schwachpunkt dieser Argumentation ist, dass hier das Reale, Substantielle nur hypothetisch vorausgesetzt, aber nicht „dingfest“ gemacht werden kann, was doch beim Vorhandensein eines Realen und Substantiellen selbstverständlich sein sollte. Offensichtlich ist scheinbar, dass mit dem Tier in Sein, Zeit und Raum ein Bewusstsein entstanden ist, in dem ein Tier anderes Sein in Zeit und Raum abstrahieren und erkennen kann, was nicht nur die orientierte und kontrollierte (Eigen)Bewegung ermöglicht, sondern insbesondere die gezielte Jagd bzw. Flucht (was in dieser Form des aufeinander abgestimmten Verhaltens gleichzeitig eine Art von Kommunikation bzw. der erste sprachliche Bereich ist).

Doch ist diese Entstehung des Bewusstseins darin mit etwas Realem verbunden, so dass in einem Bewusstsein die eigene Entstehung aus dem zugrundeliegenden Realen, Absoluten in den Formen dieses Bewusstseins erkannt und nachvollzogen werden kann, also als kausales Geschehen, das in Zeit und Raum stattfindet, wodurch die Bewusstseinsstrukturen auch Teil des zugrundeliegenden Realen, Absoluten wären? Dann müsste das auch in einem anderen entstehenden Bewusstsein nachvollzogen werden können, so dass wir zumindest mit den Mitteln der modernen Naturwissenschaft erkennen könnten, wie in einem Tier Bewusstsein als real vorliegendes Geschehen entsteht.

Oder ist in dem entstandenen Bewusstsein Reales und Substanzhaftes nicht darin enthalten und beteiligt (ebenso wie die Urzelle sich nur durch eine besondere Struktur, aber nicht durch eine neue Substanz von ihrer Umwelt als Zelle abgrenzt) und kann auch in diesem Bewusstsein nicht erkannt werden, so dass das entstandene Bewusstsein darin eine völlig andere Struktur als die des zugrundeliegenden Realen oder Absoluten hat und daher weder die Entstehung des Bewusstseins in einem anderen Sein noch seine eigene Entstehung in diesem Bewusstsein erkannt werden kann? Dann ist Bewusstsein als Struktur von in Zeit und Raum getrennten Sein stets plötzlich, blitzartig oder apriori vorhanden, ohne seine eigene Entstehung aus einem zugrundeliegenden Realen oder Substanzhaften kausal in Zeit und Raum erkennen zu können und auch ohne das in diesem Bewusstsein in einem anderen erkannten Bewusst-Sein jemals erkennen zu können, d.h. etwa als Entstehung des Bewusstseins in einem Tier. In einem Bewusstsein könnte dann zwar vermutet werden, dass aufgrund des Verhaltens auch anderes Sein Bewusstsein besitzt, aber über die erkannte orientierte und kontrollierte Eigenbewegung in Zeit und Raum hinaus könnte in einem Bewusstsein nicht erkannt werden, wie das aus der diesem Sein scheinbar zugrundeliegenden Materie entstanden sein soll. Alle Eigenarten und Vorgänge der erkannten Welt könnte so nicht unabhängig von der Frage betrachtet werden, was dieses eigene Bewusstsein eigentlich ist, mit dem die Welt gerade erkannt wird, oder mit anderen Worten, die Entstehung von in Zeit und Raum getrennten Sein kann nicht in dieser Grundstruktur der Welt erkannt werden.

Kant hat mit seinem Apriori diesen Sachverhalt als besonderes Verhältnis zwischen einem Realen, Absoluten als „Ding an sich“ und der in unserem Bewusstsein erkannten Welt folgendermaßen dargestellt und dabei auch schon die Probleme der Quantenphysik und Neurobiologie mit ihrem Verständnis der Realität vorweggenommen, wenn er sagt:

„Ins Innere der Natur dringt Beobachtung und Zergliederung der Erscheinungen [Quantenphysik, Neurobiologie, Genetik usw.], und man kann nicht wissen, wie weit dieses mit der Zeit gehen werde. Jene transzendentalen Fragen aber, die über die Natur hinausgehen, würden wir bei allem dem doch niemals beantworten können, wenn uns auch die ganze Natur aufgedeckt wäre, da es uns nicht einmal gegeben ist, unser eigenes Gemüt mit einer anderen Anschauung, als der unseres inneren Sinnes, zu beobachten. Denn in demselben liegt das Geheimnis des Ursprungs unserer Sinnlichkeit. Ihre Beziehung auf ein Objekt, und was der transzendentale Grund dieser Einheit sei, liegt ohne Zweifel zu tief verborgen, als daß wir, die wir sogar uns selbst nur durch inneren Sinn, mithin als Erscheinung, kennen, ein so unschickliches Werkzeug unserer Nachforschung dazu brauchen könnten, etwas anderes, als immer wiederum Erscheinungen, aufzufinden, deren nichtsinnliche Ursache wir doch gern erforschen wollten.“10

Wir können durch diese „Zergliederung der Erscheinungen“ zwar Atombomben bauen und explodieren lassen, und meinen dadurch, von unserem Bewusstsein unabhängige Realität zu erkennen und zu erfahren, doch das stimmt nicht: Alles das, was wir in der Welt und als Welt erkennen und erfahren, ist darin durch die Anschauungsformen unseres Bewusstseins bedingt. Eine das Sein der Welt zerstörende Atombombenexplosion ist auch nur so etwas wie die Farbwahrnehmung, d.h. es ist zwar für uns und unser Bewusstsein real, aber es entspricht darin nicht der eigentlichen, substantiellen und von unserem Bewusstseins unabhängigen Realität. Eine Zerstörung unserer Farbwahrnehmung ist für uns ebenso katastrophal und in dieser Weise auch real, aber auf der Ebene der elektromagnetischen Wellen mag dem nur eine geringfügige Frequenzänderung oder -störung zugrundegelegen haben, so wie die Wellen des Meeres manchmal höher oder niedriger sind. Die Grundstruktur des Weltlichen, nämlich die Erkenntnis von in Zeit und Raum getrennten Sein, ist keine substantielle, dem Absoluten, Realen zugehörende Eigenschaft, sondern etwas, das wir gemäß dem Gedicht von Schiller selbst in die große Natur hineingeschrieben haben, um es dann wieder dort herauszulesen, ungefähr so, wie wir als Sprache bestimmten Tönen oder Zeichen zuerst Bedeutung verliehen haben, um damit unser Sein zu erweitern.

 

Es stellt sich darüber hinaus die Frage, warum das Gehirn überhaupt erst die von Lorenz in diesem Zusammenhang angeführten, überaus komplexen physiologischen Berechnungs- und Konstruktionsvorgänge als sogenannte „Konstanzphänomene“11 durchführen muss, um etwas zu erkennen, das real den Sinnesorganen direkt zugänglich sein soll und das es daher eigentlich nur abbilden muss.

Das der Evolutionären Erkenntnistheorie nach in unserer Welt angeblich vorhandene Reale kann dabei nicht einmal von dem eindeutig bloß in unserem Bewusstsein Konstruierten, wie den Farben, unterschieden werden. Die Unterscheidung zwischen realer Substanz und konstruierter Erscheinung müsste dabei doch zumindest für die Wissenschaft eindeutig vorzunehmen sein, wenn nicht sogar durch jeden Menschen ohne weitere Hilfsmittel, so wie auch jeder Menschen das materielle Sein eines Felsblocks von der Idee über diesen Felsblock unterscheiden kann. Stattdessen stellt der Wissenschaftstheoretiker Gerhard Vollmer in seinem Buch „Evolutionäre Erkenntnistheorie“, mit dem er das Reale der von uns erkannten Welt zu belegen sucht, abschließend fest:

„Wie gut unsere Erkenntnisse die Wirklichkeit 'treffen', läßt sich im hypothetischen Realismus und in der evolutionären Erkenntnistheorie niemals genau und beweisbar angeben. Der Grad der Übereinstimmung der von der theoreti­schen Erkenntnis rekonstruierten Welt mit der wirklichen Welt bleibt uns unbekannt, auch dann, wenn er vollkommen ist.“12

Als Untermauerung seiner Feststellung zitiert Vollmer den Vorsokratiker Xenophanes (6. Jahrhundert v. Chr.), der als „Sturmvogel der griechischen Aufklärung“ wie Platon den Anthropomorphismus bekämpfte, u.a. mit der Aussage, „wenn Pferde Götter hätten, würden diese Götter wie Pferde aussehen“. Die Aussage von ihm, auf die sich Vollmer stützt, lautet:

„Nimmer noch gab es den Mann und nimmer wird es ihn geben, der die Wahrheit erkannt von den Göttern und allem auf Erden. Denn auch wenn er einmal das Rechte vollkommen getroffen, wüßte er selbst es doch nicht. Denn nur Wähnen [= hypothetisches Wissen, G. Vollmer] ist uns beschieden.“13

Vom Einheitsdenken der griechischen Philosophie her bezieht sich diese Aussage von Xenophanes auf die wie später bei Plotin unerkennbare Einheit eines darin Realen oder Absoluten. In diese unerkennbare Einheit projizieren sowohl die von Xenophanes in seiner Aufklärung kritisierten alten Griechen als auch später das Christentum ihre personalen Götter und proklamierten diese (und damit letztlich auch sich selbst) als reales Sein. Doch im Grunde begehen hier Lorenz und Vollmer bzw. die evolutionären Erkenntnistheoretiker denselben Fehler wie die Religion, indem sie zwar keine personalen Strukturen in das Eine, Absolute hineinprojizieren, aber unsere weltlichen Seins- und Erkenntnisstrukturen. Der eigentliche Fehler liegt darin, dass Vollmer bzw. die Evolutionäre Erkenntnistheorie letztlich diese weltlichen Strukturen damit als real postulieren, genau wie das Christentum es mit den personalen Strukturen macht.

Vollmer bezieht die grundsätzliche Unerkennbarkeit der Aussage von Xenophanes nur darauf, dass unser „Wähnen“ (der realen Strukturen) zwar letztlich aus irgendwelchen Gründen nicht erkannt und bewiesen werden kann, dass unser naturwissenschaftliches Wähnen aber auf jeden Fall schon zutreffend ist, und zwar real, denn ansonsten würde sich in einem bloßen „Wähnen“ der Realismus ja auflösen. In gleicher Weise könnte mit dieser Argumentation das Christentum seinen personalen Gott rechtfertigen, d.h. dass es diesen aufgrund der Verkündigung als real annimmt, aber mit Xenophanes letztlich nicht objektiv beweisen kann, dass es wirklich so ist, weswegen es dann nur ein Glaube und kein Wissen ist.

Xenophanes hält aber die letztendliche Wahrheit oder Realität als solche für unerkennbar, genau wie im höchsten Gedanken des Platonismus, nämlich die reine Transzendenz des Absoluten. Diese Grundidee des Platonismus und Idealismus ist bis heute auch durch die moderne Naturwissenschaft noch nicht widerlegt worden. Von dieser platonischen oder idealistischen Perspektive her muss die zitierte Feststellung von Vollmer daher nicht lauten: „Der Grad der Übereinstimmung der von der theoreti­schen Erkenntnis rekonstruierten Welt mit der wirklichen Welt bleibt uns unbekannt, auch dann, wenn er vollkommen ist“, sondern: „Der Grad der Übereinstimmung der von der theoreti­schen Erkenntnis konstruierten Welt mit der letztendlichen Realität (im Sinne von Kants 'Ding an sich') ist und bleibt uns deswegen vollkommen unbekannt, weil er gleich Null ist“. Mit anderen Worten, in der von uns in unserem Bewusstsein erkannten Welt mit ihren Seins- und Erkenntnisstrukturen ist ein Reales oder Absolutes grundsätzlich nicht erkennbar und damit für uns nicht erfahrbar. Das gilt bis heute auch für die moderne Naturwissenschaft.

Bei der Argumentation der Evolutionären Erkenntnistheorie stellt sich daher die Frage, warum wir das Reale niemals als solches erkennen können, trotzdem es sich nicht nur direkt vor unseren Augen befindet, sondern es sogar ein Teil unserer selbst sein soll und unsere Erkenntnisstrukturen in Anpassung daran entstanden sein sollen. Was liegt dem Wesen eines Realismus unter diesen Voraussetzungen denn näher, als die Annahme, dass das Reale und darin Substantielle dann als solches auch erkannt und erfahren werden kann? Doch diese kritische Frage wird strikt ausgeblendet, und es gilt stattdessen die schon zitierte Aussage von Lorenz dazu: An der Überzeugung oder dem Glauben, „daß alles, was unser Erkenntnisapparat uns meldet, wirklichen Gegebenheiten der außersubjektiven Welt entspricht, halten wir unerschütterlich fest“ - genauso wie das Christentum an seinem personalen Gottesglauben.

Da die Naturwissenschaft die angeblich in der von uns erkannten Welt vorhandenen realen Strukturen nicht als solche „dingfest“ machen kann, wir diese als solche sogar niemals erkennen können sollen, obwohl unser Erkennen durch eine Anpassung daran entstanden sein soll, erweist sich die Hypothese des Realismus in der modernen Naturwissenschaft als reine und bloße Hypothese, bzw. es ist ein reiner, dogmatischer Glaube daran und darin nichts anderes als der schon von Xenophanes kritisierte Anthropomorphismus: Das Reale, Absolute muss dieselben Seins- und Erkenntnisstrukturen besitzen wie wir selbst, genauso wie es in der Religion personale Strukturen besitzen muss, oder andersherum, unsere Seins- und Erkenntnisstrukturen müssen real und absolut sein. So scheint es in der auf diesem Glauben gründenden Evolutionären Erkenntnistheorie, als seien wir in evolutionärer Anpassung an diese postulierten realen Strukturen entstanden und somit ebenso real wie diese, genauso wie in der Religion die personalen und darin realen Götter die Menschen geschaffen haben sollen.

Der alte religiöse Glaube erscheint hier in der modernen Naturwissenschaft nur in einem neuen Gewand. Doch bei genauerer und kritischer Betrachtung ergibt sich, dass wir in beiden Fällen zuvor unsere weltlichen Strukturen in etwas uns vollkommen unbekannten Absoluten hineinprojiziert oder -geschrieben haben und dogmatisch daran festhalten – nur um der Realität, Ewigkeit und darin Göttlichkeit unseres Seins und unserer Welt gewiss zu sein.

Dieser Dogmatismus in der modernen Naturwissenschaft lässt sich auch ohne den Bezug zur alten griechischen Philosophie aufdecken. Denn der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker meint entgegen der Evolutionären Erkenntnistheorie: „Ich schlage statt dessen die Ansicht vor, daß 'real' und 'Realität' sinnlose Vokabeln sind, durch deren vollständige Elimination sich an allen posi­tiven Erkenntnissen der Naturwissenschaft überhaupt nichts ändert. Das sollte klar werden, wenn wir bedenken, daß Realität, von der wir wissen können, Realität für uns ist, und Realität, von der wir nicht wissen können, per definitionem in unserem Wissen nicht vorkommt.“14 Daran schließt er in einem direkten kritischen Bezug zum Hauptwerk von Konrad Lorenz die Aussage an, die die Argumentation von Lorenz zur Evolutionären Erkenntnistheorie als Zirkelschluss entlarvt: „Wenn das Bewußtsein ein Spie­gel ist, so kennen wir die Rückseite des Spiegels nur gespiegelt.“15

Das »Davor« der Entstehung unseres Bewusstseins in der Evolution, also besonders die Materie, können wir auch nur mit der „Brille“ erkennen, die überhaupt erst mit dem Tier entstanden ist, und darin erkennen wir eben nicht die eigentliche Realität, sondern wir erkennen sie nur in dieser Brille unserer Anschauungsformen, und zwar grundsätzlich so, wie wir elektromagnetische Wellen als Farben erkennen. Die Farben sind etwas ganz anderes als die ihnen zugrundeliegenden elektromagnetischen Wellen, ebenso wie dann die von uns erkannte Welt (mitsamt Materie und elektromagnetischer Wellen) etwas ganz anderes ist als die eigentliche Realität.

Der Idealismus sagt nicht, dass es ein Reales, Absolutes oder eine Substanz gar nicht gibt und dass dieses Reale nicht irgendwie in einem Bezug zu unseren Erkenntnissen und unserem Sein steht. Er sagt lediglich, dass »wir« diese letztendliche Realität in unseren Seins- und Anschauungsformen grundsätzlich nicht als das erkennen können, was sie eigentlich ist. Andererseits heißt dieses Nichterkennen der Realität, dass alles das, was wir erkennen, nicht die eigentliche, substantielle Realität ist und dass damit alles das, was wir erkennen, nur in unserem Erkennen und unserem Bewusstsein (als von Weizsäckers relative Realität) so existiert, aber nicht in der substantiellen Realität.

Wer nun glaubt, dass diese besondere Beschaffenheit der Welt und Realität mit der Paradedisziplin der modernen Naturwissenschaft, der Physik, widerlegt werden kann, der irrt sich. Vielmehr weisen die Ergebnisse der Physik, genauer gesagt der Quantenphysik, ebenfalls auf diese schon von den alten Griechen erkannte Beschaffenheit der Welt hin. Denn auch in der Quantenphysik ist die Realität der physikalischen Grundlage, von der aus Wilson das Phänomen des Bewusstseins „dingfest“ machen will, alles andere als geklärt. Ganz im Gegenteil spielt hier bei der Deutung der Messergebnisse wieder der Idealismus eine Rolle, ja die oben zitierte Aussage von Maturana und Varela kann so auch auf die Quantenphysik angewendet werden („Wenn wir die Existenz einer objektiven Welt voraussetzen,...“ können wir die Ergebnisse der Quantenphysik nicht deuten). In der Quantenphysik werden die ungewollt aufgetauchten idealistischen Deutungen jedoch ebenfalls aus ideologischen Gründen allgemein nicht akzeptiert, man hält daher in der Naturwissenschaft lieber an einem nur noch »hypothetischen Realismus« fest (wobei dieser Ausdruck als Erkenntnis und Erfahrung im Grunde schon ein Widerspruch in sich ist).

Aufgrund dieses nur noch »hypothetischen Realismus« der Naturwissenschaft und ihrer seit einhundert Jahren vergeblichen Bemühungen um das Verständnis der Realität hinsichtlich der (quanten)physikalischen Grundlage unserer Welt muss im Gegensatz zu Wilsons Aussage festgestellt werden, dass es die moderne Naturwissenschaft ist, die bei der Klärung der physikalischen Grundlage dieser Welt nicht „zu einem Ziel gekommen ist“. So spricht in einem SPEKTRUM-Interview mit dem bezeichnenden („Holzweg“)Titel „We are barking up the wrong tree“16 der Quantenphysiker Anton Zeilinger direkt die Philosophen an, um die physikalischen Forschungsergebnisse in der nach wie vor offenen Frage nach der Realität zu klären. Aufgrund der langen Erfolgslosigkeit hinsichtlich des Verständnisses von Realität hat man zumindest in Teilen der Naturwissenschaft den Verdacht, in dieser Frage irgendwie auf dem „Holzweg“ zu sein.

Mit dem „Evangelium“-Begriff in diesem Interview deutet Zeilinger an, dass die moderne Naturwissenschaft (wie schon die Religion) dogmatisch und ideologisch an einem Realitätskonzept festhält, dass sich im Fall der Naturwissenschaft durch ihre eigenen Versuche schon lange nicht mehr halten lässt. Im Grunde begeht sie mit ihrem nur noch hypothetischen Realismus denselben Fehler wie die Religion: Sie projiziert oder postuliert wie schon gesagt zwar keine Personalität wie in der Religion, aber dennoch (wie Lorenz bei seiner angeblichen Widerlegung von Kant) weltliche Strukturen, Kategorien und Eigenschaften in ein Jenseitiges, Reales oder Absolutes mit dem unerschütterlichen Glauben, dass diese Welt und unser Sein dadurch doch etwas Wirkliches, Ewiges und Substanzhaftes sein müssen, auch wenn sich das in dieser Welt seltsamerweise irgendwie nicht „dingfest“ lassen machen will und so nur auf reinem Glauben oder Hypothese beruht.

In dieser Welt ist restlos alles dem Tod und der Vergänglichkeit unterworfen und alle Versuche eine Substanz zu erkennen und „dingfest“ zu machen sind auch in der modernen Naturwissenschaft gescheitert (so dass man gar nicht mehr von Substanz spricht). Der nur noch hypothetische Realismus der modernen Naturwissenschaft ist daher nur noch ein Realismus-Glaube, d.h. die moderne Naturwissenschaft setzt hier wie in der Religion noch ein Realitätsverständnis voraus, das sich durch ihre eigenen Versuche schon lange überholt hat, an das sie aber aus rein ideologischen Gründen noch dogmatisch festhält und unerschütterlich daran glaubt.

„Was ist Realität?“. Diese Frage kann die Naturwissenschaft in Hinsicht auf die physikalische Grundlage dieser Welt ganz offensichtlich allein nicht beantworten. Sie ist dabei nach einhundert Jahren Quantenforschung auf die Hilfe der alten Geisteswissenschaft angewiesen, und zwar deswegen, weil die eigentliche Problematik und Lösung nicht im Außen der von uns erkannten Welt liegt, sondern im Innen unseres Bewusstseins – und in diesem Bereich sind uns die alten griechischen Philosophen weiterhin weit überlegen. Lorenz hat das den folgenden Worten nach zwar schon grundsätzlich richtig erkannt, aber nicht konsequent genug verfolgt:

„Schon früh war ich mir dar­über im klaren, daß der Naturwissenschaftler um der Objek­tivität willen die physiologischen und psychologischen Mecha­nismen kennen muß, die uns Menschen Erfahrungen vermitteln. Er muß sie aus denselben Gründen kennen, aus denen der Biolo­ge sein Mikroskop und dessen optische Leistungen genau kennen muß: Um davor bewahrt zu bleiben, daß man für eine dem betrachteten Ding anhaftende Eigenschaft hält, was in Wirklich­keit nur auf den Leistungsbeschränkungen des Instruments be­ruht, indem man beispielsweise die schönen regenbogenfarbigen Ränder, mit denen ein nicht ganz achromatisches Objektiv alles damit Beobachtete umgibt, für einen den untersuchten Kleinle­bewesen eigenen Schmuck hält.“17

 

1Edward O. Wilson, „Der Sinn des menschlichen Lebens“, München 2015

2Vgl. H.R. Maturana/ F.J. Varela, „Der Baum der Erkenntnis“, München 1987, S. 258-263

3Konrad Lorenz, „Die Rückseite des Spiegels“, München 1987, S. 215

4Lorenz 1987, S. 216

5Lorenz 1987, S. 18

6Lorenz 1987, S. 18

7Lorenz 1987, S. 12

8Lorenz 1987, S. 18

9Lorenz 1987, S. 21

10Immanuel Kant, „Kritik der Reinen Vernunft“, B 334

11Lorenz 1987, S. 22f

12Gerhard Vollmer, „Evolutionäre Erkenntnistheorie“, Stuttgart/Leipzig 1998, S. 137

13Vollmer 1998, S. 137

14Carl Friedrich von Weizsäcker, „Die Rückseite des Spiegels, gespiegelt“, in: „Der Garten des Menschlichen“, München 1987, S. 142

15Weizsäcker 1987, S. 142

16Spektrum-Interview vom 14.03.2011, http://www.spektrum.de/alias/interview/interview-anton-zeilinger-die-suche-nach-dem-fundamentalen/1066262

17Lorenz 1987, S. 19

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