Eine „neue Synthese“ der Theorien von Edward O. Wilson und Konrad Lorenz

Im Jahr 1973 eremitierte Konrad Lorenz mit 70 Jahren als Direktor des Max-Planck-Instituts. Gleichzeitig befand er sich in diesem Jahr mit der Verleihung des Nobelpreises und dem Erscheinen seines als Hauptwerk bezeichneten Buches „Die Rückseite des Spiegels“ auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn. Doch schon kurz danach verlor sein wissenschaftliches Werk rapide an Bedeutung und Ansehen. Denn 1975 veröffentlichte der amerikanische Biologe Edward O. Wilson sein Buch „Sociobiology – The New Synthesis“, mit dem die neue naturwissenschaftliche Disziplin der Soziobiologie begründet wurde. Während für Lorenz besonders die evolutive Entstehung des Geistig-Kulturellen beim Menschen so entscheidend war, dass er das in seinem Hauptwerk mit der Entstehung des Evolutionsprozesses selbst verglich und gleichsetzte, spielte das in der Soziobiologie überhaupt keine Rolle, d.h. die Soziobiologie unterwarf auch das Geistig-Kulturelle und Soziale beim Menschen den genetischen Gesetzmäßigkeiten der sogenannten Verwandtenselektion. Selbst das von Lorenz mit gegründete und lange Zeit geleitete Max-Planck-Institut lief mit den neuen Verantwortlichen nach kurzer Zeit ins Lager der Soziobiologie über. Das wissenschaftliche Interesse an Lorenz war damit schon kurz nach seinem Höhepunkt innerhalb kürzester Zeit erloschen und sein Wirken Geschichte.

Doch die Entwicklung in der Biologie ging weiter, und es geschah das für viele Soziobiologen Unfassbare: Wilson, der die Soziobiologie als neue Disziplin etablierte und daher sogar als ihr „Vater“ angesehen wurde, vollzog 2010 aufgrund neuer empirischer Erkenntnisse eine Kehrtwende und kritisiert seitdem zum Entsetzen seiner ehemaligen Anhänger und Kollegen die Soziobiologie als eine Irrlehre. Daraufhin unterschrieben 137 Wissenschaftler einen Artikel, der Wilson ein „Missverständnis der Evolutionstheorie“ vorwirft und sein ehemaliger Mitstreiter Dawkins quittierte Wilsons Kehrtwende und dessen danach entstandenes Buch mit den Worten: „Die soziale Eroberung der Erde“ sei ein Buch, das man „mit Wucht wegschleudern“ sollte.1 Mit seinem neuen Verständnis kehrte Wilson nicht nur wieder zur Gruppenselektion der alten Verhaltensforschung zurück, sondern er definierte vor allem Kultur und Sprache wieder als einen eigenständigen Pol im Verhältnis zu den Genen und sucht die Natur des Menschen zwischen diesen beiden Polen zu begründen, anstatt allein von der Genetik her, wie das die Soziobiologie lehrt.

Wilson zog mit seiner neuen Lehre aber bis heute keine Bezüge zu Lorenz, obwohl er zweifellos mit seiner Kehrtwende wieder in diese Richtung ging. Es stellt sich die interessante Frage, wie weit Wilsons neues Verständnis mit dem von Lorenz vereinbar ist, bzw. was eine „neue Synthese“ dieser beiden Verständnisse der Evolution des Sozialen und Kulturellen zu leisten imstande ist. Denn Lorenz erklärte trotz seiner Erkenntnis der organischen Entstehung des Geistig-Kulturellen beim Menschen weiterhin entscheidende Phänomene des Geistig-Kulturellen über die Genetik, was darin in der (ihm gewohnten) Art und Weise wie er das machte und vor dem Hintergrund seiner wissenschaftlichen Tätigkeiten im Nationalsozialismus sowohl sein Werk als auch seine Person in argen Misskredit brachte. Wilson kann diese fehlende Umsetzung der Theorie des Geistig-Kulturellen von Lorenz beheben, genauso wie umgekehrt Lorenz dem neuen Verständnis von Wilson erst eine physiologische oder organische Basis geben kann.

Durch diese Synthese von Lorenz und Wilson wird die bisherige Evolutionstheorie von Darwin in Bezug auf den Menschen entscheidend ergänzt, so dass sie praktisch anwendbar wird. Erst in dieser Synthese kann die Evolutionstheorie besonders in Bezug auf den Menschen ihren Theoriestatus verlieren, genauso wie einst die Theorie, dass Viren für die Seuchen beim Menschen verantwortlich sind. Die bisherige Evolutionstheorie von Darwin kann das nicht erfüllen, denn mit der neuen Synthese zeigt sich, dass sie in dieser Form gar nicht auf die Evolution menschlicher Gesellschaften zu Zivilisationen anwendbar ist. Dadurch lösen sich nicht nur die „dunklen Rätsel“ von Darwin, die dieser bei der kulturellen Entwicklung der Völker sah, sondern es wird auch der grundsätzliche Widerspruch zu den Geistes- und Sozialwissenschaften überwunden. Vor allem jedoch kann durch diese neue Synthese erst die aktuelle Entwicklung des Menschen als rasant weitergehende Evolution verstanden werden, so dass damit die Probleme dieser weitergehenden geistig-kulturellen Evolution als solche überhaupt erkannt und gelöst werden können – was wiederum die geistig-kulturelle Evolution entscheidend weiter bringt.

 

Die fortdauernden Probleme der Erklärungen des Mensch-Seins durch Darwins Evolutionstheorie

Kurz vor seinem Tod gab Konrad Lorenz der Zeitschrift „Natur“ ein Interview, bei dem er eine Aussage machte, durch die das Ansehen seiner Person nachhaltig beschädigt wurde. Es ging an dieser Stelle des Interviews um die Reduzierung der Überbevölkerung durch Aufklärung und Erziehung, wobei Lorenz ein Problem darin sah, dass „die ethischen Menschen nicht so viele Kinder haben und die Gangster sich unbegrenzt und sorglos weiterreproduzieren“2. Hinter dieser Aussage steht die Ansicht, dass das „Gangster-Sein“ oder das sozial Schwache ebenso wie das „ethische Mensch-Sein“ oder das sozial Erfolgreiche genetisch bedingt ist. Davon geht in ähnlicher Weise bis heute die Soziobiologie mit ihrem gen-zentrierten Ansatz aus, denn sie identifiziert selbst in den modernen Gesellschaften das sozial Erfolgreiche mit ihrem Ideal der genetischen Fitness bzw. setzt beides von vornherein und apodiktisch gleich.3

Diese Rückführung und Begründung geistig-kultureller Merkmale durch genetische Gesetzmäßigkeiten ist es, was sowohl der Kritik an Lorenz als auch der Soziobiologie zugrundeliegt. Zu diesen biologischen Erklärungen gehört ebenfalls, dass Lorenz kulturelle Unzulänglichkeiten und Fehlentwicklungen in seinem Buch „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ als „genetische Verfallserscheinungen“4 ansah. Wie problematisch und falsch diese Ansichten und Aussagen sind, zeigt sich daran, dass die größten „Gangster“ und das größte Verbrechen des letzten Jahrhunderts, der industriell durchgeführte Völkermord der Nationalsozialisten, konsequenterweise dann ebenso begründet werden müsste. Beruhte der Nationalsozialismus auf einer genetischen Verfallserscheinung? Wir Deutsche würden das dann im Gegensatz zu anderen Völkern in unseren Genen tragen.

Bezeichnend ist, dass diese Art der biologischen Erklärung geistig-kultureller Merkmale oder Verhaltensweisen bis auf Darwin selbst zurückgeht. So ist die Aussage und Ansicht, dass „Gangster sich unbegrenzt und sorglos weiterreproduzieren“ in ähnlicher Form schon bei Darwin zu finden – wobei Darwin das sogar als Rassismus ausdrückte: „So neigen also die leichtsinnigen, heruntergekommenen und lasterhaften Glieder der Menschheit dazu, sich schneller zu vermehren als die gewissenhaften, pflichtbewußten Menschen. Oder, wie Greg den Fall darstellt, 'der sorglose, schmutzige, genügsame Irländer vermehrt sich wie ein Kaninchen; der mäßige, vorsichtige, sich selbst achtende, ehrgeizige Schotte [...] heiratet spät und hinterläßt wenig Kinder'“5. Auch die „dunklen Rätsel“, die Darwin bei den kulturellen Fortschritten der Völker sah, sind im Grunde rassistisch. Denn Darwin konnte sich nicht erklären, wie anstelle der geistig hochstehenden alten Griechen innerhalb kurzer Zeit und ohne erkennbaren Zuchtwahlprozess plötzlich (in evolutiven Maßstäben) die barbarischen nord-westlichen Völker an der Spitze der Entwicklung in Europa standen.6

Rassismus ist nichts anderes als die Ansicht, dass geistig-kulturelle Defizite oder Mängel nicht auf einer mangelhaften kulturellen Prägung beruhen oder durch Lernen und Erziehung beseitigt werden können, sondern genetisch bedingt sind, so dass sie, egal ob bei einem Individuum, einer Gesellschaftsschicht oder einem ganzen Volk, genetisch vererbt werden und bei den Nachkommen genauso wenig behoben werden können wie körperliche Merkmale. In diesem Verständnis wird bestenfalls davon ausgegangen, dass man vielleicht durch kulturelle Maßnahmen oder Resozialisierung ein wenig an diesen Menschen verbessern kann, dass sie aber im Grunde und in ihrem Wesen, also von ihren Genen her, minderwertig sind und dieses Minderwertige stets an ihre Nachkommen weitergeben. Auch der Sozialdarwinismus, der nur dadurch definiert ist, dass geistig-kulturelle Merkmale unter genetischen Gesetzmäßigkeiten verstanden und behandelt werden, beruht seit der Entstehung und Anwendung der Evolutionstheorie auf diesem Verständnis.

Es stellt sich hier die grundsätzliche Frage, ob die Evolutionstheorie von Darwin in Hinsicht auf das Geistig-Kulturelle des Menschen wahr, vollständig und anwendbar ist, und das umso mehr, als schon der Mitentdecker der Evolutionstheorie, Alfred Russel Wallace, genau daran zweifelte. Erst in dieser Frage überwarf er sich mit Darwin und verrannte sich nachfolgend leider in spiritistische Erklärungsversuche.

 

Die größte Erkenntnis von Lorenz, die erst durch Wilsons Verständnis des Kulturellen zur Anwendung gebracht werden kann

Lorenz hatte mit seinen oben zitierten Aussagen und Ansichten die berechtigte Kritik an der Evolutionstheorie in der Anwendung auf den Menschen hervorgerufen. Trotzdem legte er andererseits mit seiner größten und in Bezug auf das Mensch-Sein grundlegendsten Erkenntnis in der „Rückseite des Spiegels“ den schon von Wallace vermuteten Mangel an der Evolutionstheorie von Darwin dadurch offen, indem er sie in Bezug auf den Menschen entscheidend ergänzte und vollendete, und zwar im Gegensatz zu Wallace als vollkommen natürliche Erklärung:

„Während all der gewaltigen Epochen der Erdgeschichte, während deren aus einem tief unter den Bakterien stehenden Vor-Lebewesen unsere vormenschlichen Ahnen entstanden, waren es die Kettenmoleküle der Genome, denen die Leistung anvertraut war, Wissen zu bewahren und es, mit diesem Pfunde wuchernd, zu vermehren. Und nun tritt gegen Ende des Tertiärs urplötzlich ein völlig anders geartetes organisches System auf den Plan, das sich unterfängt, dasselbe zu leisten, nur schneller und besser. [...] Es ist daher keine Übertreibung zu sagen, dass das geistige Leben des Menschen eine neue Art von Leben sei“7.

Der „Einschnitt, der zwischen dem Nichtlebendigen und dem Lebendigen besteht, und jener, der den Menschen vom Tier trennt“8 wurden gemäß Lorenz von den beiden zitierten, organisch „völlig anders gearteten“ Ereignissen der Informationsgewinnung als Grundlage evolutionärer Entwicklung getragen. Diese Ereignisse nannte Lorenz „Fulgurationen“ als blitzartiges Entstehen völlig neuer Eigenschaften (als neue Schichten in seinem evolutiven Schichtensystem), und er sagte in der „Rückseite des Spiegels“ zwar darüber: „Die Parallelen – fast möchte man sagen: die Analogien -, die zwischen diesen beiden größten Fulgurationen bestehen, die sich in der Geschichte unseres Planeten je ereignet haben, regen zu tiefstem Nachdenken an“9. Doch das Nachdenken über diese beiden größten Ereignisse auf unserem Planeten hatte bei ihm (vielleicht aufgrund seiner Prägung im Nationalsozialismus) nicht dazu geführt, das Geistig-Kulturelle vollständig und konsequent unter den Gesetzmäßigkeiten dieses neu entstandenen, „völlig anders gearteten organischen Systems“ zu sehen und auch anzuwenden.

Das Tragische bei Lorenz ist daher, dass er in seinem Buch der „Rückseite des Spiegels“ als seine größte Erkenntnis die theoretischen Grundlagen dazu erarbeitet hat, das Geistig-Kulturellen beim Menschen als eine modifizierte, „völlig anders geartete“, auch auf das Sein des Menschen anwendbare Evolutionstheorie zu deuten, dass er das aber darin nicht vollständig zu Ende gedacht, umgesetzt bzw. zur Anwendung gebracht hat. Denn ansonsten hätte er geistig-kulturelle Mängel nicht von der »alten« Evolutionstheorie her als „genetische Verfallserscheinungen“ oder von der genetischen Vererbung her gedeutet.

Genau der bei Lorenz noch fehlende Schritt oder das fehlende Puzzleteil ist jedoch bei Wilson mit seiner neuen Theorie der Entwicklung des Sozialen zu finden, allerdings ohne dass sich Wilson dabei auf Lorenz beruft und vor allem ohne die von Lorenz erkannte und genannte organische Grundlage des Geistig-Kulturellen – so dass auch mit Wilsons neuer Theorie allein die Evolutionstheorie nicht entscheidend modifiziert werden kann. Dasjenige Verständnis von Wilson, das die größte Erkenntnis von Lorenz erst zum Durchbruch und zur praktischen Anwendung kommen lassen und damit ihre revolutionäre Bedeutung hinsichtlich der bis heute als wahr und vollständig angesehenen Evolutionstheorie von Darwin enthüllen kann, lautet, dass die Evolution menschlicher Gesellschaften zu Zivilisationen während der letzten mindestens 45.000 Jahre ein kultureller und nicht ein genetischer Prozess war und ist!10

Als einen Beweis dafür führt Wilson an, dass Kleinkinder aus archaisch lebenden Jäger-und-Sammler-Gesellschaften, die bei Adoptivfamilien in technologisch fortschrittlichen Gesellschaften aufwachsen, zu kompetenten, an ihrem geistig-kulturellen Verhalten nicht unterscheidbaren Mitgliedern dieser Gesellschaften werden – obwohl die genetische Abstammungslinie des adoptierten Kindes sich wie im Fall der australischen Aborigines vor 45.000 Jahren von der der Adoptiveltern getrennt hat. An der „genetischen Fitness“ zur Hervorbringung von Geist und Kultur hat sich diesem Verständnis gemäß in den letzten ca. 45.000 Jahren daher nichts Entscheidendes verändert. Das heißt bezüglich der oben zitierten Aussagen von Lorenz sowie dem Verständnis der Soziobiologie mit ihrem Ideal und Ziel der genetischen Fitness, dass damit kulturelle (Fehl)Entwicklungen von wenigen Jahrzehnten oder gar nur Jahren nicht von einer angeblichen weitergehenden genetischen Evolution beim Menschen her gedeutet werden können. Die genetische Evolution zur Hervorbringung von Geist und Kultur ist beim Menschen genauso wie sein aufrechter Gang schon vor langer Zeit abgeschlossen worden und bei allen heute lebenden Menschen gleich.

Die kulturelle Entwicklung des Mensch-Seins ist daher keine genetische Evolution, wobei der Ausdruck „genetische Fitness“ bei der „Evolution menschlicher Gesellschaften zu Zivilisationen“ schon seit mindestens 45.000 Jahren völlig unangebracht ist. Die geistig-kulturelle Evolution ist auch kein Zuchtwahlprozess, wie das Darwin annahm. Dadurch lösen sich die von Darwin bei der Entwicklung der Völker gesehenen „dunklen Rätsel“ vollkommen auf: Die barbarischen Germanen gelangten nicht durch einen langwierigen Zuchtwahl- oder genetischen Prozess an die Spitze der Entwicklung und überflügelten nicht dadurch die alten Griechen, sondern durch einen geistig-kulturellen Wissenstransfer (der Renaissance), den sie von ihrer schon vorhandenen genetischen Veranlagung her ohne Weiteres aufnehmen und sofort weiterentwickeln konnten, genauso wie ein Kleinkind der Aborigines die europäische Kultur aufnehmen und weiterentwickeln kann. Das ist statt des dunklen Rätsels nun umgekehrt ebenfalls ein Beweis dafür, dass die Evolution menschlicher Gesellschaften zu Zivilisationen ein kultureller und nicht ein genetischer Prozess war und ist.

Vielmehr hat die geistig-kulturelle Evolution schließlich dazu geführt, dass die genetische Evolution beim Menschen, die sich sowieso in ganz anderen Zeiträumen abspielt als die geistig-kulturelle, durch die besseren Lebensumstände und die moralischen Regeln, die die geistig-kulturelle Evolution mit sich brachte, ganz zum Stoppen gebracht wurde. Es gibt in den zivilisierten menschlichen Gesellschaften zwar noch Mutationen, aber keine wirkende Selektion mehr. Die letzte einschneidendere genetische Änderung war die Laktosetoleranz.

Wie Wilson weiter ausführt, gibt es zwar innerhalb des Genpools eines Volkes eine große Variabilität und Vielfalt, so dass in jedem Volk immer die verschiedensten Charaktere vorhanden sind. Im Durchschnitt gleichen sich aber die Genpools aller heutigen Völker,11 ja bis auf äußerliche, genetisch leicht modifizierbare Änderungen wie Haut- und Haarfarbe sind es dieselben (was auf die sogenannten »Flaschenhalseffekte« während der Evolution des heutigen Menschen zurückzuführen ist). Demnach kann etwa ein indigener Europäer in seinen angeborenen Charaktereigenschaften oder seiner Intelligenz einem australischen Aborigine oder einem Afrikaner, deren genetische Abstammungslinien seit mehreren zehntausend Jahren getrennt sind, mehr gleichen als einem anderen Mitglied seiner Gesellschaft, in der er lebt. Erst dieses genetische Verständnis stimmt wie an dem von Wilson angeführten Beweis (der adoptierten Kleinkinder) oder den scheinbaren dunklen Rätseln von Darwin mit den Fakten überein und entzieht darin jedem Rassismus und Sozialdarwinismus den Boden.

In Bezug auf das Geistig-Kulturelle beim Menschen wird mit dem Ausdruck „genetische Fitness“ die in ihrer Konstanz jahrtausendealte genetische Variabilität mit weitergehender genetischer Evolution verwechselt (und mit scheinbaren mathematischen Belegen genetischer Gesetzmäßigkeiten dieser „Fitness“ vernebelt). Das Volk, das sich wirklich über die Variabilität des gemeinsamen Genpools hinaus von den heutigen Menschen unterscheidet, war ein anderer Menschentyp, etwa der der Neandertaler.

 

Die fehlende physiologische Basis der Theorie des Humanen bei Wilson

Der Mangel des Verständnisses von Wilson, dass die Evolution menschlicher Gesellschaften zu Zivilisationen ein kultureller und nicht ein genetischer Prozess war, ist allerdings, dass er die Rolle und Bedeutung des Geistig-Kulturellen in der Evolution des Menschen zwar richtig erkannt hat, das Geistig-Kulturelle dabei jedoch nur unzureichend begründen kann. Als Grundlage des geistig-kulturellen Prozesses zieht Wilson die von der Anthropologie definierten bzw. aufgezählten Universalien der Kultur heran. Das sind gemäß Wilson 67 soziale Verhaltensweisen und Institutionen, die all den Hunderten Gesellschaften gemeinsam sind.12 Dazu gehören etwa „Aberglaube über Glück und Unglück“, „Begräbnisriten“ usw. und u.a. auch die Sprache. In der Sprache sieht Wilson zwar den eigentlichen „Gral“ und die „Zauberkraft“ des menschlichen Seins,13 doch entgegen dieser Bezeichnung und Wertung spielt sie bei ihm nur eine statische, nominalistische Funktion als eine Universalie unter vielen anderen. Geist und Kultur des Menschen werden durch sie in dieser Form nicht wirklich und grundlegend erklärt, und auch die Aussage Wilsons „Die Besonderheit des Menschen ist seine Intentionalität“14 trifft die eigentliche Grundlage des menschlichen Seins nicht wirklich bzw. ist erst die Folge davon. Das, was dem richtigen Verständnis von Wilson fehlt, ist genau das, was die „Rückseite des Spiegels“ von Lorenz enthält: Die zitierte physiologische oder organische Grundlage des neuen, evolutiv wirksamen Informationssystems. Erst damit erhält Wilsons Ansicht, dass die Evolution menschlicher Gesellschaften zu Zivilisationen während der letzten mindestens 45.000 Jahre ein kultureller und nicht ein genetischer Prozess war, ihre Grundlage und Fähigkeit, um ihrerseits die Evolutionstheorie von Darwin dementsprechend zu modifizieren.

Im Einzelnen lässt sich die größte Erkenntnis von Lorenz mit ihrer neuen organischen Grundlage im Sinne von Wilsons Verständnis der kulturellen Evolution folgendermaßen so erklären und ausweiten, dass die Sprache darin tatsächlich zum eigentlichen „Gral“ und zur „Zauberkraft“ des menschlichen Seins wird. Das, was die Evolution bis zum Menschen getragen hat, ist das genetische Informationssystem. Durch Mutation und Selektion in diesem Informationssystem geschah und geschieht außerhalb des menschlichen Seins weiterhin Evolution. Doch mit dem Menschen ist ein weiteres Informations- bzw. Evolutionssystem hinzugetreten, das das gleiche leistet, nur auf einer völlig anderen Ebene, nämlich der neuronalen statt der genetischen Ebene. Das Wirken dieses neuronalen Systems, das in einer systematischen Abstraktion der Sinnesdaten besteht, ist nichts anderes als eine neue Art von Evolution. Darauf gründet und das ist das eigentliche Mensch-Sein.

Paradoxerweise liefert Darwin eine Erkenntnis dazu, sich hier dem Wesen der Sprache und des menschlichen Denkens und Geistes weiter zu nähern. Denn trotzdem Darwin sich der Auffassung von Huxley anschloss, der nach „es durchaus nicht berechtigt [ist], den Menschen in eine besondere Ordnung zu stellen“15, sah er das Gehirn des Menschen als „wunderbare Maschine, die allen Arten von Dingen und Eigenschaften Zeichen beilegt und Gedankenreihen wachruft, die niemals durch bloße Sinneseindrücke entstehen könnten, oder, wenn dies der Fall wäre, doch nicht weiter verfolgt werden könnten“, wobei in der konsequenten Systematik daraus „die höheren intellektuellen Fähigkeiten, wie das Schließen, Abstrahieren, das Selbstbewußtsein usw., entstanden“16.

Zwar hat die neuronale Weiterverarbeitung der Sinnesdaten schon bei den Tieren eine immer größere Bedeutung und Komplexität erlangt, so dass die sogenannten höheren Tiere entstanden, die dann sogar zu einem einfachen Werkzeuggebrauch fähig sind. Dieser einfache Werkzeuggebrauch ist nicht genetisch selektiert und angeboren, sondern auf neuronale Weise erlernt. Doch Geist und Kultur des Menschen bestehen im Sinne von Lorenz trotzdem nicht in einem bloßen quantitativen weiteren Wachsen der neuronalen Weiterarbeitung der Sinnesdaten, wie das die Soziobiologie als Fehlen einer „scharfen Trennlinie zwischen Tieren und Menschen“17 bezüglich der kulturellen Entwicklung und leider auch Wilson mit folgender Aussage so verstehen: „Die meisten Forscher sind sich auch einig, dass der Begriff der Kultur auf Tier und Mensch gleichermaßen angewandt werden sollte, um damit die Kontinuität zwischen beiden zu unterstreichen, ungeachtet der ungleich größeren Komplexität im menschlichen Verhalten“18.

Das Sein des Menschen ist bei Lorenz dagegen ein neuer tiefer Einschnitt bzw. großer neuer Übergang in der dadurch geschichteten Entwicklung des Lebens, und zwar als Folge einer ganz neuen Qualität, so wie sie schon (als Fulguration) zwischen dem Anorganischen und dem Organischen als Beginn der Evolution des Lebendigen oder zwischen Pflanze und Tier aufgetreten ist. Mit dem Menschen hat für Lorenz deswegen ein weiterer dieser großen Übergänge stattgefunden, weil beim Menschen die wachsende neuronale Informationsverarbeitung auf vollkommen natürliche Weise plötzlich (in evolutiven Maßstäben) die Funktion eines sich selbst tragenden, die Welt und das Verhalten umfassend abstrahierenden und codierenden Systems (in der „Beilegung von Zeichen“) erreicht hat: Das unserer Sprache, in der wir auch denken.

Trotz der verschiedenartigen organischen Grundlage hat dieses System dabei eine bestimmte Ähnlichkeit mit dem die bisherige Evolution tragenden genetischen System, was sich für uns dadurch bemerkbar macht, dass wir das genetische System sofort als eine Art von Sprache oder Code verstehen können. Die Systematik als Abstraktion und Code ist das Entscheidende, das die Evolution Tragende, sowohl bei den Genen als auch unserer Sprache. Dementsprechend ist das neue System nicht nur dazu in der Lage, „dasselbe zu leisten“ wie das alte, sondern das sogar „schneller und besser“, wie es Lorenz erkannt hat. Denn der große Vorteil des neuen, neuronalen Systems gegenüber dem genetischen ist der, dass ein einziger Vorgang der Mutation oder Variation der Gene mit der dazugehörigen Selektion im alten System nur während eines Generationswechsels stattfinden kann, was je nach Spezies bis zu 20 oder 30 Jahre dauert, da die zu ändernde genetische Information untrennbar mit dem Sein der Lebewesen verbunden ist. Nur mit einem neuen Individuum kann es hier eine neue genetische Information oder Mutation geben, wobei die Selektion durch Ausmerzung oder sonstige Absonderung der die nicht passenden genetischen Informationen tragenden Individuen geschieht.

Dagegen kann der Vorgang der Variation des neuronal Abstrahierten im menschlichen Denken jede Minute oder Sekunde stattfinden, wobei diese Variation nicht mehr an das physische Sein des jeweiligen Lebewesens gebunden ist. Die Selektion und Verbreitung einer passenden neuen Variante des codierten Verhaltens benötigt ebenfalls nicht wie noch im genetischen System mehrere Jahrzehnte oder gar Jahrtausende, sondern der Mensch kann die passende Lösung ebenfalls minuten- oder gar sekundenschnell finden und über die Sprache sofort verbreiten, und zwar direkt und gleichzeitig zu allen Mitgliedern seiner Gruppe, also um mehrere Größenordnungen „schneller und besser“ als das genetische System. Diese in der Sprache systematisierten neuronalen Aktivitäten empfinden wir dabei als Geist, genauso wie wir die elektromagnetischen Wellen als Licht und Farbe empfinden.

Die notwendige Anpassung einer Verhaltensweise an neue Lebensbedingungen (was sowohl genetisch als auch neuronal erfolgen kann), zu der das alte genetische System der Informationsgewinnung und -verarbeitung Jahrhunderte oder gar Jahrtausende unter großem physischen Kampf, Leid und Tod unzähliger dabei ausselektierter Lebewesen benötigt, ist mit dem neuen evolutiven Informationssystem im Idealfall innerhalb von Sekunden zu bewerkstelligen, ohne dabei auch nur die Selektion bzw. den Tod eines einzigen Lebewesens zu erfordern. Denn hierbei ist die Information der Verhaltensanpassung, um die es eigentlich in der Evolution geht, nur in der neuronalen Abstraktion vorhanden und nicht im Erbgut der Lebewesen, d.h. es werden nur neuronale Abstraktionen selektiert und keine Lebewesen. Diese neue, neuronal getragene Evolution ist daher in ihrer Wirkweise buchstäblich das, was wir »human« nennen.

Im Fall der neuronalen, kulturellen Evolution werden zwar nicht mehr neue Lebewesen und angeborene Verhaltensweisen hervorgebracht, sondern als Kultur künstliche Produkte (zu der auch unsere Personalität als geistiges Sein gehört) und gelernte Verhaltensweisen. Doch auf dieser kulturellen Evolution beruht unser Leben seit vielen (mindestens 45) Jahrtausenden und darin kann auch nur die Zukunft des Menschen liegen. In dieser geistig-kulturellen Evolution nimmt ihr Einfluss auf unser genetisch vorgezeichnetes Sein und Verhalten mehr und mehr zu, d.h. mehr und mehr unserer genetisch verankerten Instinkte werden in dieser geistig-kulturellen Evolution zu einem unangepassten Verhalten, wobei dieses unangepasste instinkthafte Verhalten nur kulturell überlagert aber nicht (genetisch) eliminiert werden kann.

Geist und Kultur sind in dieser Weise bei Lorenz nicht nur eine Schicht, Ordnung oder Kategorie eigener Art, was schon Darwin bestritten hatte und was die heutige Soziobiologie immer noch bestreitet, sondern sogar eine Evolution eigener Art, eine (neuronale) Evolution in der (genetischen) Evolution.

 

Der durch das evolutive Schichtensystem von Lorenz aufdeckbare Irrtum der Soziobiologie

Das Verständnis von Wilson, dass die Evolution menschlicher Gesellschaften zu Zivilisationen ein kultureller und nicht ein genetischer Prozess war, bedeutet nicht, dass die genetische Evolution, genauer gesagt ihre Ergebnisse, beim Menschen heute ganz vernachlässigt werden kann. Sie spielt insofern noch eine entscheidende Rolle, da die genetisch erworbenen Verhaltensweisen als unser animalisches Erbe immer noch in unseren Genen verankert sind und daher unser Verhalten in der Regel unbewusst auf dieser Ebene oder Schicht weiterhin mitbestimmen. Wilson bringt diese Erkenntnis als Parallele zu dem Umweltengagement von Lorenz mit folgender Aussage auf den Punkt: „Wir sind ein evolutionäres Mischwesen, eine Chimärennatur, wir leben dank unserer Intelligenz, die von den Bedürfnissen des tierischen Instinkts gesteuert wird. Deswegen zerstören wir gedankenlos die Biosphäre und damit unsere eigenen Aussichten auf dauerhafte Existenz“19.

Auch bezüglich dieser Chimärennatur des Menschen kann Lorenz dem Verständnis von Wilson eine umfassendere und tiefere Grundlage geben, indem Lorenz (als konkretes Einreißen der Mauer zwischen Geistes- und Naturwissenschaft) das Schichtensystem des Philosophen Nicolai Hartmann in die Biologie überführt hat, und zwar einschließlich der Annahme von Hartmann, dass das geistige Sein des Menschen darin eine eigene Schicht, Ordnung oder Kategorie bildet – also genau das, was sowohl Darwin als auch die Soziobiologie bestreiten. Darüber, dass das Leben geschichtet ist, heißt es bei Lorenz als Zitat von Hartmann:

„So erhebt sich die organische Natur über der anorganischen. Sie schwebt nicht frei für sich, sondern setzt die Verhältnisse und Gesetzlichkeiten des Materiellen voraus; sie ruht auf ihnen auf, wenn schon diese keineswegs ausreichen, das Lebendige auszumachen. Ebenso bedingt ist seelisches Sein und Bewußtsein durch den tragenden Organismus, an und mit dem allein es in der Welt auftritt. Und nicht anders bleiben die großen geschichtlichen Erscheinungen des Geisteslebens an das Seelenleben der Individuen gebunden, die seine jeweiligen Träger sind. Von Schicht zu Schicht, über jeden Einschnitt hinweg, finden wir dasselbe Verhältnis des Aufruhens, der Bedingtheit >von unten< her, und doch zugleich der Selbständigkeit des Aufruhenden in seiner Eigengeformtheit und Eigengesetzlichkeit“20.

Mit dieser theoretischen Grundlage lässt sich der Irrweg der Soziobiologie aufklären. Denn das in Hinblick auf die Theorie der Soziobiologie Entscheidende an diesem Schichtensystem sind die von Hartmann gerügten Grenzüberschreitungen darin, die „böse in die Irre führen“21 (und die darin auch Lorenz selbst noch in die Irre geführt haben). Lorenz sagt dazu:

„Wir verstehen genau, warum es unmöglich ist, die Eigenschaften des höher integrierten Systems aus denen des niedrigeren zu deduzieren (s. S. 55) [etwa Leben aus anorganischer Materie], und ebenso, warum es blanker Unsinn ist bei den einzelnen Untersystemen einer Ganzheit oder bei einfacheren Vorfahren höherer Lebewesen nach Eigenschaften und Leistungen zu fahnden   geschweige denn solche zu postulieren  , die erst mit dem schöpferischen Akt höherer Integration in Existenz getreten sind“22.

Obwohl der Soziobiologie nach „die unter manchen Biologen und Kul­turwissenschaftlern gleichermaßen weit verbreitete Auffassung, wonach »Sozialisation« oder »Kultur« Alternativen zur evolutiven [hier rein genetischen] Erklärung mensch­lichen Verhaltens sein sollen, schlichtweg auf einem Kategorienfehler [beruhen]“23, ergibt sich aus dem Schichtensystem von Lorenz, dass genau umgekehrt die Soziobiologie diesen Kategorienfehler oder diese Grenzüberschreitung gerade begeht, schon indem sie das geistig-kulturelle Sein des Menschen gar nicht als eigene Schicht oder Kategorie (an)erkennt. Für die Soziobiologie hat „die abendländische Denktradition die anti-evolutive Sichtweise einer Natur/Kultur-Antinomie hervorgebracht und weithin geistig verfestigt“ (Voland 2013, S. 214). Die evolutive Sichtweise und Erklärung des menschlichen Seins ist für die Soziobiologie nur denkbar, wenn Geist und Kultur als „Kategorie eigener Art“ (Voland 2013, S. 214) und damit auch die Natur/Kultur-Antinomie nicht existieren.

Daher kann die Soziobiologie die „Eigenschaften des höher integrierten Systems“, also des geistig-kulturellen Seins, nur aus denen des darunter liegenden Systems ableiten, das sie nur kennt und von dem sie nur ausgeht, und das ist das der genetischen Gesetzmäßigkeiten. Als praktisches Beispiel dafür, dass die Soziobiologie den Grad von Geist und Kultur in dieser Weise als Folge genetischer Fitness und unter genetischen Gesetzmäßigkeiten versteht, statt unter geistig-kulturellen, steht bei Voland die Annahme, dass ein hoher Sozialrang, wofür er als Beispiel die männlichen Beschäftigten der Universität Wien anführt, genau wie im Tierreich mit einer erhöhten Nachkommenschaft korrelieren muss,24 weil das der Indikator für genetische Fitness sei.25 Dass die sozial Erfolgreichen in den modernen Gesellschaften schon lange weniger Kinder haben als die ärmeren, sozial erfolglosen Schichten (und „Gangster“), irritiert Voland zwar etwas, hält ihn aber nicht davon ab, weiterhin genetische Gesetzmäßigkeiten wie den Indikator der Anzahl der Kinder zur Bestimmung des geistig-kulturellen Seins des Menschen als genetische Fitness anzuwenden.26

Auch in anderer Richtung wird der Kategorienfehler dadurch begangen, indem im niedrigeren System Leistungen und Eigenschaften postuliert werden, die erst im höheren System in Existenz getreten sind. Denn der Begriff »Egoismus« macht nur auf der geistig-kulturellen Ebene des Menschen Sinn, die die Soziobiologie als solche nicht kennt, d.h. von „egoistischen Genen“ zu sprechen ist ebenso unsinnig, wie davon, dass ein Eisenatom Bewusstsein haben soll, was Lorenz als Beispiel für diesen Fehler anführt.27

Dass die Natur/Kultur-Antinomie gerade das ist, was die neu entstandene Schicht des Geistig-Kulturellen im Fall des menschlichen Seins als „Verhältnis des Aufruhens, der Bedingtheit >von unten< her, und doch zugleich der Selbständigkeit des Aufruhenden in seiner Eigengeformtheit und Eigengesetzlichkeit“ erst definiert, schließt der Ansatz der Soziobiologie von vornherein und im wahrsten Sinne des Wortes kategorisch aus und verkennt damit die eigentliche, gespaltene (Chimären)Natur des Menschen.

 

Der praktische Wert einer (dadurch) objektiv wahren Evolutionstheorie

Den großen Vorteil, den die systematische neuronale Abstraktion sinnlicher Wahrnehmungen als Geist und Sprache in der Evolution gebracht hat, wird treffend durch den Spruch wiedergegeben, dass es nichts Praktischeres gibt als eine gute Theorie. Das trifft nicht nur vom allerersten Anfang an auf jeden kulturellen Fortschritt des Menschen zu, den er mit Hilfe seiner systematischen neuronalen Abstraktion im Denken erreichte, sondern hier auch wieder auf die neue Synthese zwischen Lorenz und Wilson, denn erst darin wird es möglich, die aktuelle Entwicklung des modernen Menschen mit all ihren Chancen und Risiken als Fortgang der Evolution nicht nur zu verstehen, sondern auch zu handhaben.

Das „Gangster-Sein“ bzw. das gesamte kriminelle Verhalten, besonders das größte Verbrechen der letzten Zeit, der Nationalsozialismus mit seinem industriell durchgeführten Völkermord, aber auch die aktuellen Probleme des modernen Menschen mit seinem den alten Instinkten von Rang und Macht dienenden Verhalten des exzessiven Ansammelns materieller Werte (statt geistig-kultureller, wie es dem eigentlichen Wesen des Menschen in seiner Chimärennatur entsprechen würde) in einer begrenzten und überbevölkerten Biosphäre, sind keine genetischen Verfallserscheinungen. Das ist der weitergehende Evolutionsprozess in der Auseinandersetzung zwischen unserem genetisch fest verankerten animalischen Erbe des Verhaltens, unseren Instinkten, und dem „völlig anders gearteten“ neuen geistig-kulturellen Evolutionsprozess einer neuen, höheren Schicht des lebendigen Seins. In diesem Evolutionsprozess kann das Instinktverhalten durch das gelernte geistig-kulturelle Verhalten nur schichtend überlagert werden, d.h. besonders der Einfluss eines nicht mehr passenden Instinktverhaltens ist stets latent vorhanden und kann jederzeit wieder voll durchbrechen. Ein weiteres Beispiel für diesen aktuellen Evolutionsprozess ist die Organisationsform menschlicher Gesellschaften. Während die Diktatur noch auf dem animalischen Rangordnungsprinzip (eines Alphatieres) mitsamt dem Wirkmittel der Gewalt zum Erhalt und zur Ablösung dieser Form beruht, ist die Demokratie Ausdruck der neuen Evolution, indem die zur Weiterentwicklung unabdingbaren Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Individuen und Gruppen und ihren Ideen nur auf geistige Weise geführt werden, also strikt ohne die animalische Gewalt.

Nur mit der neuen Synthese und dem neuen Verständnis der aktuell rasant fortschreitenden Evolution des menschlichen Seins können die vielfältigen Probleme der aktuellen Evolution des Menschen überhaupt erst in ihrer wahren Dimension erkannt und gelöst werden, so dass die von Wilson geäußerte Hoffnung, dass sich die Erde im 22. Jahrhundert in ein dauerhaftes Paradies für den Menschen verwandeln lässt, (mit Hilfe von Lorenz) nicht mehr nur auf einem „blinden Glauben“28 beruht, wie Wilson es in diesem Zusammenhang noch bekennt.

In seinem geschichteten Sein ist der Mensch immer auch noch ein biologisches Wesen. Darin stößt er mit seiner durch die neuen geistigen Fähigkeiten ausgelösten, geradezu explosiven bevölkerungsmäßigen und materiellen Entwicklung in mehrfacher Hinsicht heute an die Grenzen seines Lebensraumes. Dieses biologische Phänomen ist mit anderen Ursachen auch von Tieren und Pflanzen her altbekannt. Daher gleicht die Verifizierung einer Theorie über das Verhalten des Menschen und seine aktuelle Evolution einem klassischen naturwissenschaftlichen Experiment – nur dass der Mensch selbst in diesem Experiment nun das Versuchstier ist. Erst in der erfolgreichen praktischen Anwendung und Bewährung kann die Evolutionstheorie hier wie jede andere Theorie ihren Charakter als eine objektive Wahrheit erlangen.

Der Mensch kann sich dabei wie Münchhausen nur an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, d.h. mit Hilfe seiner geistigen Fähigkeiten, die ihn erst in diesen Sumpf gebracht haben. Für den Menschen ist schon lange keine „genetische Fitness“ mehr gefragt, sondern eine »geistige Fitness«, und zumindest sollte der Mensch sich mit Hilfe seiner geistigen Fähigkeiten über seine aktuelle dramatische Situation überhaupt bewusst sein oder werden.

 

 

1 vgl. Zeitschrift „Der SPIEGEL“ Nr. 8/2013, Interview mit Edward O. Wilson „Wir sind ein Schlamassel“, S. 135

 

2 Zeitschrift „Natur“ Nr. 11/88, „Konrad Lorenz – Eine Legende wird 85“, S. 32

 

3 vgl. Eckart Voland, „Soziobiologie“, Berlin Heidelberg 2013, S. 60-63

 

4 Konrad Lorenz, „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“, München 1985, S. 65

 

5 Charles Darwin, „Die Abstammung des Menschen“, Stuttgart 1871/2002, S. 178

 

6 vgl. Darwin 1871/2002, S. 181ff

 

7 Lorenz 1987, S. 217

 

8 Lorenz 1987, S. 215

 

9 Lorenz 1987, S. 216

 

10 vgl. Edward O. Wilson, „Die soziale Eroberung der Erde“, München 2013, S. 127

 

11 vgl. Wilson 2013, S. 127ff

 

12 vgl. Wilson 2013, S. 232f

 

13 vgl. Wilson 2013, S. 273

 

14 Wilson 2013, S. 271

 

15 Darwin 1871/2002, S. 194

 

16 Darwin 1871/2002, S. 268

 

17 Voland 2013, S. 214

 

18 Wilson 2013, S. 256

 

19 Wilson 2013, S. 23

 

20Lorenz 1987, S. 57f

 

21Lorenz 1987, S. 61

 

22Lorenz 1987, S. 61

 

23 Voland 2013, S. 215

 

24 vgl. Voland 2013, S. 61

 

25 vgl. Voland 2013, S. 7

 

26 vgl. Voland 2013, S. 60f

 

27 vgl. Lorenz 1987, S. 60

 

28 Wilson 2013, S. 355

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