Der menschliche Geist in der Evolution: „Affengeist“ oder mehr? Eine kritische Hinterfragung von Michael Blumes „Evolution und Gottesfrage“

 

Michael Blume, „Evolution und Gottesfrage“, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2013

Der Religionswissenschaftler Michael Blume verfolgt in diesem Buch mutig den Weg, die Gottesfrage interdisziplinär von der Evolution her anzugehen. Dabei bringt er allerdings ausführlich den evolutionären Theismus mit einer göttlich begründeten Emergenz von Darwins Zeitgenossen William Graham ins Spiel, von dessen Buch der studierte Theologe Darwin am Ende seines Lebens sehr angetan war. Doch der zwischenzeitlich bekennende Agnostiker Darwin lehnte diesen Theismus als Erklärung dafür, dass das Universum kein Resultat des Zufalls sei, sondern einer Zielgerichtetheit und einem göttlichen Willen unterliegt, die und der insbesondere das Sein des Menschen betrifft, schließlich mit den Worten ab: „Würde jemand den Überzeugungen eines Affengeistes trauen, wenn in einem solchen Geist Überzeugungen wären?“ In der ansonsten sehr guten Argumentation und Darstellung zum Thema Evolution und Religion von Blume zeigen sich auch darüber hinaus an manchen Stellen Widersprüche, die auf Widersprüche und Unvollkommenheiten in Darwins Evolutionstheorie selbst hinweisen. Ist der menschliche Geist nur ein etwas komplexerer Affengeist im Sinne Darwins, oder besitzt er eine Würde, die als neues emergentes geistiges Sein grundsätzlich und weit darüber hinausgeht, wie es schon der Mitbegründer der Evolutionstheorie, Alfred Russel Wallace, mit seinem leider spirtistisch begründeten Emergenzmodell behauptete? Erst mit dem in diesem Buch von Blume leider nicht erwähnten rein natürlich begründeten Schichtenmodell von Nicolai Hartmann lassen sich diese Auseinandersetzungen um die Rolle des menschlichen Geistes in der Evolution und damit auch um die Religion auflösen. Der menschliche Geist ist demnach kein Affengeist mehr, was die Evolutionstheorie von Darwin ohne jeglichen übernatürlichen Bezug auf natürliche, philosophische und naturwissenschaftliche Weise erweitert und fortführt.

 


Darwins Gottesglaube

Das Buch von Michael Blume ist in drei Abschnitte gegliedert, wobei der erste die Entwicklung des studierten Theologen Darwin zum Empiriker beschreibt, der zweite Darwins Evolutionsforschung zur Religion und der dritte den Bezug Darwins zum evolutionären Theismus. Im ersten Abschnitt schildert Blume, was nur die wenigsten wissen, nämlich dass Darwin zwar einen Studienabschluss besaß, aber den hatte er in Theologie absolviert. Später war er mit der Entdeckung der Evolutionstheorie daher das, was Blume einen Bürgerwissenschaftler nennt. Zu seiner Studienzeit aber war Darwin noch ein großer Anhänger des Naturtheologen William Paley, für den die kunstvolle Beschaffenheit der Welt einen Schöpfer voraussetzte, ebenso wie es für jede Uhr einen Uhrmacher geben muss. Erste Ansätze zu einer evolutionären Erklärung der Welt, wie sie von David Hume und Darwins Großvater Erasmus Darwin schon verfolgt wurden, wies Paley zurück, und Charles Darwin war von dieser nichtevolutionären Theologie eines Schöpfers der Welt so begeistert, dass er das Buch von Paley mehr bewunderte als alle anderen und es fast auswendig aufsagen konnte.

Noch auf seiner fünfjährigen Forschungsfahrt um die Welt auf der HMS Beagle wurde über Darwins eifrige Bibelzitate gelacht. Doch allmählich wuchsen bei ihm die Zweifel. Blume nennt vor allem drei Gründe dafür: Die empirische Forschung widerlegte zunehmend spezifische Glaubensaussagen, ohne gleichzeitig sichere Gründe zu finden, die für einen Gott sprachen. Der zweite Grund war das Theodizee-Problem, wobei für den feinfühligen Darwin auch das Leiden der Tiere dazu gehörte. Darwin konnte sich nicht vorstellen, dass ein wahr­lich gütiger und allwissender Gott so viel Leid zugelassen habe, um daraus Ordnung zu schaffen. Drittens waren für Darwin christlich-fundamentalistische Lehren eines Heilsexklusivismus völlig inakzeptabel , die u.a. seinen Vater als nichtreligiösen Freidenker und seinen Bruder zur Hölle verdammt hätten.

Einerseits sah Darwin, dass es Beweise für Design (Gestaltung) und Güte in der Welt gab und dass die Welt nicht allein das Ergebnis roher Kräfte sein konnte, aber andererseits konnte er das Elend in der Welt nicht mit einem liebenden Schöpfergott in Einklang bringen. Blume zitiert hier eine Aussage Darwins: „Welch ein Buch könnte ein Kaplan des Teufels über die ungeschickten, verschwenderi­schen, stümperhaft gemeinen und schrecklich grausamen Werke der Natur schreiben!“

Darwin tendierte schließlich dazu, „alles aus designten Gesetzen resultierend zu betrachten, deren Details, ob gut oder schlecht, dem zur Ausarbeitung überlassen wurde, was wir Zufall nennen“. Damit zog Darwin schon damals eine Position in der bis heute andauernden Debatte zwischen Vertretern des sogenannten „Intelligent Design“ (nach der Gott in nicht funktionierende Evolutionsprozesse eingreifen müsse) und des evolutionären Theismus (nach der Gott das Lückenfüllen nicht nötig habe). Darwin war seiner eigenen Aussage nach ausdrücklich kein Atheist, der sich sicher war, dass es keinen Gott gibt. Diese Haltung war ihm zu aggressiv, er bezeichnete sich vielmehr als Agnostiker, der einfach nicht weiß, wie die letzten Dinge beschaffen sind. Diese Einstellung, die ihn bis an sein Lebensende prägen sollte, findet sich in folgender Aussage von ihm wieder: „Ich empfinde sehr stark, dass dieses ganze Thema zu schwierig für den menschlichen Intellekt ist. Ein Hund könnte ebenso über den Geist Newtons spekulieren. - Lasst jeden Menschen hoffen und glauben, was er kann“. Darwin selbst nahm nach dem qualvollen Tod seiner zehnjährigen Tochter nicht mehr an Gottesdiensten teil, sondern wartete vor der Kirchentür auf seine Familie. Das Christentum war für ihn zu einer „verdammenswerten Lehre“ geworden.

 

Die evolutionäre Erklärung der Religion und ihr plötzliches Ende

Blume beschreibt in diesem zweiten Abschnittes, wie Darwin in seinem Werk über „die Abstammung des Menschen“ (1871) anfängt, empirische und theologische Fragen nach Gottesglauben, Moral und Fortschritt zu verknüpfen – und das hat Konsequenzen die über Wallace und die Emergenz im Nachhinein bis ins Mark nicht nur der Evolutionstheorie von Darwin selbst gehen, sondern sogar noch bis in das der heutigen Soziobiologie.

Religion war in dem von Darwin nun verfolgten Ansatz nicht mehr etwas, was vor, neben oder über dem Evolutionsprozess steht und ihn eventuell sogar anstößt, sondern Religion wurde hier selbst zu einem Teil des Evolutionsprozesses, bzw., wie Darwin es ausdrückte, „ein erfolgreiches Merkmal des Evolutionsprozesses“. Für Darwin war der Glaube beim Menschen nicht angeboren oder instinktiv und er betonte auch, dass am Anfang der Menschwerdung kein Urmonotheismus oder Hochgötterglaube gestanden haben kann. Der Glaube an alles durchdringende, spirituelle Wesenheiten schien für ihn jedoch allgemein zu sein, und zwar als Folge des beträchtlichen Fortschreitens in den geistigen menschlichen „Fähigkeiten der Einbildung, der Neugierde und des Bewunderns“. Der religiöse Glaube geht so mit der Entwicklung der geistig-kulturellen Fähigkeiten des Menschen einher, weshalb Darwin auf diese Weise zu der Erkenntnis gelangte, dass die Idee eines universellen und wohlwollenden Schöpfers des Weltalls im Geiste des Menschen nicht eher zu entstehen scheint, „als bis er sich durch lange fortgesetzte Kultur emporgearbeitet hat“. Die Religion ist so Teil der Entwicklung oder Evolution des Menschen. Wie Blume feststellt, sind für Darwin die überweltliche Verkörperung bewährter Regeln und damit von Kooperationsbeziehungen potenzielle Vor­teile von Religiosität und gleichen die Kosten auch sinnloser „Abirrun­gen“ evolutionär mehr als aus. Nicht unbedingt der einzelne religiöse Mensch, wohl aber die mit ihm verwandte Gruppe (der „Stamm“) werde so Überlebens- und Repro­duktionsvorteile erhalten.

Darwins Versuche und Gedanken, wie Evolution und Gottesglaube zueinander stehen, sind so zu einer Einbindung der Religion in die Evolutionstheorie geworden, wodurch die Evolution die Religion letztlich als ein natürliches Phänomen erklärt. Laut Blume muss Darwin darin zwar in einigen Aspekten als widerlegt gelten, aber in einer Gesamtschau lässt sich festhalten, dass Darwin den heutigen Forschungsstand der Evolutionsforschung zur Religion in vielem beeindruckend vorweggenommen hatte.

Aber erst in den letzten Jahren haben wie­der anerkannte Größen der Religionswissenschaft wie Robert Bellah die Evolutionsgeschichte und -forschung als einzig haltbaren Rahmen empirischer Forschungen wiederentdeckt. „Wiederentdeckt“, weil zwischenzeitlich die Evolutionsforschung zur Religion, wie auch zu anderen geistigen und kulturellen Phänomenen des Menschen, unvermittelt eingebrochen ist und vielfach gar als gescheitert erklärt wurde. Die interdisziplinare Evolutionsforschung insgesamt und die evolutionäre Religionsforschung im Besonderen kamen auf Jahrzehnte hinaus nahezu zum Erliegen. Wie Blume aus seiner persönlichen Erfahrung mitteilt, hatte er noch bei seinem Studium am Anfang des 21. Jahrhunderts zu lernen, dass „der Evolutionismus“ als frühe Stufe der Religionswissenschaft „längst über­wunden“ sei - ohne dass ihm jemand überzeugend erklären konnte, was das Ergebnis gewesen oder woher sonst die Religiosität des Menschen gekommen wäre. Als weiteres persönliches Erlebnis dazu schildert Blume in der Einleitung seines Buches, dass er sich angesichts seines Konzeptes, über Religion und Hirnforschung zu promovieren, von seinem späteren Doktorvater den Rat geben lassen musste: „Sie wissen schon – wer sich mit Biologen einlässt, bekommt in der deutschen Religionswissenschaft nie einen Lehrstuhl“. Die evolutionären Forschungen zu den höheren sozialen, geistigen und kulturellen Fähigkeiten des Menschen waren nicht nur eingestellt, sondern fast vollständig „verdammt und vergessen worden“. Was war geschehen?

 

Das Desaster des Sozialdarwinismus“

Das „Desaster des Sozialdarwinismus“ (Kapitelüberschrift bei Blume) war geschehen und blockierte die so hoffnungsvolle natürliche Erforschung und Erklärung des menschlichen Seins. Im Namen des frühen „Darwinismus“ wurde die Überlegenheit der Europäer über andere Völker und „Rassen“ und des Man­nes über die Frau ebenso behauptet wie die Notwendigkeit von Krieg, sozialer Ausgrenzung und schließlich gar der Steri­lisierung oder Abtreibung „minderwertigen“ Nachwuch­ses (Eugenik) bzw. der Tötung behinderter und kranker Men­schen (Euthanasie). Mit Zitaten belegt Blume, dass schon Darwin selbst als Rassist gelten muss. Das ist insofern nicht völlig mit dem heutigen Vorwurf vergleichbar, da damals der Rassismus eine so weit verbreitete und selbstverständliche Ansicht war wie heute etwa der Kapitalismus. Darwin hatte daher den Rassismus oder den Sozialdarwinismus als solches nicht erfunden, das, was diesen Benennungen zugrundeliegt, war als Ansichten und Verhaltensweisen von jeher Teil des Mensch-Seins. Darwin hatte aber eine naturwissenschaftliche Begründung und Rechtfertigung für diese Ansichten und Verhaltensweisen geliefert, die im Nationalsozialismus schließlich ihren Gipfel erreichten. Letztlich offenbarte gerade diese Katastrophe und ihr Bezug zur Evolutionstheorie, dass mit der Evolutionstheorie irgendetwas nicht stimmen konnte. Das musste vor allem das Selbstverständnis des Menschen betreffen und damit auch die Religion, in der der Mensch ja sein Selbstverständnis bislang vor allem gründet.

Michael Blume fragt in seinem Buch, warum nach dem Krieg der Sozialdarwinismus nicht aufgearbeitet wurde, warum gerade auch viele Wissenschaftler dieser brutalen und menschenverachtenden „Lesart“ der Evolutionstheorie verfallen waren. Doch hier ist eine Kritik an der Argumentation von Blume anzubringen. Zunächst müsste so gemäß der zuvor angeführten rassistischen Zitate schon Darwin selbst dieser sozialdarwinistischen „Lesart“ verfallen sein. Warum nutzte nicht schon der gutmütige und sogar mit Raupen mitfühlende Darwin eine andere Lesart? Sind andere Lesarten überhaupt möglich? Blume führt zwar dazu Beispiele an, die jedoch alle vom geistig-kulturellen Sein des Menschen abgeleitet sind bzw. darauf gründen und dabei mehr oder weniger die eigentliche, von Darwin entdeckte Grundlage der Evolution ausblenden. Die Eigenschaft und das Wesen dieser eigentlichen Grundlage der Evolution hat Blume zuvor sehr treffend mit einem Wort des Dichters Alfred Lord Tennyson (1809-1892) benannt: „(blut)»rot an Zähnen und Klauen«“. Darwin hatte diese Systematik und Gesetzmäßigkeit der natürlichen Zuchtwahl entdeckt, nach der sich das Leben bis zum Tier entwickelte (was er mit einem „Kaplan des Teufels“ auch als „stümperhaft gemeine und schrecklich grausame Werke der Natur“ bezeichnete). Diese Gesetzmäßigkeit hatte er selbst dann, wie so gut wie alle nach ihm, unwillkürlich auch auf das Geistig-Kulturelle des Menschen angewandt. Doch das hat sich spätestens im Desaster des Sozialdarwinismus als fataler Fehler erwiesen!

Nun erkennt auch Blume schon über den Begriff der Emergenz (die er von Graham her sieht) als dem Entstehen neuer Qualitäten, Eigenschaften oder Schichten mit eigener Gesetzmäßigkeit, worin dieser Fehler liegt. Er erkennt, dass auch Darwin und Wallace schon auf einer richtigen Spur zur Überwindung dieses Fehlers waren, indem sie „Überlegung, Unterricht, Religion usw.“, also dem Geistig-Kulturellen, immer größeren Einfluss zuordneten. Dennoch hat selbst Blume dieses Problem in der Evolutionstheorie nicht in seiner vollen Dimension erkannt, denn darin liegt die vollständige Aufklärung des Sozialdarwinismus und dann hätte Blume nicht mehr nur von falschen „Lesarten“ der Evolution gesprochen. Das „Desaster des Sozialdarwinismus“ liegt nicht in einer falschen Lesart ein und derselben Evolutionstheorie, sondern das Desaster liegt darin, dass die von Darwin gefundene Evolutionstheorie in Bezug auf des Geistig-Kulturelle des Menschen unvollständig und damit falsch ist. Die Gesetzmäßigkeiten der genetischen Evolution können gemäß einer emergenten Evolution nicht auf das geistig-kulturelle Sein des Menschen angewendet werden, das ergibt letztlich stets einen Sozialdarwinismus oder ebnet ihm zumindest den Weg. Das Sein und die Entwicklung des Menschen unterliegen einer eigenen Gesetzmäßigkeit.

 

Die erste Kritik an der Evolutionstheorie durch Wallace

Darwin und Wallace waren der Frage, inwieweit der Mensch in die gefundene Evolutionstheorie einbezogen werden konnte, deswegen schon auf der Spur, da Wallace in scharfsinniger und genialer Weise aufgefallen war, dass das bisherige Verständnis der Evolution als natürliche Zuchtwahl „den Wilden nur mit einem Gehirn hätte versehen können, das dem eines Affen wenig überlegen wäre“ und nicht zum mathematischen, künstlerischen oder musikalischen Genius, sowie zu metaphysischen Gedanken, Geist und Humor habe führen können. Der Sprung dabei war für Wallace zu groß und die neuen geistigen Fähigkeiten besaßen für ihn eine andere Wesensart oder Herkunft. In einem Brief (vom 24.03.1869) an Darwin kündigte Wallace an, dass er es zum ersten Mal wage, das bisherige Verständnis der natürlichen Selektion zu begrenzen („I venture for the first time on some limitations to the power of natural selection.“). Für ihn wurde hinsichtlich der erstaunlichen neuen Fähigkeit des Menschen „ein Instrument entwickelt, das den Bedürfnissen seines Besitzers vorauseilt“, „an instrument beyond the needs of its possessor“, wie es in dem Essay „The Limits of Natural Selection as Applied to Man“ aus dem Jahre 1870 von Wallace heißt.

Darwin erkannte an, dass über die hohe Bedeutung der intellektuellen Fähigkeiten des Menschen wohl kein Zweifel bestehen kann, da ihnen der Mensch seine her­vorragende Stellung auf der Erde verdankt. Und er sah auch, wie es Blume anführt, dass mit der Berufung auf Arbeiten von Wallace die kulturellen Fähigkeiten des Menschen schließlich in bestimmter Weise als Hinauswachsen aus der Zuständigkeit natürli­cher Zuchtwahl zu verstehen sind. Darwin erkannte zwar so, dass bei hoch zivilisierten Nationen der beständige Fortschritt in einem untergeordneten Grade von natürli­cher Zuchtwahl abhängt, sondern mehr von den intellektuellen Fähigkeiten.

Und doch gab es hierbei einen großen und letztlich nicht gelösten Dissens zwischen Darwin und Wallace. Darwin verstand es in der Weise, dass die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen ebenfalls wie alles Vorhergehende auch in der natürlichen Zuchtwahl entstanden waren, und zwar in der von Blume schon zitierten rassistischen Weise, nämlich dass sie von einem Volk mehr und einem anderen weniger entwickelt wurden, und dass damit von der Evolutionstheorie und ihren Gesetzmäßigkeiten her nichts grundsätzlich Neues entstanden ist. So kam er etwa zu der Aussage: „Aber wie groß auch der Unterschied zwischen den Seelen der Menschen und der höheren Tiere sein mag, er ist doch nur ein gradueller und kein prinzipieller“, und er schloss sich der Meinung von Huxley an, dem nach „es durchaus nicht berechtigt [ist], den Menschen in eine besondere Ordnung zu stellen“. Hier erklärt sich auch, warum Darwin an anderer Stelle zu der Erkenntnis von Wallace kritisch bemerkte, dass er nicht verstehen kann, wie Mr. Wallace behaupten kann, dass natürliche Zuchtwahl den Wilden nur mit einem Gehirn hätte versehen können, das dem eines Affen wenig überlegen wäre. Für Darwin stand es außer Frage, dass zur Erklärung des geistig-kulturellen Seins des Menschen die bisherige Evolutionstheorie mit ihren Gesetzen der natürlichen Zuchtwahl vollkommen ausreicht und sie den Menschen auch mit einem Gehirn versehen konnte, das dem eines Affen weit überlegen ist.

Für Wallace dagegen war das intellektuelle Vermögen des Menschen nicht etwas, das von der natürlichen Zuchtwahl bei einer Rasse von Menschen mehr, bei der anderen weniger und bei einer dritten so gut wie gar nicht entwickelt wurde. Wallace sah hinter dem besonderen Vermögen des Menschen etwas, was eine völlig neue Qualität und Würde darstellt, die darin jedem Menschen gleichermaßen zukommt und die ihn darin grundsätzlich über das Tier erhebt. Fatalerweise verstand er es jedoch als einen übernatürlichen Eingriff in die Evolution und wurde schließlich zum Spiritist. Das hatte Darwin dazu veranlasst, sein Buch über die Abstammung des Menschen zu schreiben, in dem er zwar das besondere Vermögen des Menschen anerkannte, aber das umso mehr natürlich mit der bisherigen Theorie begründete. Wallace dagegen behauptete in seinem Buch „Darwinism“, das 1889 erschien, in ebenso genialer wie fataler Weise, dass etwas im unsichtbaren Universum des Geistes sogar mindestens drei Mal während der Evolution eingegriffen haben muss, und zwar im Fall der Schöpfung von Leben aus anorganischer Materie, der Einführung von Bewusstsein bei Tieren und eben der Bildung höherer mentaler Fähigkeiten beim Menschen. Die Ähnlichkeit dieser sich so ergebenden Struktur des Seins mit der eines Schichtenmodells sind frappierend.

 

Die Schichtung des realen Seins bei Nicolai Hartmann

Ist diese Argumentation von Wallace wegen der übernatürlichen Begründung heute als falsch zu bewerten und als solche insgesamt zu verwerfen? Nein, denn genau die sich durch die angenommenen übernatürlichen Eingriffe bei Wallace ergebende Schichtung des evolutionären Seins findet sich später bei dem Philosophen Nicolai Hartmann (1882-1950) mitsamt der darin dem Menschen zukommenden Schicht oder Kategorie wieder – nur jetzt rein natürlich begründet. Und in diesem sozusagen berichtigten Verständnis von Wallace, in dem der Mensch sich vom Tier genauso abhebt wie das Tier von der Pflanze oder das organische, lebendige Sein vom anorganischen, liegt der Durchbruch im Verständnis des menschlichen Seins in der Evolution. Konrad Lorenz hat dann das philosophische Verständnis von Hartmann in die Biologie übertragen und mit Hilfe der von Hartmann erkannten Gesetzmäßigkeiten ein tragfähiges Verständnis der Evolution als Emergenz geschaffen. Der Kern der von Hartmann erkannten gesetzmäßigen und völlig natürlichen Beziehungen zwischen diesen Schichten lautet: „Der Aufbau der realen Welt ist ein Schichtenbau. Nicht auf die Unüberbrückbarkeit der Einschnitte kommt es hier an   denn es könnte sein, daß diese nur für uns besteht  , sondern auf das Einsetzen neuer Gesetzlichkeit und kategorialer Formung, zwar in Abhängigkeit von der niederen, aber doch in aufweisbarer Eigenart und Selbständigkeit gegen sie“.

Mit dem Menschen ist demnach im Sinne einer Emergenz (oder Fulguration, wie es Konrad Lorenz nannte) eine völlig neue Qualität, Kategorie oder Schicht der Evolution mit eigener Gesetzmäßigkeit entstanden, genauso wie vorher im Falle des Lebens selbst, der Pflanzen und der Tiere. Das ist darin in Bezug auf das geistige Vermögen des Menschen eine andere Evolutionstheorie als die von Darwin (Lorenz sieht sogar eine Analogie zwischen der Evolution und der geistig-kulturellen Entwicklung des Menschen).

 

Die praktischen Auswirkungen eines durch natürliche Emergenz entstandenen menschlichen Geistes

Die neue Gesetzmäßigkeit entgegen der alten, animalischen besteht im Falle des Menschen vor allem darin, dass das personale Sein des Menschen und sein geistig-kulturelles Wirken, Fortschritt und Erfolg nicht mehr an das physische Sein, die Rasse und auch nicht mehr unmittelbar an die Gene gebunden ist und so auch ein wilder Barbar oder ein ganzes barbarisches Volk innerhalb kürzester Zeit zivilisiert werden kann, also ohne lange Zuchtwahl oder Genveränderung, genauso wie ein einst kulturell hochstehendes Volk wie die alten Griechen geistig-kulturell sehr schnell wieder zurückfallen kann (diese Fragen der kulturellen Entwicklung waren und blieben für Darwin, wie er es selbst ausdrückte, „dunkle Rätsel“).

Natürlich wurde auch diese neue Schicht als solche letztlich von der genetischen Evolution hervorgebracht, genauso wie das lebendige Sein aus anorganischen chemischen Gesetzmäßigkeiten entstanden ist. Aber das neu entstandene geistig-kulturelle Sein des Menschen besitzt gegenüber der genetischen Evolution und dem Tier eine eigene Gesetzmäßigkeit. Das geistig-kulturelle Sein des Menschen anhand der Gesetzmäßigkeiten der genetischen Evolution zu beurteilen, wäre dasselbe als würde das animalische Sein nach den Gesetzmäßigkeiten der darunterliegenden Schicht der Pflanzen behandelt, indem etwa ein Tier in einen Glaskasten mit Wasser und genügend Licht gestellt würde, in der Hoffnung, dass es dort gut gedeiht. Der Sozialdarwinismus mit seinen Gesetzmäßigkeiten der genetischen Evolution erweist sich mit dieser emergenten Lösung als eine in Bezug auf das geistig-kulturelle Sein des Menschen gesetzmäßig falsche Theorie.

Von den Genen her ist dabei das durchschnittliche Potential zur Entwicklung von Geist- und Kultur bei allen heutigen Völkern als gleich anzusehen, was auf einen oder mehrere „genetische Flaschenhalseffekte“ während der Evolution des Menschen zurückzuführen ist. Daher kann, wegen der von der Evolution gleichzeitigen verfolgten Vielfalt in der Gen-Ausstattung, etwa ein Mitglied der australischen Ureinwohner hinsichtlich des Charakters, der Intelligenz, der künstlerischen oder der praktischen Fähigkeiten einem Nordeuropäer oder einem Afrikaner von seinen Genen her mehr ähneln, als einem anderen Mitglied seines eigenen Stammes. So ist daher auch die aktuelle große Überlegenheit der westlichen Kultur nicht genetisch zu begründen, sondern, wie es der Historiker und Archäologe Ian Morris in seinem Buch „Wer regiert die Welt?“ ausführt, eher auf bestimmte Bedingungen der Umwelt zurückzuführen, wie etwa dem Mittelmeer als idealer Transportweg, einer vorhandenen großen Anzahl domestizierbarer Tiere usw.

Dass mit dem menschlichen Geist eine neue Schicht mit eigener Gesetzmäßigkeit entstanden ist, heißt auch, dass die menschliche Natur und hier vor allem sein Verhalten schichtend gespalten ist. Mit diesem differenzierten Verständnis, nämlich seiner geistig-kulturellen Fähigkeiten und seinem animalischen Erbe in Form seiner Instinkte, ergibt sich, dass sich die Evolution des Menschen aktuell in einer geradezu explosiven und dramatischen Phase befindet. Erst mit diesem neuen Verständnis der menschlichen Evolution wird auch deutlich, dass die evolutionäre Erklärung des menschlichen Seins nicht gescheitert oder tot ist, wie es Blume bei seinem Studium noch erfahren hat, sondern dass sie jetzt mit den Geisteswissenschaften kompatibel ist und die Probleme des modernen Menschen sich nur interdisziplinär mit der evolutionären Erklärung lösen lassen, ja dass diese evolutionäre und darin rein natürliche Erklärung auch des menschlichen Geistes der Fortgang der geistigen Evolution beim Menschen selbst ist.

Genauso wie die schon zitierte Idee eines universellen und wohlwollenden Schöpfers des Weltalls (und darin vor allem als Erklärung des menschlichen Seins) im Geiste des Menschen nach Darwins Verständnis nicht eher entstanden zu sein schien, „als bis sie sich durch lange fortgesetzte Kultur emporgearbeitet hat“, scheint nun praktisch als weiterer Fortgang dieser geistig-kulturellen Entwicklung die Idee der aufgeklärten, rein natürlichen und evolutionären Erkenntnis und Erklärung des menschlichen Seins und Geistes ebenfalls nicht eher zu entstehen, „als sie sich durch lange fortgesetzte Kultur emporgearbeitet hat“. Und dieser Geist ist kein „Affengeist“ mehr, weil er einer anderen Emergenzschicht angehört.

 

Eine vielleicht nachvollziehbare Kritik an der Argumentation von Blume

Michael Blume hat diese durchbrechende Lösung schon im Visier, wenn er schreibt, dass die interdisziplinäre Evolutionsforschung haltbar sowohl von biologischer wie kultureller Evolution spricht, dieses als (biokultureller) Evolutionsprozess einerseits zusammenfasst, dass aber bei allen Ähnlichkeiten auch große Unter­schiede zwischen den biologischen und kulturellen Phänome­nen bestehen. Wenn er allerdings weiter schreibt: „Wer die Kulturwissenschaften also im Namen der Evolution bruchlos oder gar »neodarwinistisch« auf Naturwissenschaf­ten reduzieren möchte, kann sich dabei keinesfalls auf Charles Darwin berufen“, so verwechselt er hier die Rollen von Darwin und Wallace. Wer diese Reduktion etwa mit einem gen-zentrierten Ansatz versucht, kann sich dabei gerade auf Darwin berufen, denn ihm nach unterliegen auch Geist und Kultur letztlich den Gesetzmäßigkeiten der natürlichen Zuchtwahl, was zu seinen rassistischen Aussagen und seinen „dunklen Rätseln“ hinsichtlich der Kulturentwicklung führte. Derjenige, der das zum ersten Mal mit einem dann anderen Evolutionsverständnis im Sinne einer Emergenz durchbrach, war Wallace (wenngleich er das falsch herleitete). So muss das weitere Zitieren von Blume hier entsprechend (in eckigen Klammern berichtigt) lauten: „Bei ihm [also Wallace, nicht Darwin] finden wir eher eine Position ange­legt, die wir heute als »Emergentismus« diskutieren: Dem­nach bringen Evolutionsprozesse immer wieder auch neue Systeme und Systemeigenschalten hervor, die zwar auf den basalen Grundlagen beruhen, aber diesen gegenüber neuartig und nicht reduzierbar sind. Die Erkundung von Physik, Che­mie, Biologie, Kultur und Bewusstsein müsste daher einer­seits in einer disziplinären Unterscheidung, andererseits interdisziplinären Vernetzung geschehen“.

Doch diese von Wallace und dann von Hartmann und Lorenz schon lange gefundene Theorie, die zur Lösung des Sozialdarwinismus führt, hat sich in der heutigen Wissenschaft nicht durchgesetzt und auch Blume schreckt davor zurück, diesen von ihm schon begonnen Gedanken der Emergenz auch auf das Sein des Menschen anzuwenden und das konsequent zu einer berichtigten oder vervollständigten Evolutionstheorie hin durchzuziehen. So ein Schritt ist für einen Wissenschaftler natürlich sehr risikoreich (im Gegensatz zu einem Bürgerwissenschaftler), gerade dann, wenn er damit mal eben die Fundamente einer anderen Disziplin erschüttert und verändert. Das kann ganz schnell das Karriere-Aus nach sich ziehen (vor dem ihm sein Doktorvater ja schon einmal gewarnt hatte).

 

Die Konsequenzen eines emergent entstandenen menschlichen Geistes für die heutige (Sozio)Biologie und Wissenschaft allgemein

Die Soziobiologie als die für die Rolle des Menschen in der Evolution heute eigentlich zuständige Wissenschaft geht mit ihrem „gen-zentrierten“ Ansatz in die genau entgegengesetzte Richtung eines emergenten Verständnisses des menschlichen Seins. Für die Soziobiologie stellt das geistig-kulturelle Sein des Menschen entsprechend dem gen-zentrierten Ansatz ausdrücklich gerade keine eigene Kategorie oder Schicht dar, sondern „Kul­turgeschichte begann, als das survival of the fittest ein Imitation of the fittest ins Schlepptau nahm“. Weiter schreibt Voland in seinem Buch „Soziobiologie“, dass die weit verbreitete Auffassung, wonach „Sozialisation“ oder „Kultur“ Alternativen zur evolutiven Erklärung mensch­lichen Verhaltens sein sollen, auf einem Kategorienfehler beruhen. Im Sinne von Wallace, Hartmann und Lorenz liegt jedoch in der Aussage von Voland und dem gen-zentrierten Ansatz vielmehr der eigentliche Kategorienfehler. Geistig-kulturelle Eigenschaften des Menschen sind gerade nicht von der Schicht oder Kategorie der Gene her als „genetische Fitness“ zu verstehen, sondern Geist und Kultur des Menschen sind eine eigene Schicht oder Kategorie und nur von da her als „geistige Fitness“ zu verstehen. Dann erst lassen sich Sozialdarwinismus, Rassismus usw. umfassend und tiefgründig überwinden. Wie soll sich das aber allgemein in der Gesellschaft und auf der Straße durchsetzen, wenn es nicht einmal in der Wissenschaft geklärt ist?

Hier stellt sich auch konkret die Frage, wie frei und unabhängig Wissenschaft wirklich ist. Kann ein Wissenschaftler heute wirklich frei und unabhängig einer neuen Idee nachgehen, oder ist er in einem System mit vielerlei Zwängen gefangen, die er sich hinsichtlich Erfolg, Rang und Ansehen vielleicht auch selber setzt und daran festhält? Der schon erwähnte Ratschlag des Doktorvaters von Blume gibt einen Hinweis auf die Zustände in der Wissenschaft, was insofern auch der Hirnforscher Gerhard Roth bestätigt, der in einem SPIEGEL-Online Interview von einer extremen Scheu, einer Kränkung oder gar einem Hass vieler Geisteswissenschaftler auf die naturwissenschaftliche Neurobiologie berichtet.

Das Ideal der Wissenschaft sollte hier der von Schiller in seiner Antrittsvorlesung als Geschichtsprofessor definierte freie „philosophische Geist“ sein: „Sollte eine neue Gedankenreihe, eine neue Naturerscheinung, ein neu entdecktes Gesetz in der Körperwelt den ganzen Bau seiner Wissenschaft umstürzen: so hat er [der philosophische Geist] die Wahrheit immer mehr geliebt, als sein System“. […] Ja, wenn kein Streich von außen sein Ideengebäude erschüttert, so ist er selbst, von einem ewig wirksamen Trieb nach Verbesserung gezwungen, er selbst ist der erste, der es unbefriedigt auseinanderlegt, um es vollkommener wieder herzustellen“.

Der Namensgeber und insofern Mitbegründer der Soziobiologie, Edward O. Wilson, zeigt insofern diese Größe und hat dieses Ideal verwirklicht, indem über die von ihm selbst einst mitgetragene Grundlage der Soziobiologie heute in seinem Buch „Die soziale Eroberung der Erde“ sagt: „Das alte Paradigma der sozialen Evolution, das nach vier Jahrzehnten fast schon Heiligenstatus genießt, ist damit gescheitert. Seine Argumentation von der Verwandtenselektion als Prozess über Hamiltons Ungleichung als Bedingung für Kooperation bis zur Gesamtfitness als darwinschen Status der Koloniemitglieder funktioniert nicht. […] Als Gegenstand einer allgemeinen Theorie ist die Gesamtfitness ein trügerisches mathematisches Konstrukt, unter keinen Umständen lässt es sich so fassen, dass es wirkliche biologische Bedeutung erhält“.

Trotz dieser Aussage wird in der Soziobiologie unbeirrt an dem gemäß Wilson gescheiterten Paradigma mit seinem gen-zentrierten Ansatz festgehalten, bei dem Geist und Kultur nur als ein Epiphänomen angesehen wird. Dieses Verständnis stellt mit seinem gen-zentrierten Ansatz definitionsgemäß Raum für den Sozialdarwinismus als auch den Rassismus zur Verfügung, egal wie wohlmeinend sie verpackt wird, und wird vollkommen zu recht von den Geisteswissenschaften verurteilt und kritisiert.

 

Der evolutionäre Theismus von Graham zur Erklärung des menschlichen Seins in der Evolution

Im dritten und letzten Abschnitt des Buches behandelt Blume den evolutionären Theismus des Philosophen William Graham. Darwin hatte kurz vor seinem Tod das Buch „The Creed of Science“ von Graham gelesen und sagte darüber, Graham hätte seine „innerste Überzeugung ausgedrückt, allerdings viel lebendiger und klarer, als ich es hätte tun können, dass das Universum kein Resultat des Zufalls ist“. Blume diskutiert in diesem Abschnitt u.a. mit Bezügen zu Einstein und der heutigen Naturwissenschaft die Möglichkeit eines Gottes jenseits des Urknalls bzw. als Erzeuger des Urknalls im Sinne Grahams. Blume kommt zu dem Ergebnis, dass vielleicht manches dafür spricht, dass es aus anderen Gründen aber auch falsch sein kann. Die katholische Kirche hat seiner Ausführung nach dazu dieselbe Haltung. Blume hofft wie im Sport auf eine „Verlängerung“ in dieser Frage. Und auch Darwin ließ sich selbst am Ende seines Lebens vom evolutionären Theismus Grahams letztlich nicht überzeugen. Wie Darwin es in einem Brief an Graham ausdrückte, konnte kein letztendliches Ziel sehen, wie es der Theismus Grahams vermittelte, und Darwin hatte weiterhin „furchtbare Zweifel“, ob die Überzeugungen des menschlichen Geistes, der aus dem Geist niederer Tiere entwickelt worden ist, überhaupt vertrauenswürdig wären, einen solchen Gott zu erkennen. Er entgegnete: „Würde jemand den Überzeugungen eines Affengeistes trauen, wenn in solch einem Geist Überzeugungen wären?“ Auch die „Great Man theory“ von Graham teilt Darwin nicht.

Wie von Blume zitiert, stand nach Graham auch der wissenschaftlich Informierte am Ende vor der Wahl, das „kosmische Prinzip“ (oder, wie er es auch nennt, die „Natur der Einen Ewigen Substanz“) aus bloßem Zufall, dem niedrigsten Prinzip, was hier für die Evolutionstheorie und die Naturwissenschaft steht, oder als Ergebnis göttlichen Willens zu erfassen. Graham sah zwar darin, die Gott­heit „in der höchsten uns zugänglichen Emergenzebene des Personal-Geis­tigen zu beschreiben“ und ihr einen dem Menschen entsprechenden bewussten Geist und Ziel zuzusprechen eine ungenügende Erklärung, aber er hielt das für den um vieles geringeren Fehler der beiden genannten Wahlmöglichkeiten. „Es ist philosophischer, den höchsten als den niedrigsten Grund als das erste Prinzip aller Dinge anzunehmen, auch wenn wir wissen, dass der höchste ungenügend ist.“

Blume deutet dieses Verständnis als Panentheismus: „Die Gottheit offenbart sich auch über die Natur und deren nicht-reduzierbare Evo­lutions- und Emergenzprozesse, weist aber immer auch über diese hinaus. Sie steht daher auch über und außerhalb der Zeit und muss nicht als eingreifend gedacht oder gar empi­risch belegt werden, sondern offenbart sich im alltäglichen Wunder des bereits Gewachsenen und immer weiter Mögli­chen.“ Für Blume nimmt Graham hier „Formulierungen der Prozesstheologie im naturwissen­schaftlich-theologischen Dialog des 21. Jahrhunderts vor­weg“. Doch was heißt das genau?

Darauf gibt Graham im folgenden Zitat die recht klare Antwort im Rahmen der von ihm vertretenen „Great Man theory“: „So wurde die Entwicklung der menschlichen Art, der menschlichen Zivilisationen nicht durch natürliche Selektion erreicht, wie die darwinsche Lehre nahelegt. Die Entwicklung des menschlichen Geistes kam durch innere Enthüllung zu bestimmten ausgezeichneten Individuen - eine Enthüllung von Wahrheit, von Einsicht, von inventiver Kraft, von Pflicht, von Schönheit, die die Seele unaufgefordert besuchte, wobei niemand, nicht einmal die Besitzenden, mehr darüber sagen können, als dass sie aus dem Unbekannten, dem Ziel des Universums, ist, das sich hierdurch zu erklären und zu entwickeln wünscht - von Gott und nicht vom Zufall. Natürliche Selektion hat klarerweise nichts zu tun mit der Entstehung, mit der Einlegung der ersten Keime von Moral, Kunst, Erfindung, Wissenschaft oder Religion.“

Hier wird gesagt, dass die Gottheit zwar „sich auch über die Natur und deren nicht-reduzierbare Evo­lutions- und Emergenzprozesse offenbart“, also die Evolution bis zur Entstehung des Menschen, dass dann aber die Entstehung des Menschen nicht mehr über diese natürliche Entwicklung und Emergenz geschieht, also dass natürliche Selektion „klarerweise“ damit nichts mehr zu tun hat, sondern dass im Fall des Menschen die weitere Entwicklung durch bestimmte große Männer vor sich geht, und dass die Ursache dafür aus dem Unbekannten, dem Ziel des Universums, ist, das sich hierdurch zu erklären und zu entwickeln wünscht - von Gott und nicht vom Zufall.

Es ist zu kritisieren, dass Graham hier gegen die Methode der modernen Naturwissenschaft verstößt und Blume das für eine denkbare Option hält. Denn auch die Schöpfung wird in anderen Theismen bis heute als das Ergebnis des göttlichen Willens verstanden und nicht als Ergebnis des „Zufalls“. Warum sollte die Naturwissenschaft im Falle des menschlichen Geistes davor zurückschrecken, auch das „vom Zufall her“ zu begründen, also allein mit den Naturgesetzen? Dieses als göttlicher Wille von Graham begründete Emergenzverständnis kann nicht als hilfreich zur Erklärung des menschlichen Seins in der Evolution betrachtet werden. Es ist wie der Vitalismus vielmehr eine Sackgasse und ein Rückschritt in der weiteren natürlichen und naturwissenschaftlichen Erklärung der Welt und vor allem des menschlichen Seins darin. Die Diskussion um einen übernatürlichen Einfluss bei der evolutionären Entstehung des Menschen muss allerdings, den gesellschaftlichen Verhältnissen entsprechend, dringend geführt werden, und zwar auf dem Niveau von Darwin und Blume und nicht mit dogmatischen Methoden eines von Darwin ausdrücklich abgelehnten aggressiven Atheismus. Denn der Dogmatismus ist das, was von der natürlichen Erklärung des Mensch-Seins her eigentlich zu verdammen ist.

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