Die Urkatastrophe des Ersten Weltkrieges als menschliches Verhalten in evolutionärer Perspektive.

 

Zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges erschien auf SPIEGEL-Online am 29.06.2014 folgender Text:

"Keiner der führenden Männer dieser Zeit hat den Krieg tatsächlich gewollt, Sie glitten gewissermaßen hinein, oder besser, sie taumelten oder stolperten hinein, vielleicht aus Torheit": Mit diesem berühmten Diktum sprach der britische Premierminister Lloyd George 1920 die verfeindeten Nationen von jeglicher Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs frei. Der Historiker Fritz Fischer hielt 1961 dagegen und warf dem Deutschen Reich vor, den Krieg bewusst vorbereitet zu haben.

Der australische Wissenschaftler Christopher Clark wiederum gab in seinem 2013 veröffentlichten Bestseller ein Stück weit Lloyd George recht, als er die europäischen Staatenlenker als "Schlafwandler" bezeichnete, die kollektiv nicht ganz bei Sinnen, also quasi schuldunfähig waren. Und der deutsche Historiker Gerd Krumeich resümierte jüngst: "Alle Mächte waren vor 1914 an der Zuspitzung und Verfeindlichung des Allianzsystems beteiligt."

Wenn es ein klares Fazit der wissenschaftlichen Debatte gibt, dann dieses: Der Streit um die Kriegsschuld ist auch 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch immer nicht beigelegt. Alles hängt davon ab, wie man die Julikrise von 1914 bewertet - jene Wochen nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo. Tag für Tag rangen die Regierungschefs der einzelnen Nationen miteinander. Das diplomatische Wortgefecht eskalierte immer weiter - bis schließlich eine Nation nach der anderen in den Krieg eintrat.

 

Der Erste Weltkrieg wird als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Selbst wenn dabei der Schuldige so eindeutig wie bei der nachfolgenden Katastrophe des Zweiten Weltkrieges gefunden werden sollte, wären damit beide Katastrophen mit ihren ca. 60 Millionen Toten eindeutig geklärt und abgehakt? Bedarf es hier nicht weiterer Erklärungen, ja eines ganz anderen Ansatzes, um erfassen zu können, was da eigentlich geschehen ist und vielleicht in ähnlicher oder anderer Weise wieder geschehen kann? Folgende Worte von Schiller, die er in seiner Antrittsvorlesung als Geschichtsprofessor 1789 mit uns heute sehr geläufigen Worten äußerte, verdeutlichen einerseits, dass es diese Katastrophen vom Grundmuster des Verhaltens her immer schon gegeben hat und vor allem andererseits, dass man schon einmal glaubte, das endlich überwunden zu haben: „Die Schranken sind durchbrochen, welche Staaten und Nationen in feindseligem Egoismus absonderten. Alle denkenden Köpfe verknüpft jetzt ein weltbürgerliches Band. […] Die europäische Staatengemeinschaft scheint in eine große Familie verwandelt. Die Hausgenossen können einander anfeinden, aber hoffentlich nicht mehr zerfleischen“.

Darwin äußerte sich ähnlich: „Bei hochzivilisierten Völkern hängt der beständige Fortschritt nur in beschränktem Maße von natürlicher Zuchtwahl ab; denn solche Nationen verdrängen und vernichten einander nicht wie wilde Stämme“ (Charles Darwin, Die Abstammung des Menschen, Stuttgart 2002, 184). Hier irrte selbst Darwin, denn ca. 50 Jahre nach dieser Aussage haben die „hochzivilisierten Völker“ einander in bis dahin nie gekannter Weise verdrängt und vernichtet wie „wilde Stämme“, nur eben jetzt mit den Möglichkeiten des industriellen Fortschritts, sowohl beim Krieg als auch beim Völkermord. Das war geschichtlich und objektiv gesehen das einzig und wirklich Neue daran.

Von ihrem subjektiven Selbstverständnis her hielten und halten sich jedoch die „hochzivilisierten Völker“ mit ihren großen moralischen Institutionen den „Wilden“ für mehr oder weniger absolut überlegen. Von daher stellen sie ab und an diese Babareien überrascht noch bei sich selbst fest, so wie besonders bei der zweiten Katastrophe des 20. Jahrhunderts, als der rassistische Hass gegenüber anderen Völkern und der industrielle Völkermord ausgerechnet bei dem als „Dichter und Denker“ bezeichneten Volk in extremer Weise auftauchte. Für dieses Geschehen kann nicht nur eine bestimmte Gruppe von Menschen oder gar nur ein Einzelner verantwortlich gemacht werden, denn sie allein hätten nie ein ganzes Volk in der geschehenen Weise beeinflussen können. Extremisten in jeglicher Richtung hat es immer gegeben und wird es immer geben. Das ganze Volk inklusive der Intellektuellen hat bis auf wenige Ausnahmen nicht notgedrungen sondern begeistert mitgemacht. Da müssen noch andere Kräfte und Bedingungen am Werk gewesen sein, die sich die Extremisten nur zu Nutze gemacht haben, bzw. umgekehrt haben diese Bedingungen die Extremisten erst an die Macht gebracht.

Was ist da wirklich geschehen, wie konnte es zu dieser Barbarei kommen? Diese Frage stellt sich sowohl für den Fall einer kulturellen und darin auch moralischen Entwicklung von den Verhaltensweisen der „Wilden“ hin zu denen der „hochzivilisierten Völker“, und sie stellt sich noch mehr, wenn von einer absoluten, von jeher existierenden kulturellen und moralischen Überlegenheit der „hochzivilisierten Völker“ gegenüber den „Wilden“, egal ob auf natürliche Weise rassistisch oder auf übernatürliche Weise religiös begründet, ausgegangen wird. Die Evolutionstheorie, der nach sich der Mensch aus dem Tier entwickelt hat, bietet bei all diesen Fragen das Potenzial zu einer umfassenden natürlichen und einsichtigen Erklärung, die letztlich auch heutige Probleme des modernen Menschen umfasst.

 

Evolutionäre Perspektive heißt einfach, das Sein und Verhalten des Menschen vor dem Hintergrund der Evolutionstheorie zu erklären und die Fakten dabei zu berücksichtigen. Der Mensch hat sich demnach nicht nur aus dem Tier entwickelt, sondern, was was das Selbstverständnis des modernen Menschen oft völlig und gerne ignoriert, er trägt sein animalisches Erbe weiterhin in sich. Dieses animalische Erbe wurde zwar in der Entwicklung mehr und mehr von seinem geistig-kulturellen Sein und Verhalten überdeckt, das bedeutet aber nicht, dass das animalische Erbe sich dabei in Luft aufgelöst hat. Es ist genetisch verankert, somit natürlich weiterhin vorhanden, im Verhalten als Instinkte, und es wirkt natürlich auch.

Insofern liegt darin schon ein großer Teil der Erklärung, da es für unsere menschlichen Vorfahren oder „Wilde“ völlig normal war, sich aggressiv mit anderen Individuen oder Stämmen auseinanderzusetzen und allgemein Probleme mit Gewalt zu lösen, so wie das bis heute bei Tieren der Fall ist. Das war bis zum Erscheinen des Menschen und seiner Kultur die sehr erfolgreiche Strategie der Durchsetzung des körperlich Stärkeren in der Evolution, mit der sich das Leben erst entwickelt hat.

Es spricht Vieles dafür, dass in diesem Zusammenhang auch das Verhalten zu diesen angeborenen Instinkten gehört, das wir als Rassismus und Nationalismus kennen. Es sorgte für die soziale Struktur der damaligen als Jäger und Sammler lebenden Menschen in kleinen Stämmen, bei denen sich der erfolgreichste durchsetzte, um sein Territorium zum Überleben zu sichern und zu erweitern. Das einsichtigste Argument dafür, dass insbesondere dem Rassismus ein Instinkt zugrundeliegt, der zu früheren Zeiten ein angepasstes und darin »gutes« Verhalten war, besteht darin, dass es den Rassismus heute trotz der durch ihn verursachten menschlichen Katastrophen immer noch gibt, und zwar in jedem Volk und jeder Kultur. Ein rein gelerntes Verhalten wäre durch die Katastrophen, die es verursacht hätte, leicht und endgültig korrigierbar gewesen, nicht aber ein genetisch verankertes Verhalten. Das ist, wie etwa die Sexualität, weiterhin vorhanden und kann nicht wie ein gelerntes Verhalten durch ein Verbot aus der Welt geschafft werden.

Es kann aber sehr wohl kulturell beeinflusst werden bzw. beeinflusst umgekehrt den »Überbau« der Kultur, wobei andere Instinkte auch in der Gegenrichtung wirken, so dass sich, gründend auf der Ausprägung dieser gegensätzlichen Instinkte, kulturell und politisch das ergibt, was wir in diesem Zusammenhang als »rechts« und »links« in einer Gesellschaft kennen. »Rechts« steht dabei für das Konservative und für das (durchaus auch evolutionär) Alte, hier für die aggressive Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen, im wortwörtlichen Extremfall bis eben hin zum reinen Instinktverhalten, »links« dagegen für das Miteinander und die Verständigung bzw. allgemein für das Neue, das Veränderte oder in diesem Sinne Fortschrittliche. In dieser auf den Widersprüchen oder besser gesagt der Flexibilität von Instinkten gründenden Einteilung stellt sich die Frage, wie das genau mit dem Geistig-Kulturellen des Menschen im Fall der Weltkriege und den Konsequenzen daraus als geistig-kulturelle Entwicklung zusammenspielte.

Wenn Rassismus und Nationalismus evolutionär einst angepasste und darin »gute« Verhaltensweisen waren, die entsprechend ihrem Alter genetisch verankert sind, so erklärt das zunächst einmal die Vertrautheit dazu und die emotionale Begeisterung, die diese Verhaltensweisen unter bestimmten Bedingungen auslösen können. Aber diese Verhaltensweisen sind in der heutigen Zeit, gerade nach der Erfahrung der beiden Weltkriege, ganz offensichtlich nicht mehr gut und angepasst. Darin liegt etwas für die kulturelle Erklärung des Menschen Entscheidendes, was schon in dem obigen Schiller-Zitat durchschimmert, nämlich der kulturelle Entwicklungsgedanke, und zwar hier auf die Gesellschaft bezogen, die natürlich von Individuen getragen wird. Gibt es eine bis heute weiter andauernde Entwicklung des menschlichen Seins, und zwar nicht mehr als genetische Weiterentwicklung, sondern nun als evolutionäre geistig-kulturelle Entwicklung, die darin durch die Auseinandersetzung mit dem in den Genen verankerten animalischen Erbe definiert ist? Haben gerade die beiden Katastrophen des letzten Jahrhunderts etwas mit dieser kulturellen Entwicklung zu tun?

Bezogen auf die beiden Katastrophen des letzten Jahrhunderts würde das heißen, dass die Gesellschaft sich dadurch kulturell insofern weiterentwickelt hat, da der Rassismus heute von der Gesellschaft allgemein nicht mehr als etwas gottgleich Gegebenes und Reales angesehen und idealisiert wird (selbst Darwin war in diesem rassistischen Denken gefangen, vgl. Darwin 2002, Einleitung Christian Vogel S. XXVIII-XXIX), sondern dieses Verhalten und diese Ansicht wird heute von der Gesellschaft und ihren Normen allgemein kulturell und moralisch geächtet. Hierbei ist es heute weitgehend gelungen, diese in den Genen verankerten Verhaltensweisen in harmlose Bahnen abzuleiten, denn etwa die Begeisterung im sportlichen Wettkampf einer Fußballweltmeisterschaft gründet auf nichts anderen als diesen Instinkten.

Wie die zitierten Aussagen von Schiller und Darwin beweisen, hat diese Entwicklung, selbst wenn sie nur auf die Verhaltensweisen des Rassismus und Nationalismus bezogen wird, allerdings nicht erst mit dem Ersten Weltkrieg begonnen. Es ist vielmehr ein langwieriger Prozess, der mit nicht für möglich gehaltenen Rückfällen verbunden ist, und der angesichts des weiter existierenden Rechtsextremismus und Rassismus offensichtlich auch heute noch nicht abgeschlossen ist, von der allgemeinen kulturellen Entwicklung an sich ganz zu schweigen.

Grundsätzlich ist die evolutionäre geistig-kulturelle Entwicklung in dieser Weise dadurch definiert, dass manche angeborene Verhaltensweisen des Menschen durch die kulturelle menschliche Entwicklung selbst (größere, sesshafte, nicht mehr vom Jagen und Sammeln lebende Gemeinschaften usw.) zu unangepassten Verhaltensweisen werden, die dann jedoch nur kulturell berichtigt aber nicht mehr endgültig eliminiert werden können. Dabei besteht stets die Gefahr, dass sie trotz ihrer Unangepasstheit bei entsprechenden Bedingungen wieder durchbrechen. Die weitere grundsätzliche Frage dabei ist die, ob der Mensch weiterhin oft nur auf »animalische« Weise lernt, er also erst aufgrund von Katastrophen erkennt, dass bestimmte Verhaltensweisen nicht mehr passen und sie kulturell berichtigt werden müssen, oder ob er seine geistigen Fähigkeiten voll nutzen kann und er so unpassende Verhaltensweisen schon im Vorfeld auf humane Weise erkennen und berichtigen kann. Um das zu verwirklichen ist die evolutionäre Perspektive natürlich das ideale Werkzeug.

 

Im herkömmlichen Verständnis verstehen wir Geist und Kultur bis heute so, wie wir die Schöpfung vor Darwin verstanden haben: Geist und Kultur sind irgendwann einmal (für viele Menschen immer noch auf göttliche Weise) mehr oder weniger in einem Akt vollständig entstanden und wirken nun einfach unverändert in der Zeit. Dass Geist und Kultur genauso wie die Lebewesen selbst durch eine bis heute andauernde natürliche Entwicklung entstanden sind und somit auch unser vergangenes und heutiges Wirken und Verhalten unter evolutionären Gesichtspunkten zu betrachten ist, das können bzw. wollen wir bis heute allgemein nicht akzeptieren.

Somit verstehen wir auch die beiden Katastrophen des 20. Jahrhunderts ursächlich nicht unter einem evolutionären Entwicklungs- und Fortschrittsgedanken, nämlich konkret als Folgen einst »guter« und angepasster, aber aufgrund geänderter Lebensbedingungen nun unangepasster Verhaltensweisen, sondern als Grund für diese Katastrophen nehmen wir etwa das Attentat von Sarajevo an. Das ist in etwa so, als würden wir bei einem durch stetig steigenden Druck aufgeblasenen Ballon die größte Schwachstelle, an der er schließlich platzt, allein für das Platzen verantwortlich machen, aber nicht den stetig immer weiter steigenden Druck und dessen Ursachen.

Der »Druck« wurde hier verursacht durch die Konkurrenzsituation einander etwa gleichwertig gegenüberstehender Stämme oder Staaten, bei der schließlich „das Schwert entscheiden soll“ (Zitat des deutschen Kaisers). Eine zu früheren Zeiten völlig normale Situation, bei der es sich für den Sieg als sehr hilfreich erwies, die mit den heutigen Begriffen rassistische und nationalistische Erhöhung und Verklärung des eigenen Stammes oder Staates hervorzuheben und schließlich ins Extreme zu treiben. Das wurde und wird bei „Wilden“ vom Grundmuster des Verhaltens her nicht anders gehandhabt, wenn sie sich in einer Konkurrenzsituation und einem Krieg aufputschen und ihre eigene Überlegenheit demonstrieren und verklären. Diese Konkurrenzsituation mit ihrem immer weiter steigenden »Druck« wird dabei auf jeden Fall irgendwann und irgendwo zum »Platzen« führen, d.h. das Attentat von Sarajevo ist in der evolutionären Perspektive nur ein zufälliger Auslöser.

Das ist nur in einer Perspektive erkennbar, die die größeren und tieferen Zusammenhänge berücksichtigt, und die darin subjektiv und emotional sehr vertraute Verhaltensweisen relativieren und auch schon im Vorfeld als nicht mehr passend erkennen kann. Gibt es auch heute gerade unpassend werdende, sehr vertraute Verhaltensweisen, die trotz der wachsenden Probleme weiter idealisiert werden, so dass wir auf diese Weise die Situation vor hundert Jahre bezüglich des Rassismus und Nationalismus in etwa nachempfinden könnten? Hier sollte das durch die moderne Technik ermöglichte exzessive Macht- und Reichtumstreben kritisch hinterfragt werden, denn angesichts einem überbevölkerten und gleichzeitig begrenzten und von Ressourcenknappheit bedrohten Lebensraum Erde hat das materielle Wachstumsideal, bei dem alte Instinkte wie die nach Macht und Rang beteiligt sind, keine große Zukunft und wird gerade mehr und mehr zu einem unpassenden Verhalten.

»Linke« haben das zwar schon erkannt, jedoch in eher einseitiger, dogmatischer Weise, d.h. ohne die einst nützliche Seite dieser Verhaltensweise im Gesamtzusammenhang der Evolution zu erkennen, während »Rechte« genauso dogmatisch an dieser so vertrauten und bewährten Verhaltensweise festhalten. Mit den Fähigkeiten des menschlichen Geistes und Abstraktionsvermögens im Zusammenhang mit der evolutionären kulturellen Entwicklung des menschlichen Seins könnte nicht nur diese problematische Verhaltensweise an sich, sondern auch die Auseinandersetzung darum schon im Vorfeld umfassend erkannt und so geistig-kulturell gelöst und berichtigt werden – oder es wird erst wieder durch eine dadurch herbeigeführte Katastrophe einsichtig, dass diese Verhaltensweisen unter den heutigen Bedingungen nicht mehr passen.

Die evolutionäre Perspektive ermöglicht nicht nur die geistige und darin »menschliche« Lösung der Probleme und Entwicklungen schon im Vorfeld, während eine kurzsichtigere Perspektive erst durch die von unpassenden Verhaltensweisen verursachte Katastrophe auf diese eher animalische Weise erkennt, dass diese Verhaltensweisen trotz ihrer Vertrautheit nicht mehr passen. Die evolutionäre Perspektive vermittelt zudem erst, dass eine in evolutionären Maßstäben langfristige geistig-kulturelle oder soziale Entwicklung überhaupt stattfindet. Denn gerade in den letzten ca. 200 Jahren hat in unserer alltäglichen Perspektive eine geistig-kulturelle und soziale Entwicklung gar nicht stattgefunden und findet auch weiterhin nicht statt, Entwicklung kennen wir nur als materiell-technische Entwicklung, aber nicht als Entwicklung des Menschen in seinem geistig-kulturellen Sein. Dieses starre Verständnis des geistig-kulturellen menschlichen Seins hat die göttliche Schöpfungsvorstellung bei Vielen völlig bewusst und bei Anderen wohl unbewusst noch fest im Griff.

 

Der entscheidende Aspekt dazu, diese beiden Katastrophen des letzten Jahrhunderts als (durchaus vermeidbaren) Teil des „beständigen Fortschritts“ der menschlichen Entwicklung von Geist und Kultur zu verstehen, liegt also zunächst darin, Geist und Kultur überhaupt in einer evolutionären Perspektive zu sehen und zu verstehen und damit sich schließlich auch über die aktuellen, geradezu explosiven Veränderungen evolutionsrelevanter (Lebens)Bedingungen, wie etwa der Bevölkerungsexplosion in unserem begrenzten Lebensbereich, bewusst zu werden. Hier gilt somit in gleicher Weise folgende Erkenntnis von Darwin, die er leider nur auf die Evolution der Lebewesen anwendete, nicht aber auf die Evolution des geistig-kulturellen Seins beim Menschen: „Wer nicht gleich einem Wilden damit zufrieden ist, die Naturerscheinungen als unzusammenhängende Geschehnisse zu betrachten, der kann nicht länger mehr glauben, daß der Mensch seinen Ursprung einem separaten Schöpfungsakt verdanke (Darwin 2002, S. 263).“ Auch das geistig-kulturelle Sein des Menschen ist nicht in einem einmaligen göttlichen Schöpfungsakt entstanden, auch diesem Sein liegt eine vollkommen natürliche Entwicklung zu Grunde, die nicht nur bis heute andauert, sondern die momentan geradezu explodiert und darin vor immer riesigeren Herausforderungen steht.

In dieser das geistig-kulturelle Sein des Menschen berücksichtigenden evolutionären Perspektive sind dann auch die Religionen, die bis heute noch weitgehend unser »altes« Selbst- und Weltverständnis prägen, nicht einfach als Irrweg zu verstehen, sondern sie selbst sind als einst wichtiger Teil der evolutionären geistig-kulturellen Entwicklung des Menschen zu sehen! Es ist daher kein Zufall, dass die Religionen schon früh die unpassend gewordenen Verhaltensweisen des Mensch, wie besonders den Fremdenhass und das materielle Reichtum- oder Machtstreben, als unpassend erkannten und dementsprechend ächteten, sondern das ist vielmehr ein Hinweis darauf, wie die Religionen vollkommen natürlich entstanden sind und welche Rolle und Aufgabe ihnen in der Evolution des menschlichen Sein zukam.

Der »Umweg« über die emotional bedingte Vorstellung übernatürlicher Wesen und Kräfte war nicht nur wirksam und nützlich für die Entwicklung des menschlichen Seins, sondern es war gar kein »Umweg«, d.h. es war auf dem früheren Entwicklungsstand des Menschen nur auf diese Weise möglich, das menschliche Verhalten bestmöglich anzupassen (selbst heute reichen Verstand und Vernunft allein oft nicht dazu aus, das Verhalten des Menschen zu ändern). In der modernen Welt erweist sich die emotional bedingte Vorstellung übernatürlicher Wesen und Kräfte jedoch als unzureichend und wird in der globalisierten Welt selbst zu einem mehr und mehr unpassenden Verhalten. Erst und nur die evolutionäre Perspektive kann die vielfältigen Widersprüche und Spaltungen der Religionen mit ihrem Glauben an übernatürliche, magische Wesen und Kräfte in einem dadurch einheitlichen Weltbild vollständig und tiefgründig auflösen.

Doch von diesem evolutionären (Selbst)Verständnis und der dadurch ermöglichten geistigen Lösung und Aufklärung ist der Mensch allgemein noch weit entfernt. Nur im technisch-materiellen Bereich mit dem Entstehen der modernen Naturwissenschaft als radikale Abkehr von allen übernatürlichen Erklärungen ist der geistige Fortschritt als Aufklärung mit überwältigendem Erfolg bisher gelungen – und hat dadurch wieder neue Herausforderungen geschaffen. Neben diesem technisch-materiellen Bereich glaubt der Mensch jedoch immer noch an übernatürliche, magische Wesen und Kräfte, über die er bis heute sein geistig-kulturelles Sein definiert und begründet, und zwar als starres Verständnis entstanden in einem einmaligen göttlichen Schöpfungsakt vor langer Zeit, nicht aber als rein natürliches, dynamisches Verständnis, in dem es sich auch im Hier und Jetzt weiterentwickelt. Das ist der gegenwärtige evolutionäre Entwicklungsstand des Menschen. Wir befinden uns tatsächlich erst mitten in einem „Tier-Mensch-Übergangsfeld“, wie Hoimar von Ditfurth es einmal nannte.

Kennzeichnend für diesen gegenwärtigen geistig-kulturellen Entwicklungsstand ist die nach wie vor gewalttätige und hasserfüllte Situation im sogenannten »Heiligen Land« dreier großer Weltreligionen. Dieser Glaube, der dem Menschen in einer bestimmten Phase seiner völlig natürlichen Entwicklung einst weiterhalf, steht ihm unter den heutigen Lebensbedingungen einer globalisierten und übervölkerten Welt im Weg, wobei der Mensch selbst in diesem »Heiligen Land« versucht, seine Probleme wie die Tiere mit Gewalt zu lösen. Das offenbart gerade an diesem Ort das vollständige Versagen dieser einst sinnvollen Verhaltensweise des Glaubens an übernatürliche Wesen und Kräfte.

Hier bedarf es analog zur modernen Naturwissenschaft einer weiteren Aufklärung, um so zu einer sozusagen »modernen Geisteswissenschaft« zu gelangen, mit der der Mensch seine Probleme und damit auch seine eigene weitere Entwicklung als geistig-kulturelles Wesen vor allem nicht mehr wie die Tiere mit Gewalt zu lösen sucht, sondern mit der den Menschen evolutionär erst definierenden Eigenschaft des Geistes. Das ist in der evolutionären Perspektive das stetig gestiegene, wahre Wachstumsideal des Menschen, in dem auch nur seine Zukunft liegen kann, nicht dagegen im materiellen Wachstum, so verführerisch das auch unter den heutigen technischen Möglichkeiten ist.

Mit diesem geistigen Potential hätte es auch schon vor hundert Jahren nicht nur bei einzelnen Individuen wie Schiller und Kant zu einer Einsicht in die Unangepasstheit derjenigen Verhaltensweisen kommen können, die einst, d.h. zu archaischen oder gar animalischen Zeiten des Menschen, sehr sinnvoll waren. Leider geschah diese Verhaltensanpassung nicht bewusst und direkt auf der den Menschen erst definierenden Ebene des Geistes, also durch kulturelle oder moralische Ächtung, sondern unbewusst und indirekt auf der Ebene des Tieres über Gewalt und (Welt)Kriege.

 

Die eigentliche Ursache der beiden Weltkriege liegt somit nicht in irgendwelchen Ereignissen wie dem Attentat von Sarajevo, sondern sie liegt in einer evolutionären Perspektive in einem falschen und starren, oftmals noch an magische übernatürliche Vorgänge gebundenen Selbstverständnis des Menschen, das die eigentlichen natürlichen und darin evolutionären Ursachen seines (Fehl)Verhaltens verdeckt und vernebelt. Um hier zu einem entscheidenden Fortschritt zu gelangen, müsste der Mensch insbesondere sein Selbstverständnis vollständig von dem emotional geprägten religiösen Weltbild lösen und es stattdessen im Bewusstsein seines animalischen Erbes ganz in die Evolutionstheorie einbinden. Dadurch würde der Mensch erst erkennen, dass auch sein geistiges Sein als solches nicht etwas ist, das vor langer Zeit in einem göttlichen Schöpfungsakt fertig und vollkommen geschaffen wurde und das seitdem einfach so in der Zeit mit einigen zufällig geschehenen Katastrophen und Problemen existiert. Auch das menschliche Selbstverständnis und seine Kultur ist vielmehr etwas, das sich bis heute und gerade heute als geistig-kulturelle Entwicklung in einem großen evolutionären Werden und Umbruch befindet.

 

 

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