Zwei Extremfälle der aktuellen Evolution des Menschen

Dem Verständnis von Konrad Lorenz nach ist die geistige Ebene des Menschen als eigenständige und eigengesetzliche „Schicht“ zu verstehen. Die neuronalen Abstraktionen bestimmen auf dieser Ebene nicht nur das Verhalten des Individuums, sondern als religiöse, politische, (natur)wissenschaftliche usw. Ideen auch das Zusammenleben und die Struktur der Gesellschaften – allerdings im Zusammenspiel mit der emotionalen Ebene als Verhaltenssteuerung unseres animalischen Erbes, das als darunterliegende „Schicht“ ja genetisch verankert und insofern weiter wirksam ist.

Von dieser Perspektive her lassen sich aktuell zwei Extremfälle der durch diese beiden Ebenen oder Schichten bedingten Entwicklung festmachen. Einerseits ist das der Biologe E. O. Wilson, der die »Idee« der Soziobiologie erst prägte, dann aber durch das Ideal der modernen Wissenschaft, die laufende Selbstkritik, eine Kehrtwende machte (oder war das durch seine „genetische Fitness“ bedingt?) In dieser Kehrtwende entzieht Wilson der Soziobiologie das Fundament wieder, besonders durch die Aussage in seinem jüngsten Buch: „Das alte Paradigma der sozialen Evolution, das nach vier Jahrzehnten fast schon Heiligenstatus genießt, ist damit ge­scheitert. Seine Argumentation von der Verwandtenselektion als Prozess über Hamiltons Ungleichung als Bedingung für Kooperation bis zur Gesamtfitness als darwinschem Status der Koloniemitglieder funktioniert nicht.“ Hier liegt insofern der Idealfall der geistigen Entwicklung vor, da sozusagen schon in der »internen«, selbstkritischen »Selektion« der neuronalen Abstraktionen, ungeachtet emotionaler Aspekte von Ruf und Rang, eine Anpassung vorgenommen wurde. Entscheidend für das Ideal ist dabei zunächst, dass überhaupt eine laufende Selbstkritik und damit die Möglichkeit der weiteren Entwicklung auf der geistigen Ebene stattfindet und es nicht von einer diese geistigen Entwicklungen und Anpassungen hemmenden genetischen Perspektive her verstanden wird oder wie in der Religion emotional-dogmatisch an einer bestimmten Idee festgehalten und jede Kritik daran verteufelt wird.

Das andere Extrem der weiteren menschlichen Entwicklung findet sich aktuell in Syrien. Auseinandersetzungen verschiedener Ideenentwürfe zum Zusammenleben der Menschen finden auf der geistigen Ebene überhaupt nicht mehr statt, ganz zu schweigen von einer »internen« Auseinandersetzung oder Selbstkritik. Hier ist es geradezu das Ziel, diese geistigen Auseinandersetzungen als Kritik und die Vielfalt auf der geistigen Ebene zu unterbinden oder gleichzuschalten. Eine menschliche Gesellschaft wird so wie eine Tiergruppe von einem Rudelführer geführt. Dadurch kommt hier letztlich wieder vollständig die animalische Form der Auseinandersetzung zum Tragen, die Gewalt, die das prägende Kennzeichen der genetischen Selektion ist.

e-max.it: your social media marketing partner

Anmeldung mit eMail-Adresse oder Benutzername