Schillers geschichtliche Sicht auf die Entwicklung des Menschen in evolutionärer Perspektive

Schillers geschichtliche Sicht auf die Entwicklung des Menschen

in evolutionärer Perspektive

In seiner Antrittsvorlesung als Historiker betrachtete Schiller seine Zeit vor dem Hintergrund der bis dahin bekannten geschichtlichen und kulturellen Entwicklung des Menschen und sah darin das teilweise schon verwirklichte Ziel, „unser menschliches Jahrhundert herbeizuführen“. Doch Schiller verstand das nicht als ein Ziel, das der Mensch selbst bewusst, gradlinig und kontrolliert verfolgt, sondern Schiller leitete es aus Naturgesetzlichkeiten ab. Die gut 100 Jahre nach Schiller ausgebrochenen beiden großen menschlichen Katastrophen des letzten Jahrhunderts widersprechen daher Schillers Deutung keineswegs, sondern bestätigen vielmehr die grundlegende Systematik, die er in der weiterhin offenen menschlichen Entwicklung sah. Schillers auf Naturgesetzlichkeiten beruhende Systematik findet bis heute ihre Berechtigung, einerseits indem sie entgegen auch dem heutigen Selbstverständnis die weiter fortdauernde und offene Entwicklung des Menschen überhaupt bewusst werden lässt, und andererseits dadurch, indem sie sich darin recht problemlos von einer geschichtlichen in eine evolutionäre Perspektive überführen lässt.

 

 

 

In seiner Antrittsvorlesung als Historiker („Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“) stellte Schiller 1789 die Frage: „Welche Zustände durchwanderte der Mensch, bis er von jenem Aeußersten zu diesem Aeußersten, vom ungeselligen Höhlenbewohner – zum geistreichen Denker, zum gebildeten Weltmann hinauf stieg?“

Schiller beschrieb dabei, entsprechend den Reisebeschreibungen seiner Zeit über entdeckte „Wilde“, dass diese Wilden „ohne das Eisen, ohne den Pflug, einige sogar ohne den Besitz des Feuers“ waren, andere, obwohl schon etwas höher entwickelt, durch „Knechtschaft und Despotismus“ immer noch ein schauderhaftes Bild boten. Einerseits waren diese Wilden durch „Sklaverei, Dummheit und Aberglauben“ niedergebeugt, doch auch im anderen Extrem dazu, nämlich einer „gesetzlosen Freiheit“, lebten sie im Elend. „Krieg hingegen war bei allen“. Dann stellte Schiller fest: „So waren wir. Nicht viel besser fanden uns Cäsar und Tacitus vor achtzehnhundert Jahren.“

 Die Kultivierung und Zivilisierung geschah nach Schiller einerseits durch Fleiß und Geschicklichkeit etwa in der Bearbeitung des Bodens und der Landschaft, auch durch den Austausch mit dem Orient, „Westindien und dem Südmeere“. Doch der eigentliche Eintritt in die zivilisierte Gesellschaft war für Schiller an eine Verhaltensänderung gebunden, und zwar herbeigeführt durch „weise Gesetze“ und die „sanftere Herrschaft der Verträge“. Denn hierin hatte der Mensch nach Schillers Worten „die Freiheit des Raubthiers hingegeben, um die edlere Freiheit des Menschen zu retten“. „Das Gesetz wacht über sein Eigenthum“ und dadurch galt erst: „Ein heiterer Himmel lacht jetzt über Germaniens Wäldern, welche die starke Menschenhand zerriß und dem Sonnenstrahl aufthat, und in den Wellen des Rheins spiegeln sich Asiens Reben. An seinen Ufern erheben sich volkreiche Städte, die Genuß und Arbeit in munterm Leben durchschwärmen. Hier finden wir den Menschen in seines Erwerbes friedlichem Besitz sicher unter einer Million, ihn, dem sonst ein einziger Nachbar den Schlummer raubte.“

 Diese Kultivierung und Zivilisierung besaß dann schon für Schiller eine globale Dimension: „Welche rege Thätigkeit überall, seitdem die vervielfältigten Begierden dem Erfindungsgeist neue Flügel gaben und dem Fleiß neue Räume aufthaten! – Die Schranken sind durchbrochen, welche Staaten und Nationen in feindseligem Egoismus absonderten. Alle denkenden Köpfe verknüpft jetzt ein weltbürgerliches Band“. Schiller machte daraufhin eine Aussage, die heute für uns höchst aktuell ist, aber er formulierte sie zu seiner Zeit noch sehr vorsichtig: „Die europäische Staatengemeinschaft scheint in eine große Familie verwandelt. Die Hausgenossen können einander anfeinden, aber hoffentlich nicht mehr zerfleischen.“

Wie sich später gezeigt hat, war diese vorsichtige Formulierung sehr angebracht. Die „Hausgenossen“ haben sich ein gutes Jahrhundert nach dieser Aussage nicht nur in nie dagewesener Weise zerfleischt, sondern Schillers eigene sogenannte Kulturnation ist dabei so gut wie geschlossen in die Barbarei eines „Höhlenbewohners“ zurückgefallen, die darin mit Menschlichkeit und Kultur nicht mehr viel zu tun hatte.

Wie konnte das geschehen? Wie konnte der Mensch, wenn er sich bewusst und willentlich vom Höhlenbewohner zum geistreichen Denker und gebildeten Weltmann entwickelt haben sollte, wieder so schnell und so weit zurückfallen? Die bei Schiller zu findende Antwort auf diese Fragen ist ganz einfach: Der Mensch hat sich gerade nicht bewusst und willentlich dahin entwickelt. Das Verhältnis des subjektiven Mensch-Seins zu seiner weiteren objektiven Entwicklung beurteilte Schiller anders als es bis heute unserem Selbstverständnis entspricht. Dieses Verhältnis ist bei ihm nicht durch einen Gleich- oder Einklang geprägt, in dem sich der Mensch vorausschauend, bewusst und willentlich entwickelt, sondern viel eher durch einen Widerspruch. Ist sich der Mensch heute darüber bewusst, wie er sich entwickelt, ja dass er sich überhaupt weiter entwickelt? Inwieweit haben wir heute unser „menschliches Jahrhundert“ herbeigeführt?

 

Schiller sah zwar eine fortlaufende, systematische Entwicklung im Mensch-Sein, die aber in dieser Stetigkeit und Systematik nicht direkt und bewusst durch den Menschen selbst bestimmt wird. Für Schiller besaß der Mensch als solcher mitsamt seinen Meinungen nur eine flüchtige Existenz, daher schrieb er der Geschichte als „unsterbliche Bürgerin aller Nationen und Zeiten“ die eigentliche Rolle zu, die für die systematische Entwicklung des Menschen steht: „Wie regellos auch die Freiheit des Menschen mit dem Weltlauf zu schalten scheine, ruhig sieht sie dem verworrenen Spiele zu; denn ihr weitreichender Blick entdeckt schon von ferne, wo diese regellos schweifende Freiheit am Bande der Notwendigkeit geleitet wird.“ Der Menschheit kann die Geschichte dabei offenbaren, „daß der selbstsüchtige Mensch niedrige Zwecke zwar verfolgen kann, aber unbewußt vortreffliche befördert.“

Schiller konkretisierte dann genauer das systematische Verhältnis der den Maßstab für Entwicklung, Glückseligkeit und Verdienst liefernden Geschichte des Menschen zu der dazu gegensätzlichen Rolle des seinen Begierden folgenden Mensch-Seins: „Indem sie das feine Getriebe aus einander legt, wodurch die stille Hand der Natur schon seit dem Anfang der Welt die Kräfte des Menschen planvoll entwickelt und mit Genauigkeit andeutet, was in jedem Zeitraume für diesen großen Naturplan gewonnen worden ist: so stellt sie den wahren Maßstab für Glückseligkeit und Verdienst wieder her, den der herrschende Wahn in jedem Jahrhundert anders verfälschte.“

Demokratie und Menschenrechte sind daher nicht deswegen eingeführt worden, weil weise Menschen und Intellektuelle sich das einmal ausgedacht haben und alle anderen das aus Vernunft, Denken und Einsicht heraus sofort akzeptierten und einführten. Wie besonders an dem bis heute verehrten Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt zu erkennen ist, sind Demokratie und Menschenrechte im 19. Jahrhundert auch von der geistigen Elite als Irrweg verteufelt und stattdessen damals noch Nationalismus, Rassismus und Kriegsverherrlichung allgemein verklärt worden. Erst nachdem sich in dem Wahn der beiden Katastrophen des letzten Jahrhunderts diese uralten Verhaltensweisen des Menschen unter den modernen Lebensbedingungen konkret erfahrbar als völlig unangepasst und überholt erwiesen haben, konnten sich Demokratie und Menschenrechte etablieren und werden erst heute allgemein als kultureller und geistiger Fortschritt des Menschen verstanden – trotz der geschehenen Katastrophen aber bis heute immer noch nicht von allen Menschen! Trotz des Wahns und der dadurch ausgelösten Katastrophen halten viele Menschen immer noch mehr oder weniger offen an den alten Werten fest, und sehen weiterhin darin „den wahren Maßstab für Glückseligkeit und Verdienst“.

In genau dieser Weise galt allgemein und eben systematisch für Schiller: „Unser menschliches Jahrhundert herbeizuführen haben sich – ohne es zu wissen oder zu erzielen – alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt.“

 

Dass diese Entwicklung zum Humanen hin durch die Naturgesetzlichkeiten „am Bande der Notwendigkeit geleitet wird“, könnte oder sollte auch dem modernen, evolutionären Verständnis entsprechen. Denn gerade der Wahn des letzten Jahrhunderts hat für alle sichtbar und erfahrbar gezeigt, dass bestimmte Verhaltensweisen und Wertvorstellung, die zu früheren Zeiten angepasst und »gut« waren, unter den Bedingungen des modernen Menschen nicht mehr passen. Die Moral selbst erweist sich hier als relativ und ruht letztlich auf Naturgesetzlichkeiten, oder wie Schiller es ausdrückte, einem „großen Naturplan“.

Den kulturellen Fortschritt sah und maß Schiller nicht an den Meinungen der Menschen, sondern „an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet, unser fliehendes Dasein zu befestigen“. Denn: „Der Mensch verwandelt sich und flieht von der Bühne; seine Meinungen fliehen und verwandeln sich mit ihm: die Geschichte allein bleibt unausgesetzt auf dem Schauplatz, eine unsterbliche Bürgerin aller Nationen und Zeiten.“ Interessant ist es heute, diese Geschichte zur Evolution auszuweiten und in der evolutionären Perspektive jenseits der Meinungen der Menschen so zu fragen, worin eigentlich etwa der Fortschritt der Demokratie liegt und ob die Ereignisse und die jüngsten und aktuellen Entwicklungen des Menschen auch in einer evolutionären Systematik erkannt und gefasst werden können. Dann wäre die Evolution des Menschen etwas, das nicht in einer fernen Vergangenheit einmal stattgefunden hat, sondern das im Hier und Jetzt weiterhin stattfindet und fortschreitet. Welche Bedeutung kommt der Demokratie in der evolutionären Perspektive zu?

 Im evolutionären Verständnis ist der Mensch zunächst dasjenige Tier, dem Geist und Kultur durch eine neue natürliche Besonderheit der evolutionären Entwicklung praktisch aufgepfropft wurde. Die instinkthafte, angeborene und darin genetisch verankerte Verhaltenssteuerung ist dabei nicht verschwunden, sie wird vielmehr durch die neue, gelernte geistige Verhaltenssteuerung mehr und mehr überlagert. Der Mensch ist somit nicht wie im religiösen Weltbild und dem dadurch geprägten Bewusstsein und Selbstverständnis in einem einmaligen Akt fertig und vollkommen erschaffen worden, sondern im evolutionären Verständnis ist die Menschwerdung ein Prozess, der bis heute andauert, oder, wie Hoimar von Ditfurth es ausdrückte, wir befinden uns erst „mitten in einem Tier-Mensch-Übergangsfeld“ und haben das wahre Mensch-Sein noch lange nicht erreicht.

Der »Motor« der alten evolutionären Entwicklung bestand in der Veränderung der Gene durch Mutation und Selektion und diese Selektion geschah in der Regel durch Gewalt und Tod. Doch die Entwicklung im Mensch-Sein funktioniert anders. Sie sollte vom neuen Wesen des Mensch-Seins her idealerweise nicht mehr durch das Wirkmittel dieser alten, animalischen evolutionären Entwicklung bestimmt werden, also durch Gewalt, sondern allein durch das Neue, Aufgepfropfte, das das Mensch-Sein in der Evolution exklusiv definiert und auszeichnet, nämlich Geist und Vernunft. Genauso wie die genetische Evolution neue, angepasste Verhaltensweisen über Mutation und Selektion der Gene durch Gewalt und Tod entwickelte, sollte die geistig-kulturelle Evolution des Menschen neue, angepasste Verhaltensweisen allein durch neue Ideen auf rein geistige Weise entwickeln.

Grundsätzlich kann dieser geistige Prozess durchaus mit dem von Mutation und Selektion verglichen werden, nur dass es jetzt nicht um Gene, sondern um Ideen geht. Neue Ideen als Arten und Variationen des Zusammenlebens setzten sich jedoch bis heute (wie aktuell in den arabischen Ländern) entweder direkt oder, wie im Fall unserer Demokratieeinführung, indirekt durch Gewalt durch. Die Demokratie ist gegenüber dieser Gewaltbeteiligung die sozusagen reine Form des Zusammenlebens und der Weiterentwicklung, die es ermöglicht, dass sich neue Ideen auf rein geistige und humane Weise finden und durchsetzen, also ganz ohne die animalische Art der Auseinandersetzung. Im evolutionären Verständnis hat Demokratie daher direkt etwas mit dem eigentlichen Wesen des Menschen und dessen Wachsen und Verwirklichung zu tun, und zwar in der fortlaufenden Auseinandersetzung mit seinem animalischen Erbe. Dass bis heute in den menschlichen Auseinandersetzungen immer noch Gewalt im Spiel ist, ist ein Indikator dafür, wo wir uns im „Tier-Mensch-Übergangsfeld“ befinden.

In der gängigen Definition bedeutet Demokratie »Volksherrschaft«, obwohl das Volk wie bei uns gar nicht selbst direkt herrscht, sondern nur indirekt in den von Zeit zu Zeit stattfindenden Abstimmungsprozessen an der Herrschaft beteiligt ist. In diesem Verständnis kann der Begriff »Volksherrschaft« dann auch auf eine Diktatur angewendet werden, da es auch hier in mehr oder weniger großen Abständen zu »Abstimmungsprozessen« kommt, an denen sich jeder, also im Grunde das gesamte Volk, beteiligen kann, egal ob als gewaltsamer Umsturz oder als Bürgerkrieg. Nur ist das Mittel der »Abstimmung« bei dieser Art der »Volksherrschaft« eben die Gewalt bzw. das archaische und animalische Recht des Stärkeren.

Das eigentliche Wesen der Demokratie besonders im evolutionären Verständnis besteht daher nicht darin, dass alle Menschen an der Herrschaft (im evolutionären Verständnis als Weiterentwicklung der Gesellschaft) beteiligt sind, sondern dass der Prozess der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, der im Grunde ja wie schon in der bisherigen Evolution kein anderes Ziel hat als die Weiterentwicklung hier nun des Menschen und der Gesellschaft, von der animalischen Ebene der Gewalt vollständig auf die geistige Ebene des Menschen gehoben wird. Das ist besonders im evolutionären Verständnis das eindeutige Unterscheidungsmerkmal und der eigentliche Wesenszug der Demokratie, der darin dem eigentlichen Wesen des Menschen entspricht. Eine Demokratie, in der mit der körperlichen Stärke oder allgemein mit Gewalt »abgestimmt« würde, selbst wenn das wie im Sport geregelt und kultiviert ablaufen würde, ist nicht denkbar, schon allein deshalb nicht, weil zur weiteren Entwicklung nicht mehr die größte körperliche Stärke gefunden werden soll, sondern gemäß dem eigentlichen Wesen des Menschen die besten Ideen. Erst wenn diese sich allgemein rein durch die Vernunft anstatt durch Gewalt finden und durchsetzen, wäre der entscheidende Schritt der Emanzipierung des Mensch-Seins und der humanen Weiterentwicklung vollzogen.

Auch die von Schiller genannten Gesetze und Verträge, durch die der Mensch die „Freiheit des Raubthiers“ zugunsten der „edleren Freiheit des Menschen“ hingibt, sind in diesem Sinne ebenfalls schon ein erstes Ersetzen der animalischen, gewalttätigen Art des Zusammenlebens und der Weiterentwicklung durch die geistige und darin humane Art. Die Demokratie etabliert diese Entwicklung endgültig und vollständig und ist so als rein geistige Auseinandersetzung zur Bestimmung der weiteren Entwicklung im evolutionären Verständnis ein ganz entscheidender Durchbruch in dem weiter andauernden natürlichen Menschwerdungsprozess.

 

Haben wir heute durch die weitgehende (nationale) Einführung der Demokratie dieses von Schiller als Ziel genannte „menschliche Jahrhundert“ endlich umfassend und endgültig herbeigeführt und gesichert – oder wird das eigentliche Ziel auch in diesem Jahrhundert von einem herrschenden Wahn verfälscht?

Wenn der Mensch in Übereinstimmung mit seiner bisherigen stetigen Entwicklung in der Geschichte und in der Evolution seine weitere geistige und kulturelle Entwicklung (selbst)bewusst, vernünftig und kontrolliert im Sinne seines eigentlichen, geistigen Wesens in seiner zweigeteilten Natur bestimmen würde oder könnte, müsste er konsequenterweise die demokratischen und darin wesenhaft geistigen Strukturen des Zusammenlebens und der Weiterentwicklung auch auf der globalen Ebene verwirklichen und somit vor allem die animalische Art der Auseinandersetzung mittels Gewalt endgültig beenden, erst recht, da heute stets die Gefahr besteht, dass diese Auseinandersetzungen mit Massenvernichtungswaffen geführt werden. Ansätze zu demokratischen Strukturen sind zwar auf der globalen Ebene in Form der UN als Folge der letzten menschlichen Katastrophen sogar schon vorhanden - mehr aber auch nicht. Der Mensch verfolgt die demokratischen Strukturen auf der globalen Ebene nicht weiter als Ziel, was zeigt, dass die Demokratie keine wirkliche Überzeugung bei ihm ist, sondern nach Schiller eher nur eine flüchtige Meinung, die mit ihm flieht und sich verwandelt.

Die diesem Mangel an Kultur und Humanität zugrundeliegende Ursache geht einher mit einem in der evolutionären Perspektive mangelhaften Selbstverständnis des Menschen. Er sieht (noch) nicht im eigentlichen Wesen seines Seins den Sinn und das Ziel seines Lebens, also in Form von geistig-kulturellen Werten, sondern vielmehr sieht er seinen Lebenssinn in einem immer exzessiveren Sammeln von materiellen Werten und den damit zusammenhängenden animalischen Werten und Instinkten von Macht und Rang. Insbesondere in einer deregulierten Wirtschaft verwechselt der Mensch die „Freiheit des Raubthiers“ mit der „edleren Freiheit des Menschen“, die aufgrund der zweigeteilten Natur des Menschen stets durch „weise Gesetze“ kultiviert und garantiert werden muss. Erst dann kann das eigentliche Mensch-Sein darin weiter wachsen und sein eigentliches Ziel finden, und zwar in geistig-kulturellen Werten und nicht in materiellen. Diese Irrung und dieser Wahn ist der Grund dafür, dass zwar in den einzelnen Staaten die Demokratie verwirklicht wurde, aber nicht in den Beziehungen dieser Staaten auf der globalen Ebene. Die auf der globalen Ebene weiterhin wirkende animalische „Raubtierfreiheit“ ermöglicht die Befriedigung dieser alten Werte und Instinkte ganz natürlich viel effektiver und entspricht ja auch vom Wesen her genau diesen alten Werten und Instinkten als die „edlere Freiheit“ des Menschen, die erst durch Regeln, Gesetze, Verträge und demokratische Strukturen gewährt und gesichert wird und darauf aufbauen kann.

 An den Problemen des modernen Menschen, die durch seine Ausrichtung auf die materiellen Werte in einem überbevölkerten und begrenzten Lebensraum verursacht sind, lässt sich in einer evolutionären Perspektive jetzt schon erkennen, dass auch die weitere Entwicklung des Geistigen und Kulturellen nicht etwas Willkürliches oder rein Ästhetisches ist. Sie beruht auf den Naturgesetzlichkeiten und entsprechend wird auch heute weiterhin letztlich die „regellos schweifende Freiheit am Bande der Notwendigkeit geleitet“. Da der Mensch sich seines eigentlichen Wesens in seiner zweigeteilten Natur und der weiteren Entwicklung dessen nicht bewusst ist, wird diese weitere Entwicklung nicht (selbst)bewusst durch seine Geistigkeit und Vernunft geleitet, sondern wie noch in der alten, animalischen Evolution durch materielle Notwendigkeiten, also letztlich Katastrophen. So bleibt die weitere Kultivierung wie bisher immer noch ein unbewusstes Flickwerk im Nachhinein eines Wahns.

 

Kant argumentierte in derselben Richtung wie Schiller, wobei er in dem folgenden einen Halb-Satz seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ nicht nur den entscheidenden Umstand in der bisherigen und weiteren kulturellen Entwicklung des Menschen klar und eindeutig beim Namen nannte, sondern sogar das Wesen und Problem des evolutionär verstandenen Mensch-Seins prägnant im Kern trifft: „Bey der Bösartigkeit der menschlichen Natur, die sich im freyen Verhältnis der Völker unverholen blicken läßt (indessen daß sie im bürgerlich-gesetzlichen Zustande durch den Zwang der Regierung sich sehr verschleyert)“.

Die natürliche Wurzel und Grundlage des Menschen ist sein genetisch verankertes animalisches Erbe, das er zu verleugnen oder verschleiern sucht. Daher gilt die Grundregel, dass sich erst aufgrund kultureller Regeln und Strukturen, die das animalische Erbe bändigen, das eigentliche, geistige Mensch-Sein entwickeln und wachsen kann. Doch wenn oder soweit diese Regeln und Strukturen fehlen oder nicht beachtet werden, blickt sofort wieder die animalische Wurzel der menschlichen Natur als unter den humanen Bedingungen Unangepasstes, „Böses“ oder „Wahn“ unverhohlen hervor. Diese Besonderheit der zweigeteilten menschlichen Natur, die Schiller und Kant auch ohne Evolutionstheorie erkannt haben, erklärt die Widersprüche, Irrungen und Rückfälle der menschlichen Entwicklung.

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