Der Geschichtsverlauf der letzten ca. 200 Jahre aus zwei verschiedenen Perspektiven

Ganz nach der interdisziplinären Ausrichtung der Liste »Menschliches Verhalten in evolutionärer Perspektive« möchte ich ein aktuelles Problem der Geschichts- und Kulturwissenschaft anhand der Rezension eines Buches behandeln und dabei die Frage aufwerfen, ob dieses Problem als jüngste und aktuelle Entwicklung menschlichen Verhaltens nicht im Rahmen einer evolutionären Perspektive, und zwar als weitergehende Evolution beim Menschen, betrachtet und dadurch vielleicht sogar gelöst werden kann.

 

 

Bei diesem Problem in der Geschichts- und Kulturwissenschaft geht es um den Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (1818-1897) mit seinen Aussagen zu Mensch und Gesellschaft, die wir heute allgemein mit dem darin enthaltenen Rassismus, Nationalismus, der Kriegsverherrlichung und der Demokratiefeindlichkeit als rechtsextrem einordnen würden. Mit dieser Gesinnung stand Burckhardt zu seiner Zeit nicht alleine da, er kann vielmehr darin als typischer wissenschaftlicher und intellektueller Vertreter seiner Zeit gelten.

Zu einem richtigen Problem wird Burckhardt für die Geschichts- und Kulturwissenschaft jedoch erst dadurch, dass sein Werk mit dem darin enthaltenen rechtsextremen Gedankengut bis heute weiterhin eine uneingeschränkte und kritiklose Verehrung erfährt. Nur wenige wie der Schweizer Historiker Aram Mattioli prangern das an. So vertritt Mattioli in seinem Essay „Jacob Burckhardt und die Grenzen der Humanität“ (Weitra 2001) über das Werk Burckhardts mit dem darin enthaltenen Antisemitismus die Auffassung, „dass die das Feld bislang beherrschenden Geistes- und Ideenhistoriker das Problem nicht in seiner vollen Tragweite erfasst und es durch eine ganze Reihe von Relativierungsargumenten bis zur Unkenntlichkeit verwässert haben“ (Mattioli, Jacob Burckhardt und..., S. 51). Mattioli nennt hier vor allem den führenden Biographen Burckhardts, Werner Kaegi, der alle diejenigen als „Fälscher“ bezeichnet, die Burckhardts judenfeindliche Äußerungen in einen Zusammenhang mit dem Antisemitismus der Nazis bringen. Mattioli schreibt dazu weiter:

Werner Kaegis apodiktisches Verdikt steckte eine hermetisch gesicherte Tabuzone in der Burckhardt-Forschung ab. Unliebsame Neuinterpretationen in diesem Bereich wurden von ihm gleich vorsorglich mit einem hohepriesterlichen Bannstrahl belegt. Seit den frühen 1960er Jahren mussten Wissenschaftler, die sich auf dieses Forschungsfeld begaben, mit dem vernichtenden Vorwurf rechnen, das Spiel der nationalsozialistischen «Fälscher» zu spielen. All dies unterstreicht nur eins: Die ältere Forschung besaß kein wirkliches Interesse daran, wissenschaftliches Licht in das Dunkel des Burckhardtschen Antisemitismus dringen zu lassen. Bezeichnenderweise wurden in ihr die als «peinlich» bezeichneten Äußerungen nie systematisch zusammengestellt und nur ganz ausnahmsweise im Wortlaut zitiert, so dass sich die interessierte Öffentlichkeit gar kein Bild über die Problemlage machen konnte. Stattdessen stößt man in ihr immer wieder auf mindestens sieben Beschönigungsargumente (Mattioli, Jacob Burckhardt und..., S. 52-53).

Mattioli fordert im Falle Burckhardt:

Freilich wirft diese Feststellung die grundsätzliche Frage auf, wie die Wissenschaft und Nachwelt denn angemessen mit Anrüchigem und Schäbigem in Leben und Werk unserer Geistesgrößen umzugehen hätten. Nicht-wahr-haben-wollen und schönreden kann die Antwort ebenso wenig lauten wie denunzieren und verurteilen. Sowohl das Pantheon als auch das Weltgericht haben als Orte der Auseinandersetzung ausgedient. Wissenschaftlich vertretbar ist wohl nur ein Ansatz der konsequenten Historisierung; einer Historisierung, die keine Tabuzonen mehr zulässt und alles schonungslos, zugleich aber fundiert und nuanciert benennt. Licht- und Schattenseiten müssen nicht gegeneinander verrechnet, sondern als konstitutive Bestandteile ein- und derselben Lebensleistung gewürdigt werden. Alle überlieferten Aussagen sind stets auf ihren systematischen Stellenwert hin zu befragen und im Kontext ihrer Zeit zu deuten. Hilfreich wäre manchmal schon, wenn man auch bei «Genies» mehr menschliches Normalmaß vermuten und auch zulassen würde. Menschen sind nie aus einem Guss, und Hommes de lettres schon gar nicht. Historisierung heißt auch, diese Ambivalenz aushalten und menschliches Leben in seiner Widersprüchlichkeit sehen zu lernen (Mattioli, Jacob Burckhardt und..., S. 62-63).

Welche Entwicklung im menschlichen Verhalten, und zwar sowohl innerhalb einer Gesellschaft als auch zwischen den verschiedenen Gesellschaften oder Staaten, hat wie in den letzten ca. 200 Jahren seit der Französischen Revolution stattgefunden, also praktisch von der Leibeigenschaft  bis zum heutigen freien Bürger mit seinen Grund- und Menschenrechten in freien und demokratischen Staatsformen? Was hat diese Entwicklung mit dem rechtsextremen Gedankengut zu tun und wo ist der Grund dafür zu suchen, dass das rechtsextreme, rassistische und nationalistische Verhalten trotz der dadurch verursachten Katastrophen der beiden Weltkriege bis heute immer noch nicht überwunden und verarbeitet ist, nicht einmal in der Wissenschaft?

Haben die jüngste Entwicklung und das Problem mit dem Rechtsextremismus darin nur etwas mit unserem begrifflichen Denken und Geist zu tun, mit dem wir sehr schnell und flexibel etwas erkennen, lernen und uns darin anpassen können, oder spielt dabei auch unser animalisches Erbe in Form von lernunfähigen Emotionen und Instinkten mit, so dass die Probleme und Entwicklungen damit vor dem Hintergrund unserer evolutionären Entwicklung gesehen werden müssen?

Können wir so der aktuellen und weiteren evolutionären Entwicklung direkt zuschauen, sie mit all ihren Aspekten erkennen und reflektieren, und so das vermeiden, was Burckhardt mit seinem Weltbild und seiner Einordnung der Entwicklung zu seiner Zeit passiert ist, nämlich sie gänzlich misszudeuten und dadurch bedingte spätere Katastrophen mitzuverursachen?

Die nachfolgende Rezension des Buches „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ von Jacob Burckhardt gibt einen Einblick darein, wie Burckhardt die zu seiner Zeit stattfindende Entwicklung mit Demokratisierung und Technisierung sah und einordnete und wie sie rückblickend von unserem heutigen Standpunkt aus tatsächlich verlaufen ist.

 

 

 

Rezension:

Burckhardt, Jacob: Weltgeschichtliche Betrachtungen, Wiesbaden: Marix Verlag GmbH 2009, 320 S., ISBN 978-3-86539-184-1, 7,95 Euro

 

Dieses Buch des Schweizer Kulturhistorikers Jacob Burckhardt (1818–1897) wurde erst nach seinem Tod im Jahre 1905 von seinem Neffen Jacob Oeri herausgegeben. Es ist eine Vorlesung, die Burckhardt unter dem Titel »Über das Studium der Geschichte« mehrmals gehalten hat. Seitdem wurde es immer wieder, zuletzt 2009, aufgelegt und gilt der Anpreisung des Verlages auf dem Schutzumschlag nach als „der Schlüssel zum Verständnis von Burckhardts Werk“. Weiter heißt es dort, dass Burckhardt als einer der größten Historiker der deutschen Sprache gilt. Nietzsche nennt ihn in einem seiner letzten Briefe „unseren großen, größten Lehrer“, und auch heute noch findet Burckhardt allgemeine Verehrung als Lichtgestalt und Meisterdenker ohne jegliche Kritik. Sein Porträt ziert seit 1995 die höchste Geldnote der Schweiz, den 1000-Franken-Schein.

Nur wenige wie die beiden Schweizer Historiker Aram Mattioli und Caspar Hirschi kritisieren, dass in Burckhardts Werk „nachtschwarze Seiten existieren, die von der Forschung bislang nicht angemessen thematisiert worden sind.“[1] Damit ist Burckhardts Antisemitismus, sein offener Rassismus, seine Kriegsverherrlichung und seine Demokratiefeindlichkeit gemeint. Mattioli stellt fest: „Auch in seinem Fall führt der Geniekult zu entschärften Lesarten, Blickverengungen und seltsam ahistorischen Betrachtungsweisen“.[2] Hirschi formuliert diese Kritik noch deutlicher und klagt an: „Allein, für Ikonoklasten wie Egon Flaig und Aram Mattioli, die Burckhardt zum Antisemiten und wissenschaftlichen Leichtfuß stempeln und mit Hochgenuss die Verschleierungsversuche der Burckhardt-Hagiographie bloßlegen, stellen die Herausgeber keine Bühne bereit,“.[3]

Burckhardt besitzt ein klares rassistisches Weltbild, in dem er zwischen höheren und geringeren Rassen unterscheidet, wie „die der Negervölker usw., der Wilden und Halbwilden“ (S. 52). „Denn diese Völker sind von Anfang an die Beute einer ewigen Angst; ihre Religionen gewähren uns nicht einmal einen Maßstab für die Anfänge der Entbindung des Geistigen, weil der Geist dort überhaupt nie zu spontaner Entbindung bestimmt ist“ (S. 52). So fragt Burckhardt weiter in einer Fußnote: „Wie weit werden geringere Rassen durch ihre Schreckensreligionen in ihrer Unkultur festgehalten? Oder behaupten sich diese Religionen eher, weil die Rasse nicht kulturfähig ist?“ (S. 120). Trotz der Religion des Christentums gehört für Burckhardt etwa das äthiopische Volk zu den „ganz verkommenen oder geistig unfähigen Völkern“ (S. 180), wobei auch die Juden ein naives Volk sind, das sich ein fremdes Land von seinem Nationalgott schenken lässt und sich von ihm mit der Ausrottung der bisherigen Einwohner beauftragen lässt (Vgl. S. 193-194). Der Islam und der „elende Koran“ (S. 122) sind für ihn eher schädlich als nützlich. „Wer die Moslemin nicht ausrotten kann oder will, lässt sie am besten in Ruhe;“ (S. 137). Auch waren für ihn „die Mongolen doch (soweit sie nicht Türken in sich begriffen) eine andere und geistig geringere Rasse, wie ihr höchstes geistiges Kulturprodukt, nämlich China, beweist“ (S. 194).

Diese pauschale Diskriminierung des Fremden ist für Burckhardt grundlegend und zentraler Teil seines speziellen Geschichtsverständnisses und Weltbildes. Trotz seiner Herkunft aus einer alten Pfarrerfamilie und eines Studiums der Theologie ist er den folgenden Aussagen nach kein Christ: „Zunächst weist die Kultur in Gestalt von Forschung und Philosophie dem Christentum seine menschliche Entstehung und Bedingtheit nach;“ (S. 185). Das Christentum ist für ihn, „wie alle Religionen, in völlig kritiklosen Momenten und unter völlig hingerissenen und kritikunfähigen Menschen entstanden,“ (S. 185–186). Hier hat Burckhardt die neuzeitliche Aufklärung vollständig vollzogen.

Doch dabei vertritt Burckhardt nicht das heutige lineare Geschichtsverständnis und Weltbild, sondern ein zyklisches, wie es im 19. und noch im 20. Jahrhundert verbreitet war. Entscheidend ist für Burckhardt darin „das große durchgehende Hauptphänomen“ (S. 13): Es entsteht eine geschichtliche Macht der irdischen, menschlichen Lebensformen mit ihren Verfassungen, bevorrechtigten Ständen oder Schichten samt ihrem Besitz, einer tief mit dem ganzen Zeitlichen verflochtenen Religion oder gesellschaftlichen Sitte (das Wie dieser Entstehung, die Anfänge, das Kosmische usw. ist ihm nach dabei völlig egal, ja man muss sogar davon absehen, vgl. S. 11). „Allein der Geist ist ein Wühler und arbeitet weiter“ (S. 13). Dadurch erfahren diese Lebensformen widerstrebend Änderungen, wobei letztlich als entscheidende Erkenntnis für Burckhardts zyklisches Weltbild hinsichtlich des Verlaufs und Wesens des Weltganzen stets gilt: „der Bruch, sei es durch Revolution oder allmähliche Verwesung, der Sturz von Moralen und Religionen, der vermeintliche Untergang, ja Weltuntergang kommt doch. Inzwischen aber baut der Geist etwas Neues, dessen äußeres Gehäuse mit der Zeit dasselbe Schicksal erleiden wird“ (S. 13).

Anzustrebendes und geradezu mystisches Ziel ist es für ihn, wie er es ganz am Schluss seines Buches offenbart, das weltliche Geschehen von einem archimedischen Punkt aus der Distanz zu betrachten und „die Dinge 'geistig zu überwinden'“ (S. 14), so „wie wir das Schauspiel der Natur, z.B. eines Seesturms vom festen Lande aus mit ansehen“ (S. 320). Es würde „ein wunderbares Schauspiel, freilich aber nicht für zeitgenössische, irdische Wesen sein, dem Geist der Menschheit erkennend nachzugehen, der, über all diesen Erscheinungen schwebend und doch mit allen verflochten, sich eine neue Wohnung baut. Wer hiervon eine Ahnung hätte, würde des Glückes und Unglückes völlig vergessen und in lauter Sehnsucht nach dieser Erkenntnis dahinleben“ (S. 320). Das ist das Geschichtsverständnis und das Weltbild von Burckhardt, und entsprechend ist auch dieses Buch strukturiert, d.h. er beschreibt am Ende die große Krise seiner Zeit und als Folge davon ganz am Schluss die Ahnung des Geistes, der „sich eine neue Wohnung baut“.

Dieses Weltbild enthält für ihn folgende, seinen Rassismus begründende Besonderheit: „Weder Seele noch Gehirn der Menschen haben in historischen Zeiten erweislich zugenommen, die Fähigkeiten jedenfalls waren längst komplett! Daher ist unsere Präsumtion, im Zeitalter des sittlichen Fortschritts zu leben, höchst lächerlich“ (S. 82). Je nach Rasseeigenschaft und Schichtzugehörigkeit innerhalb der eigenen Rasse besitzen die Menschen für ihn ein konstantes und unterschiedliches Maß an Geist und Kultur, das dann in dieser feststehenden Form nur wirkt. Ein Mensch niederer Rasse kann so das geistige Vermögen eines Menschen einer höheren Rasse niemals erreichen, und dasselbe gilt für die Schichtzugehörigkeiten innerhalb einer bestimmten Rasse oder eines Volkes.

Burckhardts Weltbild ist in sich stimmig und schlüssig. So ist auch seine Demokratiefeindlichkeit in seinem Menschenbild begründet, denn für Burckhardt ist „Demokratie das Tummelfeld offizieller Mittelmäßigkeiten“ (S. 155). „Die Ausartung knüpft sich daran, dass eine Demokratie ein Reich behaupten will, was eine Aristokratie (wie Rom und Venedig) viel länger kann, und dass Demagogen dieses Pathos der Herrschaft ausbeuten. Hieran schließt sich alles übrige Unheil sowie die große Katastrophe“ (S. 155). Weiter heißt es bei ihm dazu: „In Rom ist bei allen sogenannten Revolutionen doch die eigentliche, große, gründliche Krisis, d.h. der Durchgang der Geschichte durch Massenherrschaft, immer vermieden worden“ (S. 200).

Die „eigentliche, große, gründliche Krisis“ ist für ihn also vor allem durch die Massenherrschaft bedingt, die sich zu seiner Zeit zumindest teilweise schon durchgesetzt hat. Die Massenherrschaft oder Demokratie verbindet er nicht mit einem kulturellen Fortschritt, wie wir heute, sondern vielmehr mit seinen Vorstellungen von einer Endzeit als dem zyklischen Verlauf der Welt. Dazu gehören auch die anderen Veränderung seiner Zeit, die des „Erwerbs und Verkehrs“, die wir ebenfalls heute als Fortschritt empfinden: „Allein im 18. Jahrhundert beginnt und seit 1815 eilt in gewaltigem Vorwärtsschreiten der großen Krisis zu die moderne Kultur. […] Es meldet sich die Idee der Volkssouveränität, und sodann beginnt das Weltalter des Erwerbs und Verkehrs, und diese Interessen halten sich mehr und mehr für das Weltbestimmende“ (S. 161-162). „Aus diesem allem entsteht die große Krisis des Staatsbegriffs, in welcher wir leben“ (S. 163)

Im Zusammenhang mit der großen Krise gibt es ein weitreichendes Missverständnis der heutigen Burckhardt-Verehrer. Es bezieht sich auf Burckhardts Aussage, dass „die Verflechtung der gegenwärtigen Krisis mit gewaltigen Völkerkriegen in Aussicht“ (S. 231) steht. Burckhardt „prognostizierte scharfsinnig Konstellationen der politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts“, stellt der Historiker Wolfgang Hardtwig auf dem Schutzumschlagtext der vorliegenden Ausgabe des rezensierten Buches fest. Doch bei dieser Deutung findet der dieser prophetischen Aussage Burckhardts direkt folgende letzte Absatz des betreffenden Kapitels keine Berücksichtigung, in dem Burckhardt den Verfall und Tod der Nationen im Zusammenhang mit Geschehnissen wie „die voraussichtlichen Veränderungen des Erdballs“ (S. 232) andeutet, und zwar mit gleichzeitigem klaren Hinweis auf die Phantasiebilder der religiösen Endzeitvorstellungen als Parallele. Für Burckhardt geht es diesem Zusammenhang nach also in seiner prophetischen Aussage um mehr als nur um große Völkerkriege, auch wenn es Weltkriege sind, nach denen aber derselbe Mensch alles wieder aufbaut und nicht ein über allem schwebender Geist, der ein neues „äußeres Gehäuse“ oder eine „neue Wohnung“ im Sinne eines neuen Weltzeitalters schafft. Hirschi sieht diese Ahnungen von Burckhardt nüchterner, wenn er auch hier kritisiert: „Burckhardt inszeniert sich wechselweise als altständisch-aristokratischer Amateur und profaner Endzeitprophet - bis heute mit Erfolg.“[4]

Dass für Burckhardt in seinem Weltbild nicht das Geistige der Maßstab für die Kultur- und Gesellschaftsentwicklung ist, belegen folgende für uns heute schwer nachzuvollziehende Aussagen (die aber vor nur ca. 70 Jahren bei uns dagegen noch sehr vertraut klangen!). So zitiert er Lasaulx, der zu der germanischen Invasion ins Römische Reich sagt: „Jedes große Volk, wenn es in seiner Gesamtheit nicht mehr eine gewisse Masse unverbrauchter Naturkräfte in sich trägt, aus denen es sich erfrischen und verjüngen kann, ist seinem Untergang nahe,“ (S. 194). Weiter bemerkt Burckhardt zu der Entwicklung im alten Rom: „Die Krisis des römischen Imperiums war nicht abzuschneiden, da sie auf dem Drang jugendlicher Völker von großer Fruchtbarkeit nach dem Besitz südlicher, menschenarm gewordener Länder beruhte;“ (S. 204). Was er hier mit „unverbrauchten Naturkräften“ und „jugendlichen Völkern von großer Fruchtbarkeit“ meint, ist mit dem heutigen, evolutionären Verständnis des Menschen völlig rätselhaft.

Unter Entwicklung versteht Burckhardt grundsätzlich nicht die weitere Zunahme von Geist und Kultur im menschlichen Sein, egal ob im Individuum oder als Gesellschaft, das ist für ihn wie im Falle der Sittlichkeit gesagt „höchst lächerlich“, sondern vielmehr Folgendes: „Sodann ist hier vorauszunehmen schon der Krieg überhaupt als Völkerkrisis und als notwendiges Moment höherer Entwickelung“ (S. 196). Das heißt: „Ein Volk lernt wirklich seine volle Nationalkraft nur im Kriege, im vergleichenden Kampf gegen andere Völker kennen, weil sie nur dann vorhanden ist; auf diesem Punkt wird es dann suchen müssen, sie festzuhalten [...] die Kriege reinigten die Atmosphäre wie Gewitterstürme, stärkten die Nerven, erschütterten die Gemüter, stellten die heroischen Tugenden her, auf welche ursprünglich die Staaten gegründet gewesen seien, gegenüber Entnervung, Falschheit und Feigheit. Denken wir hier vollends auch an H. Leos Wort vom 'frischen und fröhlichen Krieg, der das skrofulöse Gesindel wegfegen soll'.“ (S. 196-197).

Weiter heißt es bei ihm: „Der lange Friede bringt nicht nur Entnervung hervor, sondern er lässt das Entstehen einer Menge jämmerlicher, angstvoller Notexistenzen zu, welche ohne ihn nicht entständen und sich dann doch mit lautem Geschrei um 'Recht' irgendwie an das Dasein klammern, den wahren Kräften den Platz vorwegnehmen und die Luft verdicken, im Ganzen auch das Geblüt der Nation verunedeln. Der Krieg bringt wieder die wahren Kräfte zu Ehren. Jene Notexistenzen bringt er wenigstens vielleicht zum Schweigen“ (S. 197).

Das Verständnis für Kultur als Art und Weise des menschlichen und gesellschaftlichen Zusammenlebens und die weitere kulturell-geistige Entwicklung dessen  ist bei dem Kulturhistoriker Burckhardt schlichtweg nicht vorhanden, da für ihn der Mensch schon von Anfang an komplett ist, bzw. es ist bezeichnend auf das folgende Verständnis beschränkt: „Aber ein einfaches, kräftiges Dasein, noch mit dem vollen physischen Adel der Rasse, unter beständiger gemeinsamer Gegenwehr gegen Feinde und Bedrücker ist auch eine Kultur und möglicherweise mit einer hohen inneren Herzenserziehung verbunden“ (S. 303).

Weiterer wichtiger Bestandteil seines Weltbildes und des Geschichtsverlaufes sind für Burckhardt die im Kapitel „Das Individuum und das Allgemeine (die historische Größe)“ definierten „großen Männer“ als „der in einzelnen Individuen konzentrierten Weltbewegung“ (S. 249), wie etwa bei Napoleon. Diese „großen Männer“ besitzen für Burckhardt, letztlich dann auch im Zusammenhang mit seinem Weltbild der periodischen Erneuerung durch einen von Krise und Krieg schließlich herbeigeführten Weltuntergang, eine ganz bestimmte und klare Aufgabe und Notwendigkeit: „Denn die großen Männer sind zu unserem Leben notwendig, damit die weltgeschichtliche Bewegung sich periodisch und ruckweise frei mache von bloßen abgestorbenen Lebensformen und von reflektierendem Geschwätz“ (S. 296).

Das Hauptkriterium für die „großen Männer“ ist gemäß Burckhardt, dass sie es in ihrem Wirken „mit dem Weltganzen zu tun haben“ (S. 256), „weil das Weltganze mit seiner Individualität eine Verbindung eingeht, welche nur diesmal so existierte und dennoch ihre Allgültigkeit hat“ (S. 256). Da zu diesem Wirken vor allem auch die Lehre und Kunde von den besonderen Eigenschaften des Weltganzen zählen müsste, erst recht wenn sich bei der Prophezeiung und Ahnung Burckhardts gerade wieder ein neuer Untergang und Zyklus abzeichnet, hätte sich damit auch Burckhardt selbst unausgesprochen zu den „großen Männern“ gerechnet.

Dieser Theorie der großen Männer nach hätte auch ein Hitler ein ganzes Volk ganz allein verführt und ihm seinen Willen aufzwungen, so dass jedes Volk gar nicht anders könnte, als ihm zu folgen. Der englische Universalgelehrte Herbert Spencer bezeichnet diese sogenannte Great-Man-Theory dagegen völlig zu recht als hoffnungslos primitiv, kindisch und unwissenschaftlich.[5] Um es mit Burckhardts eigenem bildlichen Vergleich auszudrücken, mit dem er diejenigen bestimmt, die er für nicht groß hält: „Das bunte und stark geblähte Segel hält sich für die Ursache der Bewegung des Schiffes, während es doch nur den Wind auffängt, welcher jeden Augenblick sich drehen oder aufhören kann“ (S. 212). Mit diesem Bild können sehr gut auch die nach Ansicht von Burckhardt „großen Männer“ bestimmt werden, d.h. ein „Segel“ Hitler, der ein ganzes Volk als „Schiff“ ins Verderben geführt hat, hätte es nie gegeben, wenn nicht gerade auch Intellektuelle wie Burckhardt ihm dazu vorher geistig den Boden bereitet bzw. mit für den nötigen „Wind“ gesorgt hätten – wobei das Letztere in der weiteren kritiklosen Verehrung von Burckhardt leider bis heute getan, geduldet oder zumindest beschönigt wird. Burckhardt hat die Weltkriege nicht vorhergesagt, er hat sie vielmehr im Rahmen seines Wirkens mitverursacht.

Lässt sich das von Burckhardt idealisierte Geschichts– und Weltverständnis unter den heutigen Bedingungen vorstellen und anwenden, etwa indem Deutschland wieder mit den heutigen (Atom)Waffen gegen Frankreich oder Russland in den Krieg zieht, weil es nur so seine volle Nationalkraft wiedererlangt, wobei dann die Atmosphäre endlich wieder wie von Gewitterstürmen gereinigt wird und die heroischen Tugenden gegenüber Entnervung, Falschheit und Feigheit wiederhergestellt werden und nebenbei in einem solchen „frischen und fröhlichen Krieg“ das heutige Hartz IV Gesindel endlich weggefegt wird, das sich mit lautem Geschrei ans Dasein klammert, jedoch nur den wahren Kräften den Platz wegnimmt und das Geblüt der Nation verunedelt? An der Unvorstellbarkeit dessen zeigt sich der große Irrtum von Burckhardts Theorien. Wenn das wieder möglich wäre, hätte der Mensch aus den Katastrophen der Vergangenheit wirklich nichts gelernt und es hätte keinerlei sozialen und kulturellen Fortschritt zwischen den Staaten und in den Gesellschaften gegeben. Hierbei offenbart sich die heutige Absurdität dieses Geschichts- und Kulturverständnisses.

Es hat gerade (und leider erst) durch die geschehenen Katastrophen den von Burckhardt verleugneten und als „höchst lächerlich“ bezeichneten kulturellen Fortschritt im Zusammenleben der Menschen gegeben, und er bestand exakt in der Überwindung der Werte und Ansichten, die Burckhardt idealisiert und verklärt hat, nämlich die des Rassismus, Nationalismus, der Kriegsverherrlichung und der Demokratiefeindlichkeit. Genau diese Werte und Ansichten waren es, die für die beiden Weltkriege ursächlich verantwortlich waren und die deswegen überwunden sind, jedenfalls weitgehend.

Hätten dabei Burckhardt und andere Intellektuelle zu seiner Zeit die Gesetzmäßigkeiten der Geschichte und damit auch den Verlauf der weiteren kulturellen Entwicklung richtig gelesen, interpretiert und dann auch gelehrt, so wären die beiden Katastrophen des letzten Jahrhunderts sehr wohl zu vermeiden gewesen. In der Fähigkeit einer vernünftigen Vorausschau liegt gerade das Wesen des menschlichen Geistes. Burckhardt hat dagegen mit seinen Ansichten, Erklärungen und Theorien über das Wesen des Menschen, die Gesetzmäßigkeiten der Geschichte und die weitere Entwicklung in grandioser Weise danebengelegen und versagt (im Gegensatz zu anderen Intellektuellen lange vor ihm wie Kant und Schiller). Das, was Burckhardt für richtig und wahr gehalten und als Deutung aus der Geschichte herausgelesen, idealisiert und verklärt hat, hat sich mit der Konsequenz von 60 Millionen Toten später als falsch erwiesen.

Burckhardt ist daher alles andere als ein großer Mann oder ein Genie. Er hat als Kulturhistoriker  (ganz im Gegensatz zu Friedrich Schiller in seiner Antrittsvorlesung als Historiker)  das menschliche Verhalten und die menschlichen Beziehungen als wichtigste Elemente der Kultur, sowie grundsätzlich die Veränderlichkeit und Entwicklung von Kultur als zentrale und ureigenste Eigenschaft des Menschen überhaupt nicht erkannt, und damit dann auch nicht die kulturelle Entwicklung zu seiner Zeit sozusagen von der Leibeigenschaft zur heutigen Freiheit mit ihren Grund- und Menschenrechten. Burckhardt bekämpft diese humane Entwicklung sogar und lebte damit noch dort, wo das von ihm idealisierte Verhalten in der Evolution noch ein angepasstes und »gutes« Verhalten war, nämlich in der Steinzeit. Dort waren die Menschen als Jäger und Sammler noch auf ein bestimmtes Territorium angewiesen, das sie gegenüber konkurrierenden Nachbarvölkern ständig verteidigen mussten bzw. umgekehrt zu vergrößern suchten.

Leider hat sich diese Erkenntnis und Beurteilung Burckhardts in der Geschichts- und Kulturwissenschaft bis heute immer noch nicht allgemein durchgesetzt. Statt dass große Teile der Geschichts- und Kulturwissenschaft die Gesetzmäßigkeiten der Geschichte und Entwicklung heute richtig interpretieren (etwa mit dem hervorragenden Werkzeug der Evolutionstheorie, wie es der britische Historiker Ian Morris nutzt), die aktuelle und weitere Entwicklung so zumindest in Ansätzen antizipieren können und der weiteren Entwicklung geistig vorauszugehen vermögen (wie es Morris mit seinem Buch „Wer regiert die Welt“ angeht), haben sie die stattgefundene Entwicklung in der  jüngsten Vergangenheit in ihrem Fach immer noch nicht verarbeitet.

 

 

Anmerkungen:

[1] Aram Mattioli, Jacob Burckhardt und die Grenzen der Humanität, Weitra 2001, S. 8-9.

[2] Mattioli, Jacob Burckhardt..., S. 10.

[3] Caspar Hirschi, Frankfurter Allgemeine Zeitung Feuilleton: Koketterie eines Ketzers - Studien zu Jacob Burckhardts „Griechischer Culturgeschichte“ , FAZ 10.01.2007 Nr. 8 S. 32

[4] Hirschi, FAZ Feuilleton: Koketterie...., 10.01.2007 Nr. 8 S. 32

[5] Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Great_Man_theory unter dem Abschnitt critique and criticisms.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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