Das menschliche Verhalten der Religiosität in evolutionärer Perspektive

Das menschliche Verhalten der Religiosität in evolutionärer Perspektive

- ausgehend von den neuzeitlichen Aufklärern Kant und Schiller

im Gegensatz zum heutigen Evolutionsbiologen Richard Dawkins -


Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins und die sich zu ihm und seinen Thesen bekennenden sogenannten Neuen Atheisten kritisieren das menschliche Verhalten der Religiosität als ein seit jeher völlig nutzloses und überflüssiges Verhalten. Die neuzeitlichen Aufklärer und hier insbesondere Kant sehen dagegen trotz ihrer Religionskritik sehr wohl einen großen praktischen Nutzen der Religiosität. Eine „innere praktischen Notwendigkeit“1 führte gemäß Kant zur Religiosität. Zur vollständigen natürlichen Erklärung dieses Verhaltens gelangt Kant dann einfach dadurch, indem er Ursache und Wirkung umdrehte, d.h. es gab ihm nach zuerst die natürlichen Notwendigkeiten eines (neuen) bestimmten, moralischen Verhaltens und dann erst die dazu passenden Vorstellungen des (neuen) Göttlichen zur Durchsetzung des notwendigen und damit auch nützlichen Verhaltens. Das Religiöse, das bis zur Aufklärung das Sein und Verhalten der Menschen mehr oder weniger total bestimmte und bei dem es selbst heute noch oftmals ein Tabu ist, es kritisch zu hinterfragen, erfüllt bei Kant einen Zweck und ist darin rein natürlich, geschaffen und relativ. Mit dieser seiner einfachen aber im wahrsten Sinne des Wortes revolutionären Idee findet nicht nur die Entwicklung der verschiedenen Religionen mit all ihren Widersprüchen eine einfache natürliche Erklärung, wobei sich auch die heutigen Probleme der Religionen etwa als Motiv zu Gewalt und Krieg allesamt auflösen, sondern mit diesem aufgeklärten, vernünftigen und natürlichen Verständnis der Religiosität kann es heute als Schillers „wichtigste[s] Faktum für die Weltgeschichte“2, im Gegensatz zu Dawkins, darin vor allem als ein entscheidendes evolutionäres Verhalten und Phänomen verstanden werden. Diese Relativierung der (heutigen) Religiosität und des damit verbundenen Weltbildes und Verhaltens bringt dann das Wirken der fortdauernden Evolution beim Menschen ins Hier und Jetzt - und damit überhaupt erst ins Bewusstsein. Evolution beim Menschen ist nicht etwas, das einmal irgendwann in einer fernen Vergangenheit stattgefunden hat und heute keine Rolle mehr spielt – ganz im Gegenteil. Die geschichtliche Entwicklung der Religiosität und der damit verbundenen Verhaltensänderungen beim Menschen war keine willkürliche und zufällige Anhäufung natürlicher oder gar übernatürlicher Ereignisse, sondern es war eine Entwicklung, der eine Systematik als evolutionäre Entwicklung des Mensch-Seins zugrundelag - und in Fortsetzung dieser natürlichen und stetigen Entwicklung des Mensch-Seins mit seinem ihn definierenden Geist in der Kritik und Veränderung der heutigen Religiosität ist auch die bisher unvollendete neuzeitliche Aufklärung nichts anderes ist als ein weiterer Schritt der im Hier und Jetzt stattfindenden Evolution zu einer humaneren Welt mit einem dann einheitlichen Weltbild.

 

 

Richard Dawkins und die sogenannten »Neuen Atheisten«

Die Religion ist ein Phänomen, das wahrscheinlich schon seit Beginn des Mensch-Seins ausnahmslos in jedem Volk zu finden ist und das bis in die heutige moderne Zeit noch in jeder Gesellschaft trotz antiker und neuzeitlicher Aufklärung eine Rolle spielt. Wenn die Religion, als Vollendung der Aufklärung, selbst nicht als ein übernatürliches, sondern ein vollkommen natürliches und damit auch evolutionäres Phänomen betrachtet wird, so muss es den Grundgesetzen der Evolutionstheorie nach auch einen der Verbreitung entsprechenden Nutzen gehabt haben. Genau das bestreitet jedoch Dawkins. Er sagt an einer Stelle, die darin treffend die grundsätzliche Einstellung und Ausrichtung der Religionskritik der Neuen Atheisten wiedergibt, dass Religion „zu rein gar nichts“3 gut ist, dass „alles eine riesige Verschwendung von Zeit und Menschenleben“4 war und „ein Witz mit kosmischen Ausmaßen“5. Dawkins und mit ihm die Neuen Atheisten etwa der Giordano-Bruno-Stiftung setzen hier statt auf sachlicher und neutraler wissenschaftlicher Erkenntnis, Vernunft und Aufklärung eher auf Polemik, emotionale Konfrontation und darin auch auf Dogmatik.

Dieses Verhalten mag zwar die Emotionen befriedigen, aber es führt nicht zu einem geistigen, kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Fortschritt, und zwar deswegen nicht, weil vor allem das wichtigste Element der Aufklärung fehlt: die natürliche Begründung und damit die natürliche und vernünftige Einsicht. Mit einer natürlichen Begründung könnte genau wie im Fall der materiell-technischen Aufklärung und Entwicklung als moderne Naturwissenschaft einsehbar argumentiert und vermittelt werden, warum die Religion mitsamt ihrer Veränderung und Entwicklung zu früheren Zeiten des Mensch-Seins, als es noch um das reine Überleben in der Natur ging, von großem Nutzen war, etwa als emotionale Stütze und effektive Steuerung des Verhaltens, sie das aber in einer globalen, multireligiösen, überbevölkerten und mit Massenvernichtungswaffen gespickten Welt heute zunehmend nicht mehr ist. Der Erkenntnis der Natürlichkeit und damit auch der ehemaligen großen Notwendigkeit und des Nutzens der Religiosität verschließen sich jedoch Dawkins und die Neuen Atheisten.

Die Menschheit ist dem Verständnis von Dawkins und den Neuen Atheisten nach irgendwie vor langer Zeit von einem geistigen Virus der Religiosität befallen worden, das die Menschheit dann jahrtausendelang in der Entwicklung lähmte, ohne dass zumindest ein Volk sich während dieser langen Zeit von diesem der Ansicht der Neuen Atheisten nach völlig nutzlosen Virus befreien und so gemäß den evolutionären Gesetzen einen großen Vorteil in der Entwicklung erlangen konnte. Es gehört aber zu den Grundlagen der Evolutionstheorie, dass in der Evolution nutzlose Dinge nicht beibehalten werden, zumindest nicht während einer so langen Zeit und in einem derart „kosmischen Ausmaß“. Die viel einfachere Erkenntnis, nämlich dass das Ausmaß der kosmischen Verbreitung der Religiosität den evolutionären Gesetzmäßigkeiten nach auch mit einem entsprechenden Nutzen verbunden war, und dass sich von diesem Nutzen her nicht nur der ehemalige Sinn und die ehemalige Angepasstheit der Religiosität erklären lässt, sondern auch die heutige Unangepasstheit, lehnen die Neuen Atheisten strikt ab. Dadurch bleibt jedoch das kosmische Ausmaß der Religiosität in der menschlichen Entwicklung unerklärt, und aufgrund der Unerklärlichkeit dieses „Witzes mit kosmischen Ausmaß“ bleiben in diesem Verständnis eigentlich nur übernatürliche Gründe für die Erklärung des religiösen Phänomens in diesem kosmischen Ausmaß übrig, also das was in der Aufklärung eigentlich überwunden werden sollte.

 

Schiller und das wichtigste Faktum der Weltgeschichte

In seiner Antrittsvorlesung „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ verschreibt sich Schiller als Historiker ganz im Sinne der Aufklärung dem Ziel, den Gang der Welt mit Vernunft und Logik zu erfassen und letztlich das Problem der Weltordnung aufzulösen, um die Aufmerksamkeit auf diese lichtvolle und doch so sehr vernachlässigte Seite der Weltgeschichte zu ziehen, wodurch sie sich an den höchsten Gegenstand aller menschlichen Bestrebungen anschließt.6 Schiller verfolgt dieses höchste Ziel, indem er mit Hilfe des philosophischen Verstandes die Weltgeschichte vom bloßen „Aggregat zum System“7 erhebt, um den Geist von der gemeinen und kleinlichen Ansicht moralischer Dinge zu entwöhnen und mit seinen Schlüssen in die ferne Zukunft voraus zu eilen.8

Während die Folge der geschichtlichen Begebenheiten von dem Ursprung der Dinge zu ihrer neuesten Ordnung herabsteigt, geht der Universalhistoriker gemäß der Definition von Schiller umgekehrt von der neuesten Weltlage aufwärts dem Ursprung der Dinge in Gedanken entgegen, d.h. er hebt diejenigen Begebenheiten heraus, die auf die heutige Gestalt der Welt und den Zustand der jetzt lebenden Generationen einen wesentlichen, unwidersprechlichen und leicht zu verfolgenden Einfluss gehabt haben. Der Universalhistoriker geht (mit der Evolutionstheorie jedoch noch weiter als nur) bis zum Anfang der Denkmäler, um dann auf dem gemachten Weg umzukehren, und von diesem Anfang bis zu dem neuesten Zeitalter wieder herunter zu steigen. Mit diesem Vorgehen gewinnt und nutzt er sein System, „bringt einen vernünftigen Zweck in den Gang der Welt“9 oder nach Schillers Ideal gar ein teleologisches Prinzip in die Weltgeschichte.10

Schillers Denken ist hier seiner eigenen Beschreibung nach von einem regen Trieb nach Übereinstimmung geprägt, von der Überzeugung, dass „im Gebiete des Verstandes, wie in der Sinnenwelt, alles in einander greife“11. Ziel ist dementsprechend das harmonische Ganze, wobei neue Entdeckungen im Kreise seiner Tätigkeit den von Schiller idealisierten philosophischen Geist, bei dem sich der Geist als Geist vergnügt und entzückt, nicht niederschlagen, wie das beim von ihm so genannten Brotgelehrten der Fall ist, sondern vielmehr stets dazu anspornen, weiter zu kommen, Lücken zu füllen und Widersprüche zu überwinden, um dem harmonischen Ganzen näher zu kommen.

Ein entscheidender Aspekt in Hinblick auf das harmonische Ganze ist ein einheitliches Weltbild - und das besitzen wir heute nicht. Die neuzeitlichen Aufklärer wie Schiller und Kant verstanden auch die Religion selbst als ein rein natürliches Phänomen. Diese vollständige Aufklärung ist aber trotz aller zwischenzeitlicher wissenschaftlicher Erkenntnisse wie etwa die der Evolutionstheorie nicht verwirklicht worden. Unser Weltbild ist daher zwischen Religion und moderner Naturwissenschaft gespalten, besonders was das Sein und Verhalten des Menschen angeht, d.h. im Paradigma des heutigen gespaltenen Weltbildes hat sich die Religion mit ihrem auf übernatürlichen Ereignissen gründenden Selbstverständnis einen festen Platz erhalten.

Ganz im Sinne seines Ziels und Ideals des harmonischen Ganzen trifft Schiller dieses Problem des einheitlichen Weltbildes im Kern, wenn er, als Historiker, nach dem natürlichen „Ursprung des Christenthums und besonders der christlichen Sittenlehre“12 fragt und er das als „das wichtigste Faktum für die Weltgeschichte“13 ansieht, weil das Christentum an der gegenwärtigen Gestalt der Welt einen so vielfältigen Anteil hat. Mit seinen damaligen Erkenntnissen und Möglichkeiten konnte er jedoch hinsichtlich der christlichen Religion nicht den „(aus Mangel der Quellen) befriedigenden Erklärungsgrund ihrer Erscheinung“14 finden, den er suchte. Übernatürliche Gründe oder Ereignisse spielten für Schiller bei diesem für ihn wichtigsten Faktum der Weltgeschichte keine Rolle.

Durch die moderne Naturwissenschaft hat zwischenzeitlich der von Schiller benannte Fortgang nützlicher Revolutionen im Reich des Wissens rasant zugenommen, gerade mit der Evolutionstheorie. Doch leider wird das nur in materiell-technischer Hinsicht und nicht kulturell, sozial und philosophisch genutzt, wobei die entscheidende Frage von Schiller nach den natürlichen Gründen für den Ursprung des Christentums und damit auch die nach einem einheitlichen Weltbild als Aspekt eines harmonischen, in seiner Natürlichkeit nachvollziehbaren und erklärbaren Ganzen nicht mehr gestellt wird, auch nicht von Dawkins und den Neuen Atheisten, da sie das Phänomen der Religion mit ihrem natürlichen, ihrer Verbreitung entsprechenden Sinn und Nutzen nicht erklären und darin nicht in ein natürliches Ganzes einbinden.

Die Evolutionstheorie in ihrer Form als größerer Rahmen und Fundament der Geschichte kann dabei als das System von Schiller angesehen werden, das das Aggregat der einzelnen Fakten der Weltgeschichte gerade auch hinsichtlich der Religion zu einem größeren, harmonischen Ganzen und einem einheitlichen Weltbild verbindet.

 

Kant und seine zur heutigen Evolutionstheorie passende Lösung des Problems der Religion

Kant suchte ebenfalls wie Schiller nur nach den natürlichen Gründen für die Religion. Er fand diese Gründe ganz ohne Evolutionstheorie, die es zu seiner Zeit ja noch nicht gab, aber seine Lösung passt trotzdem perfekt zur heutigen Evolutionstheorie und kann diese zu einem einheitlichen Weltbild hin weiterbringen. Die Lösung des Problems erreichte Kant, indem er zunächst auf die bis dahin geschehenen Revolutionen in Mathematik und Naturwissenschaft verwies und dazu anregte, über die diesen Revolutionen zugrundeliegende „Umänderung der Denkart [...] nachzusinnen“15 und sie „wenigstens zum Versuche nachzuahmen“16. Wahrscheinlich liegt allein schon in dieser Anregung und Durchführung des Versuches einer grundsätzlichen Umänderung der Denkart gegenüber den scheinbar so unveränderbaren und tabuisierten »(Denk)Leitplanken« herrschender Weltbildern, Paradigmen und Dogmen das eigentliche, einfache Geheimnis seines fortschrittlichen und flexiblen Geistes. Zumindest ist eine solche Umänderung der Denkart gerade Dogmatikern völlig fremd, da sie darin besteht, eine bzw. grundsätzlich jede als absolut angesehene Erkenntnis oder jedes dogmatische Wissen selbstkritisch anzuzweifeln und bei einem damit verknüpften Problem einfach einmal eine neue oder gegensätzliche Perspektive (z.B. die des jeweiligen Gegners der eigenen dogmatischen Weltanschauung) zu beziehen oder einfach einmal Ursache und Wirkung zu vertauschen. Nur in dieser Flexibilität liegt das eigentliche Wesen des Geistes, denn ein Geist, der immer nur das befolgt, was starr vorgegeben wird, ist darin kein wirklicher Geist mehr.

Zur Erklärung seiner idealistischen Philosophie bzw. der damit verbundenen anderen Art der Anschauung der Gegenstände stellte Kant diese Umänderung der Denkart anschaulich mit einem Bezug auf die vielleicht größte und einschneidendste Umänderung der Denkart dar, die das menschliche Weltbild bis dahin verändert hatte, weil dabei das abstrakte Denken sich über die scheinbar so reale Wahrnehmung der Sinne erhob:

Es ist hiermit ebenso als mit den ersten Gedanken des Copernicus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließ. In der Metaphysik kann man nun, was die Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen.17

Die abstrakte und vernünftige Erkenntnis über die Stellung von Erde und Sonne zueinander wird heute von jedem als wahre Erkenntnis einfach und ohne Widerspruch übernommen, trotzdem es der sinnlichen Anschauung ganz offensichtlich widerspricht und die gegenteilige, abstrakte aber wahre Erkenntnis auch nicht so einfach nachzuvollziehen und zu überprüfen ist. Man würde sich vielmehr über jeden amüsieren, der in dieser Frage die allgemein vermittelte Erkenntnis nicht akzeptiert und noch die sinnliche Anschauung für wahr und absolut hält. Das die sinnliche Anschauung relativierende Wissen ist in diesem Fall heute allgemein vorgegeben, jeder befolgt es einfach und denkt nicht mehr groß darüber nach.

Die revolutionierende Umänderung der Denkart wandte Kant dann auch auf das Problem der Religion an, indem er hier einfach einmal Ursache und Wirkung vertauschte. Es gab nach Kant nicht zuerst ein göttliches Wesen, das dann erst moralische Gesetze erließ oder änderte, sondern es gab zuerst eine wie er sagte innere praktische Notwendigkeit zu (neuen) moralischen Gesetzen und danach erst den dazu passenden weisen Weltregierer. Mit dieser neuen Perspektive löst sich das religiöse Problem, denn sie erklärt mit einem Schlag das Entstehen neuer Götter und Religionen, sowie die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Religion auf natürliche Weise und löst die Widersprüchlichkeit der Religionen auf. Die Vorstellung eines weisen Weltregierers ist bei Kant nur dazu da, den notwendigen moralischen Gesetzen „Effekt“ zu geben. Trotz oder gerade wegen dieser vollständigen Aufklärung des religiösen Phänomens erkannte Kant im Gegensatz zu Dawkins und den Neuen Atheisten sehr genau den großen praktischen Nutzen der Religion, es gehörte mit zum Kern seiner Erkenntnis. An folgender Stelle führte er diese Umänderung der Denkart als Vertauschung von Ursache und Wirkung in der Religion aus:

Wenn aber praktische Vernunft nun diesen hohen Punkt erreicht hat, nämlich den Begriff eines einigen Urwesens, als des höchsten Guts, so darf sie sich gar nicht unterwinden, gleich als hätte sie sich über alle empirischen Bedingungen seiner Anwendung erhoben, und zur unmittelbaren Kenntnis neuer Gegenstände emporgeschwungen, um von diesem Begriffe auszugehen, und die moralischen Gesetze selbst von ihm abzuleiten. Denn diese waren es eben, deren i n n e r e praktische Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen Ursache, oder eines weisen Weltregierers führte, um jenen Gesetzen Effekt zu geben, und daher können wir sie nicht nach diesem wiederum als zufällig und vom bloßen Willen abgeleitet ansehen, insonderheit von einem solchen Willen, von dem wir gar keinen Begriff haben würden, wenn wir ihn nicht jenen Gesetzen gemäß gebildet hätten. Wir werden, soweit praktische Vernunft uns zu führen das Recht hat, Handlungen nicht darum für verbindlich halten, weil sie Gebote Gottes sind, sondern sie darum als göttliche Gebote ansehen, weil wir dazu innerlich verbindlich sind.18

 

Mit Hilfe der Evolutionstheorie kann heute auch noch die Wirkung des Effektgebens durch einen weisen Weltregierer eine einfache, naheliegende und natürliche Erklärung finden, indem der weise Weltregierer nichts weiter als ein transzendenter »Rudelführer« ist, dem aufgrund seiner nun sogar transzendenten Macht dieser alten, instinktiven Verhaltensweise nach strikt und absolut zu gehorchen ist. Das in der Evolution neu entstandene, den Menschen definierende Vorstellungs- und Abstraktionsvermögen hätte so einfach eine alte instinkthafte Verhaltensweise, die als solche bis heute auch außerhalb der Religion etwa in der Politik in dem großen Verlangen nach einzelnen mächtigen Führern und Rettern noch zu beobachten ist, mit einer neuen wichtigen Funktion versehen. In dieser natürlichen Erklärung bestand die neue Funktion dann zunächst darin, dem gerade erst entstandenen menschlichen Selbstbewusstsein, das sich in seiner Freiheit zunächst vor allem als ein letztlich isoliertes und vergängliches Sein in einer von Tod und Leid geprägten Welt erkannte, die animalische, emotionale Geborgenheit und Sicherheit des Instinktsystems bestmöglich zu erhalten, auch als Sinn des Seins und der Welt. Das bewahrte das neu entstandene geistige Vermögen des Menschen, das der Verhaltenssteuerung diente und darin das Aufbrechen des bewährten Instinktverhaltens zur Voraussetzung hatte, vor dem Kollabieren. Beides musste ja ohne Planung und Steuerung zusammenkommen, einerseits das neue geistige Vermögen des Menschen und andererseits unabhängig davon das mit einer Unsicherheit verbundene Aufbrechen des bewährten Instinktverhaltens, um damit der Entwicklung des neuen Vermögens erst Raum und Freiheit zu geben.

Vom Grundmuster her spielt sich nichts anderes in der heutigen weiteren Entwicklung des menschlichen Seins ab, d.h. die aktuelle und weitere evolutionäre menschliche Entwicklung liegt in der Auseinandersetzung des in der Evolution neu entstandenen geistigen Vermögens mit seinem animalischen Erbe. Da die Vermittlung von emotionaler Geborgenheit und Sicherheit gerade in Krisen, Depressionen und angesichts des Todes bis heute zur allgemeinen Hauptaufgabe der Religion gehört, ist auch das ein Beleg dafür, dass das Trauma der heiklen natürlichen Menschwerdung als bewusste Selbst- und Welterkenntnis bis heute (nach)wirkt.

Genau wie es sich schon in materiell-technischer Hinsicht mit den großen Erfolgen der modernen Naturwissenschaft in Technik und Medizin gezeigt hat, vermittelten schon Kant und Schiller, dass es auch in geistig-kultureller Hinsicht heute an der Zeit ist, bei der Erkenntnis und Erklärung weltlicher Phänomene übernatürliche Kräfte oder Wesen überhaupt nicht mehr mit einzubeziehen, auch wenn das als religiöser Glaube weiterhin einen bestimmten praktischen Nutzen hat. Diese Fähigkeit des menschlichen Geistes zur Fantasie und darin auch zur Vorstellung übernatürlicher Wesen und magischer Kräfte stützte sich aus innerer praktischer Notwendigkeit zwar zunächst mit Hilfe eines dadurch umfunktionierten alten Instinktes selbst, ermöglichte dadurch erst das neue, geistige Sein und förderte lange Zeit seine weitere Entwicklung, doch letztlich blockiert und verhindert das heute die weitere vernünftige, natürliche Erkenntnis und Erklärung, also die Weiterentwicklung dieser neuen Fähigkeit des Geistes in der Evolution und des damit verbundenen neuen Seins. So steht auch der Mensch heute wie schon an seinem ersten Anfang vor der Herausforderung, auf Kosten seiner emotionalen Geborgenheit und Sicherheit geistig etwas Neues zu wagen und sich weiterzuentwickeln, nicht materiell, denn das gehört eher noch zum animalischen Sein, sondern geistig-kulturell.

Die heute nötige endgültige Erhebung des geistigen Vermögens über das animalische Erbe ist aber nur mit und in diesem geistigen Vermögen möglich, nicht dagegen mit Hilfe der Eigenschaften und Wirkungsweisen des animalischen Erbes, d.h. es geht weder mit Gewalt und Zwang noch über die Emotionen, über die ja die Instinkte gesteuert werden und die darin zum Instinktsystem gehören. Die weitere Entwicklung des geistig-kulturellen Seins geht so nur über die Vernunft und damit über möglichst weit- und tiefgehende sachliche Erklärungen und Einsichten, bei denen alles zu einem möglichst harmonischen Ganzen hin ineinandergreift, nicht dagegen auf die vorwiegend emotionale Art mit dementsprechend fehlenden Erklärungen und Einsichten, die etwa das Vorgehen von Dawkins kennzeichnet.

 

Die Religiosität als Teil der natürlichen, evolutionären Entwicklung des Menschen

Als konkreter authentischer Beleg und als Beispiel für eine natürliche Erklärung der Religion und ihrer Weiterentwicklung steht eine Bibelstelle des Alten Testaments, die sich anfangs sehr sonderbar anhört, da sie mit unserem heutigen Verständnis in der Bibel scheinbar gänzlich fehlplatziert ist, deren aussagekräftiger Wert jedoch in der evolutionären und aufgeklärten Perspektive voll zum Tragen kommt, indem sie deutlich die kulturelle Entwicklung des Menschen mit Hilfe einer neuen Religion belegt. Nach dem Willen des alttestamentlichen Gottes sollen die Juden bei ihren Nachbarvölker im Krieg nicht nur „alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen“19 (wie bei weiter entfernten Völkern), sondern diese unmittelbaren Nachbarvölker sollen die Juden gänzlich „der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat“20, „darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen“21.

Diese Stelle des Alten Testaments, in der der Gott des Alten Testaments den Völkermord fordert, passt nicht zu dem heutigen religiösen und moralischen Verständnis, in dem der Völkermord die größte Sünde überhaupt ist, d.h. hier ist ein ganz deutlicher Bruch zwischen dem Alten und dem Neuen Testament erkennbar. Diese religiösen Brüche hat es allein in der langen jüdisch-christlichen Tradition dabei mehrmals gegeben. Von den polytheistischen Naturgöttern wandelte sich der Glaube zu einem monotheistischen Glauben, der noch Tier- und Menschenopfer verlangte und den Völkermord gebot, bis zu dem heutigen christlichen Gott der völkerübergreifenden Nächstenliebe.

Genau wie in geologischer Hinsicht die Kontinente nicht so absolut und unbeweglich sind, wie sie uns erscheinen, erweist sich auch die Religion nicht als die absolute Erklärung und Lehre, wie sie dem jeweiligen Gläubigen in seiner Zeit erscheint. Im naturwissenschaftlichen und evolutionären Verständnis ist besonders dieser letzte Bruch kein Widerspruch und kein Rätsel, sondern ein notwendiger Teil der natürlichen Entwicklung des Menschen, die aufgrund geänderter Lebensbedingungen (Großreiche als Vorläufer der heutigen Staaten statt kleiner Stammesgruppen) und Lebensweisen (sesshaft mit Technik und Handel statt Jagen und Sammeln als Nomaden) auch ein anderes Verhalten und neue moralische Gesetze benötigte.

Die moralischen Gesetze des Alten Testaments, in Form der 10 Gebote, waren nur auf den eigene Volk beschränkt. Durch das Neue Testament wurden diese Gesetze als völkerübergreifende Nächstenliebe auf alle Völker ausgedehnt und so zu einem universalen Verhalten. Das war gleichzeitig ein großer und entscheidender Schritt in der weiteren Entwicklung des natürlichen Mensch-Seins, denn hierbei wurde das alte, animalische System der evolutionären Weiterentwicklung endgültig überwunden, zumindest als Ziel und Ideal, nämlich die Problemlösung und Weiterentwicklung durch das Töten bzw. allgemein die körperliche Gewalt als Ausdruck und Teil des genetischen Selektionssystems. Das Töten fremder Menschen wurde von da ab nicht mehr religiös gutgeheißen oder gar gefordert wie noch im Alten Testament, sondern nun generell geächtet.

Das natürliche Wesen des eigentlichen Mensch-Seins liegt im Geistigen, und dahin verlagerten sich durch die neuen moralischen Gesetze, die durch eine andere Religiosität aufgrund geänderter Lebensbedingungen etabliert wurden, nun auch die Auseinandersetzungen, Problemlösungen und die Weiterentwicklung – jedenfalls bis heute zumindest zu einem großen Teil. Demokratie und Rechtswesen etwa sind Folgen dieser Verlagerung. Die der evolutionären Entwicklung stets zugrundeliegenden Auseinandersetzungen spielten sich von nun ab, zumindest im Ideal, nur auf der geistigen Ebene ab und wurden dort entschieden, statt physisch auf der körperlichen Ebene. Das vollzog sich zwar nur unzureichend und verhinderte bis heute nicht die vielen nachfolgenden Kriege, doch ist dieser Mangel gerade ein Argument für die (langsame) Wirkungsweise und den Fortgang einer nicht gesteuerten, rein natürlichen Entwicklung oder Evolution.

Das Geistige im Menschen veränderte so zuerst die Lebensbedingungen des Menschen, was dadurch wiederum eine neue Entwicklung nicht des körperlichen, aber des geistigen Mensch-Seins in Form neuer moralischer Gesetze in der Religion und einen neuen Geist erforderte. Vor 2000 Jahren wurde dieser geistig-kulturelle Fortschritt im menschlichen Sein nicht durch die Vernunft sondern durch die Religion mit ihrem emotional geprägten Glauben an übernatürliche Wesen und Kräfte vollzogen. Die Vernunft war in Form der Philosophie zwar zu dieser Zeit schon vorhanden und hatte die neue Religion des Christentums auch maßgeblich beeinflusst, den grundlegenden Wechsel im Verhalten des Menschen als völkerübergreifende Nächstenliebe konnte sie aber nicht direkt als Erkenntnis und Erfordernis herbeizuführen. Dazu war sie zu schwach. Das war damals nur indirekt mit Hilfe der großen emotionalen Kraft an übernatürliche Wesen und übernatürliche Einflüsse möglich, die durch das neue menschliche Abstraktions- und Vorstellungsvermögen in Verbindung mit einem alten Instinkt entstanden ist.

Theologisch machen die Brüche in den Religionen dagegen keinerlei Sinn, denn warum sollte ein Göttliches, das sich schon sehr widersprüchlich in den verschiedenen Religionen dieser Welt offenbart hat, zudem noch selbst innerhalb der einzelnen Religionen von Zeit zu Zeit willkürlich sein Wesen und damit verbunden seine Forderungen an das menschliche Verhalten völlig ändern, d.h. vom Polytheismus zu einem Monotheismus, zu dem wiederum plötzlich ein Sohn dazukommt usw. Es macht umgekehrt aber ganz im Sinne von Kant sehr großen Sinn, allein schon wegen der Vielfalt, Widersprüchlichkeit und Spaltungen der Religionen, wenn die Religion an sich als eine Funktion oder ein »Trick« der Evolution betrachtet wird, der sich von Beginn an in den Vorstellungen der Menschen stets so änderte, dass darin das menschliche Verhalten eine Anpassung an neue Lebensumstände erfuhr. Dann ist es auch kein Zufall mehr, dass die Wesensänderungen des Göttlichen immer gerade zu den Zeiten großer Umbrüche im menschlichen Sein geschahen.

Wenn der Ursprung und die weitere Entwicklung der Religiosität mit Hilfe der Evolutionstheorie seine natürliche Erklärung findet, indem sich die Religion von Anfang an als (grundlegender) Teil der Evolution (des Menschen) erweist, dann werden mit diesem evolutionären Verständnis und den Besonderheiten des natürlichen religiösen Glaubens darin auch die religiösen Begleiterscheinungen erklärbar, die gerade für uns heute überhaupt nicht in das Bild der Religion passen, wie etwa die Religionskriege und hier ganz konkret die Situation im sogenannten Heiligen Land der drei großen monotheistischen Weltreligionen, die paradoxerweise statt von Liebe und Eintracht vielmehr seit Anbeginn an von Gewalt und Hass geprägt ist und die mit der iranischen Atombombe heute wieder eine neue Dimension dieser Gewalt zu erreichen droht. Sowohl im heutigen religiösen Verständnis als auch im Verständnis von Dawkins ist das dagegen nicht erklärbar.

 

Heutiger Umbruch und die evolutionäre Weiterentwicklung des menschlichen Seins

Heute befinden wir uns wieder in einem großen Umbruch, wahrscheinlich sogar einem der größten der Menschheitsgeschichte. Das stellt zumindest der Historiker Ian Morris in seiner Darstellung und Bewertung der Menschheitsgeschichte und gesellschaftlichen Entwicklung der letzten zehntausend Jahre fest, wenn er angesichts der momentanen nicht nur bevölkerungsmäßig explosiven Entwicklung sagt:

Im 21. Jahrhundert verspricht - oder droht - die gesellschaftliche Entwicklung so hoch zu steigen, dass sie auch den Einfluss der natürlichen und sozialen Bedingungen verändern wird. Wir nähern uns der größten Diskontinuität der Geschichte.22

Das explodierende Wissen in Technik und Naturwissenschaft lässt die Menschheit in vielerlei Hinsicht an die Grenzen des Lebensraumes Erde stoßen.

Die heutigen Lebensbedingungen in einer globalen, multireligiösen, überbevölkerten und mit Massenvernichtungswaffen gespickten Welt bringen dabei mehr und mehr die von Kant genannte innere praktische Notwendigkeit zu wiederum neuen Verhaltensweisen oder moralischen Gesetzen hervor, wobei diese einzig und allein wie schon in der Vergangenheit den Sinn haben, dem menschlichen Sein in der Evolution und seiner Weiterentwicklung zu dienen. Die exzessive technisch-materielle Entwicklung erweist sich zusammen mit der explodierenden Weltbevölkerung in dem begrenzten Lebensraum der Erde zunehmend als Sackgasse. Wie schon bei vergangenen Entwicklungen bedarf es dazu eines nötigen neuen geistig-kulturellen Entwicklungsschrittes der Menschheit mit neuen moralischen Gesetzen und Verhaltensweisen. Wie wird sich das heute ergeben und durchsetzen: Wie bisher als neue Religion, vielleicht jetzt mit einer göttlichen Tochter als Bezug und Verkünderin neuer, an die Entwicklung angepasster religiöser Gesetze und Verhaltensweisen, oder ist aufgrund des von der neuzeitlichen Aufklärung beeinflussten menschlichen Seins im heutigen Informationszeitalter die Etablierung einer neuen Religion mit dem Glauben an entsprechende übernatürliche Ereignisse nicht mehr möglich, so dass die Vernunft es sein muss, die die nötigen Verhaltensanpassungen vollzieht?

Als Voraussetzung für den letzteren Fall ist es erforderlich, als Vollendung der neuzeitlichen Aufklärung, die Religion selbst in einem dann einheitlichen Weltbild als ein rein natürliches Phänomen der Evolution zu verstehen. Denn wenn der Mensch sich in dieser Weise von den einstmals nützlichen dogmatischen und darin als objektiv wahr angesehenen mythologischen Erklärungen vollständig befreien könnte, wie es schon die neuzeitlichen Aufklärer getan haben und wie es sich zu einem Teil schon allgemein verwirklicht hat, wäre der Weg frei dazu, dass er sich damit ganz zu seiner natürlichen und darin heute evolutionären Entstehung bekennen kann. Das hieße in praktischer Hinsicht vor allem sein archaisches und animalisches Erbe in Form seiner Instinkte umfassend anzunehmen und zu berücksichtigen, um so sein Verhalten vollständig und tiefgründig aus einer natürlichen, evolutionären Perspektive zu erkennen und anzupassen. Das lässt angesichts heutiger und kommender Probleme ähnliche Fortschritte wie im Fall der Medizin erwarten (nun aber in geistig-kultureller und sozialer Hinsicht), als dort magische Beschwörungsformeln an übernatürliche Kräfte durch die Erkenntnis und Einsicht in die natürlichen Prozesse ersetzt wurden. Andererseits würde dieser neue Fortschritt zunächst eine Ernüchterung gegenüber dem bisherigen anthropozentrischen Selbstverständnis eines gottgleichen Seins bedeuten, um das sich der ganze Weltenlauf allein dreht.

Das Bekenntnis zu seiner natürlichen Entstehung und zu seinen Instinkten würde die Möglichkeit bieten, alle heutigen Fehlverhaltensweisen des Menschen, wie etwa die sich in der momentanen Finanzkrise offenbarende Gier nach Macht und Reichtum oder die des weiterhin nicht auszurottbaren Rassismus, von den Bedingungen seines natürlichen, evolutionären Seins und Entstehens her zu erklären. Diese Erkenntnis und Erklärung würde dann, genau wie bei der Entdeckung und Überwindung der wahren Ursachen von Seuchen und Krankheiten, eine effektive natürliche Lösung zu ihrer Überwindung eröffnen, statt weiter auf mythologische Vorstellungen von gut und böse zu setzen, die auf einem angeblichen übernatürlichen Ereignis gründen und die auf die heutigen Probleme schon lange nicht mehr passen, sondern die vielmehr selbst Teil des Problems sind.

Ist diese Vernunftlösung ohne religiöse »Effektgebung« möglich? Ja natürlich, denn darin liegt der naheliegende nächste Schritt der stetigen Weiterentwicklung von Geist und Kultur im menschlichen Sein in Auseinandersetzung mit seinem animalischen Erbe. Die Fähigkeiten des menschlichen Geistes bieten alles dazu, dass der Mensch allein mit Hilfe der Vernunft sein geistig-kulturelles Sein darin direkt, elegant und human weiterentwickeln und und zu einem wahren Mensch-Sein hin anpassen kann, auch wenn ihm die Emotionen und sein animalisches Erbe in Form alter, bislang bewährter nun aber unangepasst gewordener Verhaltensweisen, wie etwa dem Macht- und Reichtumstreben, oft etwas anderes sagen. Wenn die Anpassung an veränderte Lebensbedingungen, die durch den Menschen selbst verursacht worden sind, aufgrund des Einflusses darin unangepasster Instinkte nicht direkt über Vernunft und Vorausschau geschehen sollte, werden die Folgen der weiteren technisch-materiellen Entwicklung auf der begrenzten Erde selbst es sein, die den Effekt dazu geben werden, dass die geistige Weiterentwicklung in der Überwindung nicht mehr angepasster Verhaltensweisen sich auf diese indirekte Weise vollziehen wird.

Im Prinzip wird das genauso ablaufen wie in der jetzigen Finanzkrise, bei der bestimmte instinkthafte Interessen dafür sorgten, dass eine vorausschauende Vernunft trotz aller wissenschaftlicher Forschungs- und Überwachungseinrichtungen nicht vorhanden war und die Anpassung des Verhaltens erst durch die unvorhergesehene Gefährdung oder den Zusammenbruch des Systems erzwungen wird. Eine vorausschauende Verhaltensanpassung, die die Gefährdung oder den Zusammenbruch des Finanzsystems verhindert hätte, wäre bei entsprechender geistiger Flexibilität, Offenheit und Weite natürlich möglich gewesen. In anderen Fällen der Überwindung nicht mehr angepasster Verhaltensweisen wird es jedoch nicht nur um abstrakte Vertrauenswerte wie in der Finanzkrise gehen, die jederzeit wiederhergestellt werden können, sondern um die irreversible Gefährdung und Zerstörung existentieller Lebensgrundlagen wie etwa beim Klimawandel. Vom Wesen her entspricht diese Art der Weiterentwicklung, die erst aufgrund eines Scheiterns stattfindet, noch dem alten Evolutionssystem, das nicht auf der geistigen, sondern über Versuch und Irrtum auf der physischen Ebene wirkt, also nicht über die vorausschauende Vernunft, sondern über Katastrophen, Leid, Tod, Kriege, usw.

Es gehört zu den Grundgesetzen der Evolution, dass sie sich von jeher nicht nach einem festen Plan entwickelt, sondern vielmehr über Zufall und Notwendigkeit sowie über Versuch und Irrtum. Heute ist es beim Menschen die Frage, ob sich dieses universale Evolutionsprinzip in der Weiterentwicklung als Auseinandersetzung auf seiner abstrakten, geistigen Ebene als Versuch und Irrtum in seinen Gedanken oder Ideen abspielt, also über eine vielfältige und möglichst weit gefasste Berücksichtigung aller Fakten und Möglichkeiten auf dieser Ebene, die darin als selbstkritische Vernunft langfristig das Wohl aller Lebewesen und die harmonische Weiterentwicklung des Geistig-Kulturellen und Humanen im Blick hat, oder ob es sich aufgrund kurzsichtiger, instinktgeprägter Interessen mit den dazu gehörenden mangelhaften geistigen Auseinandersetzungen als Versuch und Irrtum auf der physischen Ebene abspielt.

Von den Fähigkeiten und der Perspektive des menschlichen Seins aus gesehen ist das letztere eindeutig der unvernünftige und dumme Weg. Die beiden Weltkriege sind Beispiele für diese indirekte und darin unvernünftige Art der Verhaltensanpassung. Besonders das nationalistische und rassistische Verhalten erfuhr in diesen Weltkriegen, als Fortsetzung der letzten religiös bedingten und darin unzureichenden Verhaltensänderung, eine erneute Anpassung in derselben Richtung – und ist trotz dieser jüngsten Katastrophen heute immer noch nicht überwunden. Aus einer evolutionären Perspektive spricht vieles dafür, dass es wie vieles andere deswegen noch nicht überwunden ist, weil aus Mangel an geistiger Vielfalt und geistiger Flexibilität, etwa als Umänderung der Denkart, in einem gespaltenen, unangepassten Weltbild nicht die wahren Ursachen, Auslöser und auch Folgen dieser und weiterer heute unangepasster Verhaltensweisen erkannt werden. Mögliche Konsequenzen eines unangepassten Verhaltens werden dabei wie in der Finanzkrise in dem Festhalten an einem unangepassten Verhalten bis zuletzt beschönigt oder ganz ausgeblendet.

 

Das Geistige als eigentliches Wesen und Ziel des menschlichen Seins

Die Entstehung des menschlichen Seins in der Evolution lässt sich mit folgenden Worten von Konrad Lorenz erkennen:

Während all der gewaltigen Epochen der Erdgeschichte, während deren aus einem tief unter den Bakterien stehenden Vor-Lebewesen unsere vormenschlichen Ahnen entstanden, waren es die Kettenmoleküle der Genome, denen die Leistung anvertraut war, Wissen zu bewahren und es, mit diesem Pfunde wuchernd, zu vermehren. Und nun tritt gegen Ende des Tertiärs urplötzlich ein völlig anders geartetes organisches System auf den Plan, das sich unterfängt, dasselbe zu leisten, nur schneller und besser. [...] Es ist daher keine Übertreibung zu sagen, dass das geistige Leben des Menschen eine neue Art von Leben sei [Kursive Hervorhebung durch K.L.].23

Die weitere Evolution beim Menschen spielt sich wie schon vom ersten Anfang an auf seiner geistigen Ebene in Auseinandersetzung mit seinem vormenschlichen, animalischen Erbe ab, wobei wir uns von diesem animalischen Sein ebensowenig jemals gänzlich befreien werden können, wie von unserem körperlichen Sein. Diese uralte Entwicklung und Auseinandersetzung ist heute nicht zum Stehen gekommen oder hat sich vom Evolutionsprozess gar gänzlich abgekoppelt, wie unser heutiges Selbst- und Weltverständnis es uns erscheinen lässt, sondern in evolutionären Maßstäben gesehen explodiert diese Entwicklung vielmehr geradezu – und zwar in unserem Sein und Verhalten. Viele Menschen reisen um die halbe Welt, um das wiederkehrende Naturschauspiel einer Sonnenfinsternis zu beobachten, bei der einfach nur ein Schatten geworfen wird. Um wieviel großartiger ist dagegen das einzigartige Naturschauspiel der momentanen Evolution in Form des menschlichen Seins, bei der die Verhaltensweise der Religiosität zur Ablösung gelangt, die das Leben, Sein und Verhalten des Menschen erst ermöglichte und es seither in einem wahrhaft »kosmischen Ausmaß« in allen Völkern und zu allen Zeiten als somit »wichtigstes Faktum der Weltgeschichte« gefördert und begleitet hat.

Zur Beobachtung dieses Naturschauspiels muss man nicht einmal reisen oder sonst etwas Äußeres tun, man benötigt dazu im Grunde nur das, was zu dieser Blüte der Evolution in Form des menschlichen Seins geführt hat, nämlich das natürliche Erkenntnis- und Denkvermögen, das, was uns als Menschen eigentlich ausmacht und definiert. Es müsste wie schon ganz am Anfang nur wieder etwas Unsicherheit wagen und sich von seinem animalischen Erbe wieder ein Stück mehr befreien, etwa in dem Streben nach Rang und Macht, in dem es u. a. auch versucht, sich als gottgleiches Sein, das den Tod überwindet und um das sich ganze die Welt alleine dreht, über alle anderen Lebewesen absolut zu erheben.

Vielleicht gelangt in der weitergehenden Befreiung darin sogar die milliardenjahrelange Entwicklung der Evolution selbst zu ihrem Höhepunkt, wenn sie im Bewusstsein und der Reflexion des menschlichen Seins als rein natürliche, evolutionäre Entwicklung in den Strukturen dieser Welt, des in Raum und Zeit getrennten Seins, (und vielleicht auch darüber hinaus) sich ihrer selbst bewusst wird.

Diese Naturschauspiele geschehen nicht nur als fortgesetzte und beschleunigte evolutionäre Entwicklung im Hier und Jetzt vor unseren Augen, sondern darin spielen wir, immerhin, die Hauptrolle – nur leider weitgehend noch unbewusst, da unser Augenmerk noch starr auf das materielle und nicht auf das geistige Wachstum gerichtet ist.

 

1 Immanuel Kant, Kritik der Reinen Vernunft, 1787, B846

2 Friedrich Schiller, Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?, Stuttgart 2006, 24

3 Richard Dawkins in: Im Anfang war (k)ein Gott., Hrsg. T.D. Wabbel, Düsseldorf 2004, 138

4 ebd.

5 ebd.

6 vgl. Schiller, Was heißt und zu welchem Ende...,  26

7 ebd. 24

8 vgl. ebd. 26

9 ebd. 25

10 vgl. ebd. 22-25

11 ebd. 11

12 ebd. 24

13 ebd. 24

14 ebd. 24

15 Kant 1787, BXVI

16 ebd. BXVI

17 ebd. BXVI-BXVII

18 ebd. B846-B847

19 Fünftes Buch Mose/Deuteronomium, Kapitel 20, Vers 13 (Einheitsübersetzung)

20 ebd. Vers 17

21 ebd. Vers 16

22 Ian Morris, Wer regiert die Welt, Frankfurt a.M. 2011, 567

23 Lorenz, Die Rückseite des Spiegels – Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens, München, 1987, 217

 

 

 

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